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24.01.2019, Jamal Tuschick

Anachronistische Volkstümlichkeit - Jiddische Lyrik aus New York im Berliner Haus der Poesie.

Lautmalermeister

Boris Sandler, Evgeny Kissin, Gitl Schaechter-Viswanath, Armin Eidherr

Armin Eidherr (links) im Gespräch mit Boris Sandler.

Das Jiddische hat die Schtetl überlebt und weitgehend wohl auch seine Funktionen als Umgangssprache – im Gegensatz zur Sakralsprache Hebräisch. Als Gegenstand der Liebe findet es in der Kunst akute Bedeutungen. Davon war die Rede am letzten Abend der dreitägigen Veranstaltungsreihe Auf der Grenze im Berliner Haus der Poesie. Zu Wort kamen Evgeny Kissin (Jewgeni Igorewitsch Kissin, geboren 1971 in Moskau), der das Jiddische von seinen Großeltern erlernte und als Einjähriger bereits Bachfugen summte, Gitl Schaechter-Viswanath (geboren 1958 in New York, aufgewachsen in der Bronx), die mit der Herausgabe eines englisch-jiddischen Wörterbuchs das Lebenswerk ihres Vaters vollendete, und Boris Sandler (geboren 1950 in Bălți), der alltäglich Jiddisch spricht und schreibt. Der Salzburger Übersetzer Armin Eidherr stellte die Dichterin und ihre Kollegen vor. Eidherr wies darauf hin, dass in Sandlers moldawisch-bessarabischem Ursprungsmilieu das Jiddische noch tonangebend gewesen war. Sandler wurde jiddisch sozialisiert. Das macht ihn zu einer Autorität auch auf dem Gebiet der phonetischen Feinheiten. Eidherr bat das Publikum wiederholt, sich nicht in die kursierenden Übersetzungen der Gedichte zu knien, sondern dem Klang zu gehorchen.

Irgendwer sagte, irgendwen zitierend: „Eine Übersetzung sei wie ein Kuss durch ein Taschentuch.“

Das Auditorium verstand jede Menge Jiddisch; das war für die im anglo-amerikanischen Raum beheimateten Künstler vielleicht noch einmal ein besonderes Erlebnis. Ihre Verkehrssprache ist englisch/amerikanisch, also Meilen weit weg vom Jiddischen; während Deutsch in der Nachbarschaft ankert.

„Die jiddische Dichtung hat kein Land“, sagte Eidherr, bevor Kissin mit einer Extraverbeugung vor seinem Mentor Sandler in die Bütt stieg. Da war viel Fiddler on the Roof und Chagall der Worte. Eine Tradition der Verniedlichungen sprach sich aus.

„Die gute alte Zeit im kühlen Obstgärtchen.“

Kissin beschwor den epochalen Abendglanz, der seine sowjetrussische Großelternwelt beschien. Er gab sich als Nostalgiker zu erkennen, hingerissen von Modulationskapriolen. Kissin trug alles freihändig, das heißt auswendig vor. Die Gedächtnisleistung erschien enorm.  

„Stolz ist mein Geist, streng meine Gestaltung.

Siebenunddreißig Jahrhunderte alt bin ich.“

Ich vernahm das Geschlechtergrollen, die Dynastien der Diaspora, den Sehnsuchtssound von „Wüste, Jericho und Jerusalem“.

Sollte einer der Sechsunddreißig, wegen denen die Welt besteht, im Raum sein? Er wüsste es nicht.

Alles ist Überlieferung, Vermächtnis, Schmerz und Schatztruhe; ist das Hohe Lied herabgestimmt zu einer anachronistischen Volkstümlichkeit. Ist Mythe, ist Myrrhe ...

„Jede Letter ist eine Feuersäule“ … ist Rauchzeichen und Menetekel.

„Eine Jude bin ich,

und in dieser prophetischen Stunde –

ob es euch zu hören gefällt oder nicht –

bin ich hier!

Dann trug Schaechter-Viswanath vor. Ihre Lyrik gleicht einer Wallfahrt in die Gegenwart voll „glühend fließendem Lebenssaft“. „Ein Schuh auf der Second Avenue“ stiftet ein Gedicht. Man ahnt die Village Voices von Ginsberg und Ferlinghetti oder Corso und dieses US-Chassidische im Mixer der Times Square Hipster mit „leeren Äuglein“, so „trauervoll“. In der „Hitze der Ausbeuterbetriebe“ verdampfen „Sklaventräume“.

„Hochglanz-Straßen“ heißt auf Jiddisch geschliffene Gassen. Das ist doch schöner.  

Schaechter-Viswanath berichtete von einem großen japanischen Interesse am Jiddischen. Ein Fan habe ich anvertraut, ohne ein Wort zu verstehen, den ganzen Tag Jiddisch zu hören. Ferner besteht eine japanische Gemeinde, die Jiddisch versteht. Es gibt ein Jiddisch-Japanisches Wörterbuch, herausgegeben von dem Germanisten Kazuo Ueda, der sich auch mit den bairischen Dialekten (Ostoberdeutsch) beschäftigt, die vom Standarddeutsch weiter entfernt sind als Dänisch von Norwegisch.  

Eidherr riet der Dichterin zu Fußnoten. Sie entgegnete dem Sinn nach: Wer in der Poesie Fußnoten nötig hat, ist nicht genau genug, um das eigene Herz zu treffen. Dem fehlt das richtige Wort und das muss er erklären.

Nun äußerte sich der Doyen des Jiddischen – ein nomadisierender Lautmalermeister. In allen Städten auf seiner Weltbahn spricht Sandler die Häuser und Straßen jiddisch an. Und alle verstehen ihn.

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