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26.01.2019, Jamal Tuschick

„Maria Stuart“ – Regisseurin Josie Rourke bemüht sich um eine neue Lesart weiblicher Herrschaft. Sie webt Stahl in das Band zwischen Maria S. und Elisabeth Tudor.

Royaler Feminismus

Die Königinnen schweben als Schwestern gleichermaßen über den Erscheinungen des plebejischen Alltags und den dynastischen Gipfeln. Ihnen ist kein Mann ebenbürtig. Sie müssen sich in jedem Fall herablassen. Der Film beweist die Kraft einer starken Erzählung. Die Wirklichkeit wird zum Werkzeug der Dichtung. Auf dieser Welt gibt es keinen Menschen, der es besser weiß. Es könnte in Wahrheit so gewesen sein wie im Kino. Clownesk wirkende Männer vergehen sich an großartigen Frauen mit schlechten Ratschlägen, illoyalen Aktionen und Impotenz.

Eingebetteter Medieninhalt

Großbritanniens Weg zur Weltmacht ebnete „die Jungfrau auf dem Thron“ Elisabeth Tudor – eine Tochter des Blutsäufers Heinrich VIII. und Anne Boleyn, gezeugt in einer vom Papst für ungültig erklärten Ehe. Die Namensgeberin einer Epoche erhob ihre Piraten in den Adelsstand. Ich erinnere an Sir Francis Drake. Elisabeth duellierte sich bis zum Tod der Unterlegenen mit einer Großcousine, deren Anspruch als Enkelin einer unumstrittenen Tudor auf die englische Krone hiebfester war ihr eigener.

Maria Stuart/GB 2018. Regie: Josie Rourke. Mit Saoirse Ronan, Margot Robbie, James Ardle, Joe Alwyn, Jack Lowden, David Tennant

Maria Stuart (1542 - 1587) wurde im Alter von sechs Tagen Königin von Schottland und mit siebzehn Witwe des französischen Thronfolgers. Die formelle Krönung zur schottischen Königin erfolgte ein Jahr nach ihrer Geburt. Vier Jahre später zwangen englische Interventionen die Fünfjährige ins Exil nach Frankreich. Sie heiratete 1558 einen fünfzehnjährigen Königssohn, der bald starb. 1561 kehrte Maria (nach ihren Weltbegriffen als Königin von Schottland, Frankreich und England) in ihre ursprüngliche Heimat zurück, bloßgestellt von der französischen Anerkennung der englischen Herrschaft in Schottland. – Und besonders in Gefahr, da sie im Geltungsbereich einer Kirchenreform, die Heinrich VIII. durchgepeitscht hatte, katholisch blieb. 1587 ließ Elisabeth sie hinrichten. 

In diesem historischen Rahmen stellt Josie Rourke die Zweite an die erste Stelle. Die Regisseurin behauptete gegenüber dem Deutschlandfunk, den Film gemacht zu haben, um selbst mehr über Maria Stuart zu erfahren. Rourke bemüht sich um eine neue Lesart weiblicher Herrschaft. Sie webt Stahl in das Band zwischen Maria S. (Saoirse Ronan) und Elisabeth Tudor (Margot Robbie). Die Königinnen schweben als Schwestern gleichermaßen über den Erscheinungen des plebejischen Alltags und den dynastischen Gipfeln. Ihnen ist kein Mann ebenbürtig. Sie müssen sich in jedem Fall herablassen. Der Film beweist die Kraft einer starken Erzählung. Die Wirklichkeit wird zum Werkzeug der Dichtung. Auf dieser Welt gibt es keinen Menschen, der es besser weiß. Es könnte in Wahrheit so gewesen sein wie im Kino. Clownesk wirkende Männer vergehen sich an großartigen Frauen mit schlechten Ratschlägen, illoyalen Aktionen und Impotenz.

Unerbittliche Trauer 

Der berühmtesten Stuart kam mit einigem Abstand Anne Stuart (1665 - 1714) nach. Anne war die erste Königin von Großbritannien und die letzte britische Königin ihrer Dynastie. Sie wurde achtzehn Mal schwanger, erlitt dreizehn Fehlgeburten und führte Krieg gegen Frankreich. Folgt man Rourke, dann besaß Maria europäisches Regierungsformat. Sie war durchdrungen von ihrer Ausnahmestellung im Gefüge der Zeit. Mit dieser Sendung ging sie zum Schafott.  

