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22.01.2019, Jamal Tuschick

In Delphine de Vigans Roman „Loyalitäten“ wankt das Personal zu den Ausgängen der Geschichte.

Getünchte Fahne

Vermutlich wird kein Mensch des späten XXI. Jahrhunderts in seinen Deutungen der Frühzeit eines neuen Jahrtausends von neoliberalen Auswüchsen in entsolidarisierten Gesellschaften reden.

Vielleicht wird man in einer besseren Zukunft das Schauspiel unserer Gegenwart so grauenhaft finden wie wir unsere Vorstellungen vom finsteren Mittelalter mit seinen Galgenbäumen, pestflüchtigen Flagellanten und planetarisch ausschwärmenden Rattenkohorten. Vermutlich wird kein Mensch des späten XXI. Jahrhunderts in seinen Deutungen der Frühzeit eines neuen Jahrtausends von neoliberalen Auswüchsen in entsolidarisierten Gesellschaften reden. Unser Intelligenzbesteck könnte in einem Sarkophag aus überlagernden Begriffen schlicht und ergreifend nicht mehr identifizierbar sein. Das fällt mir ein, während ich Delphine de Vigans „Loyalitäten“ lese. Lauter zerstörte Solisten spielen in dem Roman ihre Rollen. Die Autorin erzählt von der großen Vereinzelung. Die Vereinzelung ist ein Strafgericht. Es setzt Schläge, die das Bewusstsein atomisieren. Betäubt wankt das Personal zu den Ausgängen der Geschichte.

Delphine de Vigan, „Loyalitäten“, aus dem Französischen von Doris Heinemann, Roman, Dumont, 123 Seiten, 20,-

Der zwölfjährige Theo Lubin betrinkt sich bei jeder Gelegenheit und tüncht die Fahne mit Kaugummi der Geschmacksrichtung Menthol-Lakritz. Sediert und losgelöst bewältigt das Scheidungskind einen Alltag zwischen depressiv-alkoholkrankem arbeitslosem Vater und furios verbitterter Mutter. Theo pendelt im Wochentakt zwischen ruinierten Existenzen. Als Zeuge doppelten Versagens steht er in der Pflicht zu schweigen.

Theo darf sich zu den gültigen Verfassungen seiner Eltern nicht äußern. Offiziell ist „seine Mutter leitende Angestellte in einem pharmazeutischen Labor, sein Vater (berufstätiger) Informatiker“ und nicht dieser eingepisste Typ, der sich auf nichts mehr konzentrieren kann.

Acht Metrostationen trennen die Spielarten des Unglücks. Die Mutter sieht im Sohn einen Agenten ihres Feindes. Sobald sie ihn übernimmt, setzt sie ihn einer Quarantäne und inquisitorischen Maßnahmen aus.

Delphine de Vigan lässt Protagonist*innen in der ersten Person zu Wort kommen. Die Lehrerin Hélène Destrée schenkt Theo besondere Aufmerksamkeit. Wie er sich wegduckt und sich unsichtbar zu machen versucht und so bedächtig schwankt wie ein erfahrener Trinker: das weist auf erlittenen Missbrauch hin. Hélène insistiert. Theo fürchtet, denunziert worden zu sein. Das Interesse der Lehrerin ist ihm lästig. Es vergrößert die Zumutungen erwachsenen Misstrauens. Theo fühlt sich eingekesselt.

Hélènes Sorge rührt von einschlägigen Erlebnissen – eine üble Familiengeschichte mehr in einem Roman, in dem nur der öffentliche Verkehr nicht zusammenbricht.

De Vigan schildert eine Implosion des Sozialen.

Hélène projiziert. Sie unterstellt Theo ihre eigenen, einem trinkenden und schlagenden Vater geschuldeten Entbehrungen. Sie tritt über ihre Ufer und geht zu weit.  

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