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24.01.2019, Jamal Tuschick

Wiebke Eden erzählt von einer Friedensaktivistin, die sich mit 72 Jahren berufen fühlt, aktiven Widerstand zu leisten …

Cornelia Becker stellt im Mainlabor Wiebke Edens Roman "Die Schatten eines Jahres" vor.

Mathilde hat ein Geheimnis. Viele Jahre hat sie es in sich verschlossen.

Sie ist 72 Jahre alt, als sie sich entschließt, aktiv an den Protesten gegen die geplanten Atomwaffenlager in Mutlangen teilzunehmen. Die „unbescholtene Bürgerin“ wandelt sich in eine friedensbewegte leidenschaftliche Aktivistin. Mehrmals wird sie bei den Sitzblockaden verwarnt, schließlich festgenommen und zu  Sozialstunden im Park verurteilt. Eine erstaunlich quirlige und sympathische Frau wird uns vorgestellt; leicht hingetupft erfahren wir von ihrem bürgerlichen Leben, den Reaktionen ihrer beiden erwachsenen Kinder und Enkel, die nicht nur einverstanden sind, mit der Politisierung ihrer Mutter und Großmutter.

Wiebke Eden, Die Schatten eines Jahres. Roman, Bübül Verlag Berlin, 18.- ISBN 978-3-946807-26-1

Langsam werden wir tiefer in ihr Leben, ihre Vergangenheit hineingezogen. Mathilde war eine der ersten fünf Stewardessen, die 1938 in den neuen Passagiermaschinen der Deutschen Luftfahrtsgesellschaft eingesetzt wurden. Auf einem Flug lernt sie ihren zukünftigen Mann, den Funker Konrad Kampen kennen. 1939, kurz nach ihrer Hochzeit wird Konrad nach Barcelona versetzt. Sie begleitet ihn ins franquistische Spanien. Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges haben sich einige nazitreue Deutsche bequem eingerichtet im zerbombten Barcelona. Hakenkreuzfahnen neben Palmen und Jugendstilfassaden. Man lässt es sich gutgehen, pflegt gesellschaftlichen Umgang, doch dicht unter der Oberfläche ist die Atmosphäre von Misstrauen vergiftet. Mathilda, durch die häufigen Einsätze ihres Mannes, oft alleingelassen, beginnt sich schnell zu langweilen. Die artigen Treffen mit den Gattinnen in der deutschen Nachbarschaft, der Austausch von Kochrezepten und Schnittmustern reichen der vormals unabhängigen Frau nicht mehr aus und sie lässt sich auf eine zwielichtige Geschichte mit dem deutschen Faschisten Heiberg ein. Lässt sich von ihm dazu überreden, Berichte von den Bewohnern der deutschen Enklave zu verfassen und ihm zukommen zu lassen. Sie wird zur Spionin auf Zeit. Wie sie sich schließlich aus dem Lügengewirr, dem Doppelleben befreit, wird hier nicht verraten.

Als wir die Pazifistin Mathilda kennenlernen, hat sie diesen Teil ihrer Vergangenheit gut in sich verriegelt. Die Begegnungen, die Gespräche mit anderen Aktivisten rütteln sie wach und sie wird in ihren Grundfesten verunsichert. Und jetzt, nach langen Jahren erfolgreicher Verdrängung muss sie sich fragen, wie sie sich  „für das Vaterland“, die „ Sicherheitsbelange des Reiches“ hat instrumentalisieren lassen und es geschafft hat, ihre anfänglichen Skrupel beiseite zu legen. Von diesem Konflikt lebt der Roman: dieser Bruch in der so sympathischen Mathilde, die in sich ein dunkles Geheimnis bewahrt. Die sich schuldig gemacht hat, dies aber erst jetzt im hohen Alter realisiert.

Eine gut recherchierte Erzählung. Die klare und unprätentiöse Sprache der Autorin zieht in das Geschehen hinein. Atmosphärisch dicht drängt sie dem Konflikt entgegen. Souverän führt uns Eden durch die verschiedenen Zeiten und Orte.

Großes Lesevergnügen, in drei Nächten verschlungen.

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