Die Geschichte wird kreisrund erzählt. Am Anfang und am Ende holen Elisabeths Emissäre die Todgeweihte aus ihrer Zelle und führen sie zur Hinrichtungsstätte. Man sieht die Siegerin hinter Schleiern unerbittlich trauernd um die „Schwester“ – die einzige, die weiß, wie es sich anfühlt Königin zu sein.

Elisabeth gab der britischen Vormacht die Richtung an, indem sie Männer losschickte, die persönlich mit ihr verbunden waren. Der Film suggeriert eine Freiheit und Diversität an den Höfen der Rivalinnen im Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, LGBTQ).  

Elisabeth begreift sich als Mann. Jedenfalls schildert Rourke sie so, um wiederholt die Darstellung zu brechen, so dass der Zustand einer Ledigen ohne leibliche Nachkommen Grund zur Klage liefert und die historische Figur in der Nähe der Überlieferungen von einer Virgin Queen (nach der Virginia benannt wurde) zu belassen. Ein halbes Jahrtausend nach Guillaume Le Bastards Besteigung des englischen Throns und der Etablierung einer franko-normannisch-englischen Feudalherrschaft, tritt England mit Elisabeth schon sehr britisch ins Weltgeschehen ein – in Konkurrenz zu Spanien, Frankreich und den Niederlanden. Der Streit vor der Haustür, in dem Maria Stuart als Gegenspielerin unerwartet auftaucht, gleicht im Vergleich mit dem globalen Engagement einer Belästigung der Bauherrin des Empire. Rückständige Chieftains bestehen auf blutige Besuche der überlegenen Nachbarn. Sie wollen sich nicht ergeben. Die aus Frankreich nicht unbedingt freiwillig zurückgekehrte Maria stellt sich an die Spitze des Widerstands, ohne darum gebeten worden zu sein.  

Die englische Patientin

Ihr katholischer Glaube und ihre kontinentalen Gewohnheiten bringen sie in Verruf. Der Reformator John Knox hetzt besonders gegen sie. Mit evangelischem Eifer dirigiert er die Hasschöre. Man beschimpft Maria als „Hure auf dem Thron“. David Tennant spielt Knox so, dass man den Schauspieler in seiner Rolle nicht wiedererkennt. Viele Protagonisten wirken märchenhaft überzogen und zugleich wie Hipster auf einer Themen-Party.

Maria spricht französisch. Ihre Vorstellungen von einem Hof und einer Königin wurden in Paris geschmiedet. Sie hätte auf Schottland wie auf jeden Menschen herabgesehen, wäre ihr halbwüchsiger Gatte nicht in seiner Pubertät gestorben - und ihre Schwiegermutter, diese „italienische Krämerin“ nicht allzu erpicht darauf gewesen, die Schottin aus dem genetischen Wettlauf zu treten. Die jugendliche Witwe weiß, dass sie einen Mann braucht, um im Business zu bleiben. In Szenen mit dampfenden Pferdeleibern (wie auf Gemälden von Velasquez) nähert sie sich ihrem Ziel – einem nahezu ebenbürtigen Bräutigam. Sie entscheidet sich für ihren Cousin Lord Darnley, der sie nicht nur als Katholik auf einer Frontlinie im Kampf um die Doppelkrone unterstützt. Er hat auch Anspruch auf den englischen Thron. Das verschärft den Konflikt zwischen Elisabeth und Maria, aber auch zwischen Maria und ihrem wild-protestantischen Halbbruder James, der in ihrer Abwesenheit als Platzhalter fungierte und nun eigene Interessen verfolgt. Bei einem Treffen verschont Maria ihn zu ihrem Nachteil. Seine Undankbarkeit zieht sich als Signalleuchte des männlichen Verrats durch die Geschichte.

Die legitime Maria hat Elisabeth gegen sich, während der illegitime James viele Lords auf seiner Seite weiß. Das ist die Konstellation, in der Herrschaft gelingen muss. Maria nötigt ihren schwulen Ehemann zum Sex. Schwanger zieht sie in die Schlacht. Zu ihrer Freude erfährt sie, dass die Konkurrentin zur Patientin geworden ist. Die Pocken haben sie erwischt und vollbringen ein Werk der Verunstaltung. 

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