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03.02.2019, Jamal Tuschick

Bestimmte Namen werden in Deutschland als fremd wahrgenommen. Woran liegt es? Was steckt dahinter? Und wieso sind so viele Leute hierzulande nicht in der Lage, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass nicht alle Menschen „urdeutsche“ Namen haben? Dieser Text versammelt einige Gedanken zu vermeintlich ungewöhnlichen Namen und damit zusammenhängenden Gefühlen.

Welche Namen gehören hier her? Ein Beitrag von Yaş.

(c) Daniel Ulrich

„Kannst du das buchstabieren?“ oder „Ich wusste gar nicht, dass dein Name so geschrieben wird.“ Einige Leute kennen diese Fragen und Aussagen zur Genüge. Sobald es mal nicht Hans oder Heidi ist, wird es für manche monokulturellen Einheimischen direkt kompliziert.

Wie wichtig sind Namen? - Der Beitrag erschien zuerst auf Young Migrants

Unsere Namen sind Kernbestandteil unserer Identität. Wir beziehen uns auf sie. Wir verändern sie in unseren Freund*innenkreisen, geben uns Kosenamen, Spitznamen. Wir stellen uns mit ihnen vor. Ohne Namen wäre unsere Identität fragmentiert. Unsere Namen haben Geschichten, hängen mit unseren Vorfahren, unserer Familie oder unserem Geburtstag zusammen. Wenn andere uns ärgern wollen, läuft das auch viel über Namen. Viele kennen das aus der Schulzeit, wenn Namen Gegenstand von Spott und Hänseleien werden. Und wenn unsere Namen ohne unsere Zustimmung verändert bzw. verfälscht werden, kann das sehr wehtun. Alles in allem spielen Namen eine große Rolle für uns.

Was hat das mit Rassismus zu tun?

So wie bestimmte Personen rassifiziert, also in rassistische Kategorien eingeteilt werden und dadurch eine Andersmachung erleben, passiert das gleiche mit Namen. Manche Namen erscheinen als Bestandteil des kollektiven Wissens, des Namens-Wortschatzes. Bestimmte Namen sind allen bekannt, andere nur manchen. Das hängt auch mit der Häufigkeit zusammen, mit der sie vergeben werden, aber nicht nur. Angela ist sicher nicht der häufigste Name, trotzdem kennen ihn alle. Das liegt auch daran, dass dieser Name sehr häufig in der Öffentlichkeit zu hören, sehen und lesen ist. In Deutschland haben da bestimmte Namen einen uneinholbaren Vorsprung.

Das liegt zum einen daran, dass kanakisierte, als undeutsch wahrgenommene und nicht-weiß gelesene Namen seltener in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen. Und zum anderen, weil diese Namen in Deutschland als fremd, nicht-zugehörig und deshalb als nicht-(kennen)lernenswert konstruiert werden, trotz ihrer jahrzehntelangen Geschichte in diesem Land. Die Ursache dafür liegt in der spezifisch völkisch-rassistischen deutschen Art und Weise, wie Fremdheit, Fremdsein und Zugehörigkeit zum Deutschsein definiert werden. Alles, was nicht sowieso schon immer (bzw. soweit das historische Gedächtnis halt reicht) hier war, gehört nicht dazu und behält auch immer einen zumindest leichten Touch des Fremdseins; das wird unter anderem deutlich an Fragen wie: „Aber wo kommen denn deine Großeltern her?“ In letzter Konsequenz führt das unter anderem dazu, dass Namen konsequent falsch ausgesprochen werden weil „ist ja zu kompliziert“. Oder sogar umgewandelt werden in klassische „deutsche“ Namen, wo dann Deniz mal eben schnell zu Dennis wird.

Bei der Umwandlung in „urdeutsche“ Namen verhält es sich finde ich ähnlich wie mit rassistischen Fremdbezeichnungen für Personengruppen. Um die Handlungs- und Deutungshoheit über die eigene Gruppenbezeichnung zu behalten und sich von rassistischen, weißen Fremdbezeichnungen zu befreien, wählen Leute andere Begriffe oder eignen sich die rassistischen Begriffe selbst an. Es geht dabei darum, nicht fremdbestimmt bzw. fremd-benannt zu werden. Rassistische Fremdbenennung hat eine lange Tradition und ist zentraler Gegenstand antirassistischer Kämpfe. Der Kampf um die Benennung steht stellvertretend für die Selbstbestimmung. Bei Namen ist es ähnlich, quasi: „ich will so heißen und genannt werden, wie ich will, nicht so wie es dir beliebt“.

Komplizierte Gefühle

Wenn einige Namen in einer Gesellschaft konsequent als fremd markiert werden, indem sie falsch ausgesprochen oder geschrieben werden, dann hat es Auswirkungen auf die Namensträger*innen. Sie hinterfragen ihre Zugehörigkeit, fühlen sich fehl am Platz. Verstärkt wird dieser Effekt, wenn es im Gegenzug dazu Namen gibt, deren Zugehörigkeit fast natürlich wirkt, deren Existenz nicht in Frage gestellt wird. Muss ein Kind in der Grundschule jede*r Lehrer*in den Namen neu buchstabieren bzw. die Aussprache beibringen, wird es sich mit ziemlicher Sicherheit an diese Form von Andersmachung gewöhnen.

In der Folge buchstabieren Leute ihre Namen ungefragt direkt bei der Vorstellung oder reservieren in Restaurants auf anderen Namen. Oder geben ihren Kindern „deutsche“ Namen, damit sie „es leichter haben“. Ebenso kommt es zur „Verdeutschung“ von Namen, zwangsweise vom Amt oder wahlweise durch die Familien, die nicht dauernd mit Rassismus konfrontiert sein wollen. Im Endeffekt geben Leute Teile ihrer Identität auf oder verstellen sich, damit sie keinen Rassismus oder Verletzungen erfahren, weil andere mit ihren Namen überfordert sind. Das alles geht einher mit einem Gefühl des Unvollständig-sein, so als würde etwas fehlen oder nicht am richtigen Platz sein.

 

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