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22.01.2019, Jamal Tuschick

Inglourious Poets - Junge jüdische Dichter*innen heute

Desintegrative Abendunterhaltung

Adi Keissar, Max Czollek

Von rechts: Miriam Dragina, Adi Keissar, Max Czollek 

Wir freuten uns alle, die fabelhafte Nora Bossong im Haus für Poesie als Gast zu sehen.

Jo Frank

Dem Termin hat er einen getragenen Titel verpasst: Auf der Grenze - Judentum und Dichtung. Das ist der Tonfall des 19. Jahrhunderts. So hat man über die Aussichten in einem jüdisch-christlichen Abendland geredet, unter den Vorzeichen der Assimilierung – erfasst und erhoben von der Aufklärung, deren Sonne allen scheinen sollte. Das Unbehagen an der Assimilation war schon ein Merkmal des Fin de Siècle. Während die Gründerväter noch ihre Zigarren mit den Flammen der Chanukka Kerzen in Brand setzten, ihre Kaiser Wilhelm Bärte wichsten und sich angekommen wähnten im Deutschen Reich als Deutsche jüdischen Glaubens, ahnten ihre Töchter und Söhne ein Scheitern des Projekts der jüdischen Selbstaufgabe. Sie wurden Zionisten und Kommunisten, sie hießen Walter Benjamin, Gershom Scholem und Franz Kafka. Max Czollek ist ein Erbe ihrer Skepsis. Er war der erste Grenzgänger des Abends und sein Kurator. Wir kuratieren jetzt alles, also auch die Abende. While Mati Shemoelof and Hila Amit Abas, two Arab-Jews who were born in Israel but moved to Berlin, writing in Hebrew, which is the language they grew up with, but not their mother-tongue, are engaged in reconnecting the Middle East in Berlin, arbeitet Czollek ebenda auf der Großbaustelle der Desintegration

Er ist Chefingenieur einer jüdisch-muslimisch-feministisch-queeren Leitkultur und einer von jenen, die der Mehrheitsgesellschaft die Marginalisierungswerkzeuge ganz einfach aus der Hand nehmen wollen. Eine Minderheit formiert sich zum intellektuellen Keil und stößt vor, um Deutschland das Desaster einer faschistischen Renaissance zu ersparen.

#MaxCzollek spricht den Feind direkt an. Seine Freund*innen aka Kompliz*innen sind queer und muslimisch oder sonst wie minor. Sie können meine Kompliz*innen angreifen, sagt Czollek, aber rechnen Sie damit, dass wir uns wehren.

Das Credo lautet: Wir gehen nicht weg und wir legen auch keine trails of tears. Anders gesagt: Die Kunst ist politisch und agitierend. Sie ist geladen. Daran ließ keiner von Czolleks Gästen im Haus der Poesie einen Zweifel. Geladen und gekommen waren die ukrainische Schriftstellerjournalistin Miriam Dragina, die israelische Dichterin Adi Keissar und der Berliner Verleger, Übersetzer und Dichter Jo Frank. 

Jemand fragte: „Was vermögen Gedichte in einer taumelnden Gesellschaft?“

Die Antwort lautet: Alles. Oder um es mit Czollek zu sagen: Die Welt läuft aus dem Ruder/und das Gedicht läuft mit.

Israelische Dominanzperspektive

Czollek vergegenwärtigte sich bei der Vorstellung der sephardischen Jüdin Keissar die eigenen aschkenasischen Betonungen, die ihm sonst durch die Lappen der Wahrnehmung gehen. Es fällt ihm schlankweg nicht auf, dass er die „israelische Dominanzperspektive“ repräsentiert. So ist das. Der Gegner sitzt überall und schlägt einen Takt sogar in der eigenen Herzkammer.

Agent*innen der Poesie

Zuerst las Dragina. Sie zieht ihre Bilder aus dem Internet; vor dem Hintergrund künstlicher Intelligenz erscheint (ihr) das Menschliche blass.

