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26.05.2018, Jamal Tuschick

Feridun Zaimoglu - Feminismus mit Schmackes

Die Realität eilte den Debatten voran, Zaimoglu hatte gerade sein Frauenbuch „Koppstoff“ veröffentlicht, die Fans sickerten schüchtern in die Situation. 

Angeblich verbreiteten Tausende Kanakster Zaimoglus Namen und die Aufstandslosung „Kanak Attack“ in ihren Territorien. „Das Adoptivkulturgut hat sich als Schrott erwiesen“, diktierte mir der Autor in einem Literaturhauscafé. Er hatte sein Ziel erreicht, tat aber so, als gäbe es Besseres in einem imaginären Untergrund. Zaimoglu stand auf, wenn eine Frau ihn begrüßte. Er tendierte zum Handkuss. Er nahm sich Zeit für die Langatmigkeit der alten Kulturmänner in ihren Leinenjacken, die nur noch für die Stunden des Weins lebten. Die alle gekannt hatten, die nun tot waren. Ihr Atem roch grau. Ich ließ sie links liegen, Zaimoglu ließ sie an seiner Seite Platz nehmen. Er fütterte bürgerliche Fantasien, mit uns am Tisch saß Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo. Er war einer der am meisten gefährdeten Männer Europas und dabei vollkommen gelassen und charmant. Selbst er, der wusste, wie echte Gefahr schmeckt, nahm Zaimoglu die Riot Attitüde ab.

Das Adoptivkulturgut, die Adoptivsprache - Samuel Beckett schrieb Französisch. Der Godot-Satz „We always find something to give us the impression we exist?“ ist eine Übersetzung in Becketts Muttersprache. Auch Joseph Conrad und Vladimir Nabokov schrieben in einer Adoptivsprache.

Zerrissenheit als Kunsthandwerk

„Das Adoptivkulturgut ist das Alphabet der Schriftbesitzer“, führte Zaimoglu aus. „Mancher mag aus Abscheu vor dieser festgefickten Meinungskopulation sein Heil als Bühnenfellach zu finden versuchen, andere stopfen sich dämlich mit Heimatrelikten voll. Tatsache bleibt aber, die einzelnen, teils zugewiesenen, teils freiwillig konsumierten Nährschlämme machen nur dick. Und egal, wo ich bin: Ich vergifte den unguten Brei.“

Die Identitätskrisen gebildeter Deutschländer waren für Zaimoglu „Zerrissenheit als Kunsthandwerk“. Ein halbes Dutzend türkischer Lektoren war weit gereist, um Zaimoglu an diesem Abend zu erleben. Ein Phänomen der Migration zeigte sich darin, dass die säkulare Elite der Türkei sich ihre ausgewanderten Leistungsträger*innen nicht nehmen lassen wollte. Man betrachtete den von jeher auf Deutsch schreibenden Zaimoglu als Exportschlager.

Plötzlich war im globalen Dorf mehr möglich als bloß eine Verortung, die das Verhältnis von ethnischer Differenz und kultureller Extravaganz unverrückbar erscheinen ließ. Die Realität eilte den Debatten voran, Zaimoglu hatte gerade sein Frauenbuch „Koppstoff“ veröffentlicht, die Fans sickerten schüchtern in die Situation. Das war alles Neuland für sie, für manche so unerreichbar wie der Mond. Doch hatte sich Zaimoglu wie ein Erdbeben auf sie ausgewirkt, sie wollten unbedingt dichter an den Dichter heranrücken. Seine „Absicht, weibliche Lebensentwürfe mit literarischem Schmelz zu versehen, wurde verstanden und begrüßt“. Frauen würdigten „Koppstoff“ als „Kunstprodukt, nicht als ödes Abbild der Wirklichkeiten, sondern als Auffang von Stimmungen und atmosphärischen Trübungen.“

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