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28.01.2019, Jamal Tuschick

Roja ist als Tochter politischer Flüchtlinge aus dem Iran in Deutschland aufgewachsen. Sie ist eine von vielen Frauen mit Migrationshintergrund, die sich jeden Tag gegen negative Zuschreibungen doppelt beweisen müssen.

Frau, migrantisch, blöd?

Ich wollte mal einen Gedanken anstoßen, der lange Zeit in meinem Kopf herumirrte, aber sich nie zu Worten ausformulieren ließ, weil ich zu nah dran war, zu tief involviert. Vielleicht bin ich es immer noch. Aber vielleicht kann ich den ein oder anderen zum Nachdenken anregen.

Seh ich dumm aus?

Sobald ich in die Uni gehe, auf die Arbeit, ins Büro, zu irgendwelchen Behörden, oder sonst zu irgendeinem Ort, wo mein Intellekt nur im Ansatz gefragt ist, bemühe ich mich immer, nicht geschminkt auszusehen, nicht zu enge Sachen zu tragen, nicht zu gestyled zu sein. Kurz, meine Weiblichkeit nicht mit Nachdruck zur Show zu stellen. Wenn ich durch Zufall etwas mehr geschminkt bin als sonst, fühle ich mich unwohl und unsicher in meinem Auftreten. Ich frage mich, was mein Gegenüber von mir hält. Und die Gedanken gehen so weit, dass ich mich frage, ob ich dumm aussehe, weniger gebildet, unangepasst. Es ist ein unglaublich frauenverachtender Gedanke in diesem pseudo-emanzipierten Mikrokosmos, mit dem ich jedes Mal zu kämpfen habe. Den ich mir paradoxerweise selbst zumute, denn ich weiß wie die Welt funktioniert, und ich weiß, dass Stereotype egal wie fraglich sie sind, die kompliziertere Welt ein wenig verunkomplizieren.

Eine traurige Vorbelastung

Und ich habe, so traurig es klingt – aber es ist in dieser Gesellschaft einfach so- eine Vorbelastung! Ich habe schwarze Haare, dunkle Augen, und Olivfarbende Haut. Ich gehöre und gehörte immer einer Minderheit an. Es geht darum, dass ich mich in meinem Leben immer zweimal beweisen musste. Und so geht es bestimmt vielen Migrantinnen, die hier groß geworden sind. Ich musste mich mein Leben lang den Menschen erklären, dass ich ein Mensch mit seiner ganz eigenen Geschichte und Herkunft bin. Dass iranisch nicht gleich arabisch ist, dass meine gesamte Familie Atheisten sind, und dass sich noch dazu meine politische Gesinnung vielleicht nicht dem common Sense der kapitalistischen Gesellschaft unterordnen lässt. Vor allem musste ich beweisen, dass ich nicht das bin, was sie sehen wollen, wenn sie schwarze Haare und dunkle Augen sehen. Und selbst wenn ich das wäre, wollte ich nicht, dass sie meinen zu wissen, wer ich bin. Und auch in der Art und Weise, wie ich als Frau wahrgenommen werde, habe ich jeden Tag das Gefühl, diesen Kampf weiter kämpfen zu müssen. Zu beweisen, dass ich nicht gleich Stuss labere, weil ich gerne künstliche Wimpern trage. Dass ich Politik unterrichten möchte und werde, auch wenn ich mir gerne eine Stunde mein Gesicht bemale und eine Leidenschaft für Mode habe.

Ich habe immer das Gefühl, meine Herkunft, meine weibliche Rolle, einfach alles wer ich bin rechtfertigen zu müssen.

Vielleicht ist das teils eine Art Opferrolle, die man einnimmt, wenn man sich sein ganzes Leben für sein Dasein rechtfertigen muss, aber teils auch die Realität, die Art und Weise wie du gesehen wirst. Und wie der Zufall so will – was ich übrigens unglaublich witzig finde (weil ich schwarzen Humor liebe) – bin ich mit meiner MS-Erkrankung zu einer noch exotischeren Randerscheinung geworden und rechtfertige ständig, dass ich nicht sterbenskrank bin, und dass ich auch nicht so angesehen werden möchte als wäre ich sterbenskrank. Und das ist falsch. Sowohl von mir, als auch von den Individuen, die mich so ansehen, weil ihr Geist von der Gesellschaft so klein gehalten wurde, dass etwas verurteilendes in ihren Blicken steckt.

Du bist ja ganz anders, als du aussiehst

Vielleicht ist „verurteilend“ ein zu starker Ausdruck. Du siehst in den ersten Sekunden der Begegnung, wie sie dich anfangen in ihrem System im Kopf einzuordnen, in die besagte Schublade zu stecken ohne Rückfragen zu stellen. Und genau dieses System probierst du dann zu durchbrechen, indem du deine Individualität versuchst zu unterstreichen und schon steckst du im Antwortkatalog der Rechtfertigungen. Wie oft habe ich den Satz gehört: „Du bist ja ganz anders, als du aussiehst“ – und ich habe dann immer begeistert genickt wie ein Knecht, weil ich dachte: „Jaaaaaa endlich sieht jemand, dass mehr in mir steckt“.

Doch wie anders bin ich denn eigentlich? Weniger ausländisch? Weniger weiblich? Weniger dumm?

Dabei ist dieser Gedanke so erbärmlich und es sollte mir gleichgültig sein, wie mich wer anguckt und was derjenige dabei denkt. Aber im Gefängnis meiner Gedanken, die Projektionen genau dieser gesellschaftlichen Mitte sind, werde ich immer meine Mutter sagen hören: „Zieh dich vernünftig an- die Leute sollen nichts Falsches denken!“. Und das von dem Kopf einer Rebellion, einer Revolution, die aber so sehr unterdrückt wurde, dass meine Mutter sich den falschen Werten und Normen lieber beugt, als ihrer Tochter das Gefühl des Scheiterns nur annähernd zuzumuten.

Und somit ist das ein Appell an mich selbst und jede Frau, jede Minderheit, die diese Gefühle annähernd nachempfinden kann: Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, es ist so unglaublich wichtig, die Akzeptanz sich selbst gegenüber, über die von allen anderen zu stellen! Und es ist so unglaublich wichtig, eine Sekunde inne zu halten, wenn sich im Kopf wieder anfangen, Muster zu bilden!

Der Beitrag erschien zuerst auf Young Migrants.

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