Das lyrische Ich fragt: „Wie entgeht man einer Weltraumdepression?“

Die Agentin der Poesie ist auf dem Weg ins All, eine Astro-Argonautin, die sich für „kosmische Anomalien, die eigenen Hände, rostrote Kleidung sowie für die Oberfläche einer Schreibtischplatte interessiert“. Sie nimmt Pflanzen an Bord, um einer Verstimmung zu entgehen. Sie trifft Kuriere mit „intergalaktischen Transportallergien“. Und dann findet sich auch noch ein Herbstblatt mitten im Sommer.

Dragina folgte Frank zum Vortrag. Er baute ein Tableau mit Leuten „vor einer schlecht gemalten Alpenlandschaft“ auf. Ein weißer Wolf traf einen bunten Hund und war gewiss nicht neidisch auf den domestizierten Deppen, der noch nicht mal in der Notaufnahme der „Hamsterhilfe“ mit Zuspruch rechnen durfte.   

Der Wolf gab seiner Indifferenz den würdigsten Ausdruck. Bei ihm reimte sich alles, sogar die Furcht, es könne mehr Badewannen als Wassermoleküle in der Welt geben. Das erinnerte ihn oder mich an Heiner Müller, der nach einer Schaben-Offensive in seiner Hochhausbadewanne mit melancholischem Durchblick sich zu der Frage ermächtigte:

Wer wohnt gegen wen?

Die Schaben gehörten zu den Sieben Mallorca-Plagen, von denen die DDR verschont geblieben war, bis zu Müllers Hamlet-Inszenierung am Deutschen Theater 1990 mit Ulrich Mühe.

In der Einsamkeit der Flughäfen/Atme ich auf Ich bin/ein Privilegierter Mein Ekel/ist ein Privileg.

Keissar fragte nach Frank: „Denn was ist Lyrik anderes, als die Beine zu spreizen und auf die Straße zu scheißen.“

„Verschwindet aus meinem Haus, ich kenne euch nicht.“

Ich bin die (jemenitische Jüdin), „die Bulgakow liest“. 

Das lyrische Ich wird abwertend gemustert, taxiert, arabisiert, dem Dreck der Straße zugeordnet. Es wehrt sich mit Phantasie:

„Schwarze Magie/Ich baue einen Sprengkörper aus Konsonanten … ich bin eine Seitenstraßenfrau … ich bin ein hängendes Starkstromkabel … ihr seid mumifizierte Gedanken … ihr solltet vorsichtig sein, falls wir weiterhin hungrig bleiben.“

Das ist die sephardische Opposition gegen die israelische Dominanzperspektive. Man könnte viele Fässer aufmachen. Frank sagte: „Zweifellos gibt es mehr Probleme als Lösungen.“

Zugleich ist Literatur ein Spiel mit Identitäten und es gibt in der Sphäre des Literaturgesprächs keinen Grund, in einem Blutsumpf der Gegensätze zu versinken. Der Abend gehörte der Einheit. Czollek fand dafür die Formel: „We talk about living jews.“

Das ist in Deutschland keine Selbstverständlichkeit.   

Frank ermutigte Czollek:

„Moving on, Max.“

Dem Wort sollten wir Flügel verleihen. Das Engagement älterer Aktivist*innen, so Frank, sei eine Verpflichtung, selbst mehr zu tun. Dragina näherte sich dem Thema vom anderen Ende. Sie berichtete, dass viele Juden die Ukraine in den 1990er Jahren aufgegeben haben. Sie erwähnte Kämpfe gegen Antisemiten. Sie stellte fest:

„It’s better to keep your jewishness to yourself.“

Keissar ergänzte:

„In Israel you are a Mizrachim, in Germany you are a Brazilian.“

„Denkt man außerhalb Israels an Juden, denkt man gewiss nicht an mich.“

Sie sagte auch: „In Israel ist das Jüdischsein weiß.“

Ihr Vater kam aus seinem Nordafrika, bevor der jüdische Staat entstand. Er hatte religiöse Gründe für seinen Umzug. Siehe auch Die Arroganz der Anderen

Keissars Lyrik hat keinen europäischen Rahmen. Ihre Arbeit gleicht einer langen Reise zurück zu ihrer jemenitischen Identität (im Kreuzfeuer israelischer Einflüsse).

„Da ist vieles, was ich liebe, so wie dancing with the book.“ 

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