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23.01.2019, Jamal Tuschick

Die heiligen Texte als Echoraum der Poesie. - „Alle Dichtung ist zunächst ein Selbstgespräch.“ Jakob Hessing

Politisch verkatert

Jakob Hessing, Thomas Sparr, Christiane Lange im Haus der Poesie (Literaturwerkstatt Berlin)

Jakob Hessing 

Um seine Familie in Israel über Wasser zu halten, schrieb er Groschenromane, die in Deutschland erschienen. Jakob Hessing war beinah fünfzig, als man ihn zum Professor machte und aus der Not nahm. Im Gegenzug führte er die Germanistik in Israel aus Schuld- und Schamkammern in ein akademisches Belvedere. Andere deutsche Israelis hebräisierten ihre Existenz. Hessing blieb existenziell prosaisch. Das sprach sich wie auf Kellerstufen aus in der Vorsicht, mit der Thomas Sparr Hessing porträtierte. Der Verleger und Literaturwissenschaftlicher stellte dann auch vorsichtige Fragen, die unvorsichtig aus- und abschweifend beantwortet wurden.

„Wenn einen mit einem Menschen etwas verbindet, dann stellt man bestimmte Fragen nicht.“ Thomas Sparr

Hessing kam in einem Versteck zur Welt. Ihn befreite die Rote Armee vor den Nazis.

„Die Zufälle einer grauenhaften Geschichte verschlugen mich und meine polnischen Eltern nach Deutschland.“

Der Vater war ein Tora-Gelehrter, der nach dem Krieg nie mehr in eine Synagoge ging.

Jakob wuchs in Berlin-Charlottenburg auf; das nächste Kino steckte in einem Eckhaus in der Bleibtreustraße, die im Ulysses Erwähnung findet. Er sah da Filme aus der Werkstatt von Artur Brauner, der zunächst die Geschichte nicht ruhen lassen wollte, und mit „Morituri“ 1947 den ersten deutschen Spielfilm produzierte, in dem der Holocaust vorkam.

In einer Familienlegende der Hessings tritt Brauner als rettender Held auf.

Jakob war der einzige Jude seiner Abiturklasse. 1964 ging er nach Israel, angelockt von, ich glaube, sozialistischen Gemeinschaftsidealen, die er in einem Kibbuz verwirklicht fand. Nie sei Israel linker gewesen, als in der Ära seiner Ankunft. Seither bewege sich der jüdische Staat nach rechts.  

„Die Zufälle meines Lebens. – Wer darin ein Schicksal erkennt, dem widerspreche ich nicht.“

Hessing lernte Hebräisch, „die Sakralsprache der Juden“. Er studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er arbeitete u.a. über Else Lasker-Schüler und gab lange den von Sparr bei Suhrkamp betreuten „Jüdischen Almanach“ heraus. In Berliner Haus der Poesie trug er seine Münchner Rede zur Poesie vor; eingeleitet von dem Satz:

„Wie hast du’s mit der Poesie?“

Die Gretchenfrage beantwortete er autobiografisch:

„Das Gretchen meiner Phantasie, das war ich selbst.“

Und so näherte er sich ihm „im Selbstgespräch“.

Das Wort stellt sich vor die Dunkelheit des Nichts

„Alle Dichtung ist zunächst ein Selbstgespräch. Sie hält die Schlüssel für eine Welt bereit, die uns sonst verschlossen bliebe.“

Das Wunderbare daran, schildert Hessing in seinem Vortrag am Beispiel eines Übersetzungsrauschs.

„Ich weiß, dass ist nicht möglich, doch in meiner Erinnerung habe ich Chaim Nachman Bialiks 1915 entstandener Aufsatz Entdecken und Verhüllen in der Sprache in einer Nacht übersetzt.“

Hessing rückt den Schöpfungsakt in die Nähe einer Offenbarung. Er gibt seinem Fleiß und Eifer (der Leidenschaft und Zugewandtheit) eine mythische Dimension.

Er spricht mit Bialik:

„Die Sprache stellt sich zwischen uns und die Dinge … Jedes Wort verhüllt einen Bruchteil des Nichts.“

Hessing dreht sich gedanklich zwischen Bialik und Lasker-Schüler, die als Debütantin mit Gottfried Benn verkehrte.

„Man konnte mit ihr nicht über die Straße gehen, ohne dass alle Welt ihr nachsah.“ Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler

Hessing weist Benn Verlogenheit nach. Benn habe es wenige Jahre nach dem Krieg in einer Rede fertiggebracht, der in Deutschland lange verfemten Lasker-Schüler als Verschmelzungsvirtuosin, die das Deutschjüdische auf die höchste ästhetische Stufe zu stellen vermochte, ein gemeines hätte nahezulegen. Dieser lyrische Gipfel hätte auch politische Folgen haben können.

Das hätte ist der Killer.

Es suggeriert eine Vergeblichkeit der Kunst als gesellschaftliche Anstrengung und ignoriert die Demokratieverachtung - und den Ekel mancher Dichter vor der Weimarer Republik. Reaktionäre, die sich revolutionär fanden, schrieben sehr wohl Geschichte. Sie förderten den Faschismus, in dem sich nach ihren Begriffen eine von Alarich über Arminius bis Albion vor dem Ende des ersten christlichen Jahrtausends germanisch geprägte und in der Rezeption verkitscht erfundene und verklärte Vergangenheit mit einer fabelhaften Maschinenzukunft in Science Fiction Manier kreuzte. Der Faschismus brachte den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts in die römische Dimension – Weltherrschaft nach den Maximen einer Sklavenhaltergesellschaft. Der globale Herrschaftsvirus hatte sich in der Neuzeit nach der Reconquista mit dem Gold der Mayas und Azteken zuerst im Süden Europas ausgebreitet, dann den Westen infiziert und erst im späten 19. Jahrhundert Deutschland erreicht. Man wähnte sich an der Reihe, nicht nur als Herr Hitler.   

Kein Zweifel, dass Benn die Kollektivvision absichtlich unterschlug. Man war als Deutscher Anfang der Fünfziger politisch verkatert und larmoyant.

Hessing las das von Benn besonders gerühmte, in einer Invektive gelagerte, 1905 zuerst veröffentliche Gedicht

Mein Volk  

Der Fels wird morsch,

Dem ich entspringe

Und meine Gotteslieder singe …

Jäh stürz ich vom Weg

Und riesele ganz in mir

Fernab, allein über Klagegestein

Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt

Von meines Blutes

Mostvergorenheit.

Und immer, immer noch der Widerhall

In mir,

Wenn schauerlich gen Ost

Das morsche Felsgebein

Mein Volk

Zu Gott schreit.

...

Hessing sagte noch: „Worte sind Brücken über die Abgründe der Zeit.“

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