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03.02.2019, Jamal Tuschick

Ein Bouncer mit besonderen Gaben spielt den Schutzengel für ein Genie und eine Hauptrolle in Peter Farrellys Lustspiel „The Green Book“.

Bouncer Beat

Amerika 1962 – Im Weißen Haus setzen die Kennedys Maßstäbe für Glamour. Der Fortschritt beweist sich im Wettlauf zum Mond. Der Präsident verlangt von seinen Bürgern: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ 

Tony Vallalonga, genannt Tony Lip, macht aus der Ansage einen Witz. Der New Yorker Spruchmeister nimmt das Leben geschmeidig von der leichten Seite. In einem von der Mafia kontrollierten Gebiet kassiert er die Prisen der Zugehörigkeit, ohne sich aus der eigenen Hand zu geben. Als Bouncer mit besonderen Gaben, der richtigen Herkunft und einer respektablen Vergangenheit als Müllfahrer gehört Tony zur Crème des Bodensatzes. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einer italienischen Nachbarschaft, die sich scharf abgrenzt von anderen Ethnien. Die Klammer der Klassenzugehörigkeit greift nicht. In diesem Milieu presst schwarz und weiß nichts zusammen. Rassismus ist selbstverständlich. Das hält Tony nicht davon ab, Chubby Checker zu hören.

Green Book, Spielfilm, USA. Regie Peter Farrelly. Mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini.

Viggo Mortensen spielt das Original aus Little Italy als treusorgenden und treuherzigen Rabauken. Sind Würfel und Karten im Spiel, ist Tony obenauf. Er gewinnt alle möglichen Wetten. Am Ende seiner Nachtschichten im Copacabana Club erwartet ihn die Liebe seiner Frau. Stets three month from homeless tut Tony, was in seiner Macht steht, um die Familie durchzubringen. Mehr wird von ihm nicht verlangt.

Dieser reduzierten, klar konturierten, selbstverständlich rassistischen Existenz begegnet ihr Gegenteil. Als im „Copa“ eine Renovierungspause eingelegt wird, lässt sich Tony von dem schwarzen Ausnahmepianisten Dr. Donald Shirley anheuern. Er gibt aber vor, mit dessen Plattenfirma ins Geschäft gekommen zu sein. Noch akzeptiert Tony keinen schwarzen Chef. Seine Verrenkungen am Anfang der Bekanntschaft, die sich schnell zu einer Freundschaft auswächst, sind sehenswert.

Das ist die Geschichte. Sie lehnt sich an My Fair Lady. Tony ist eine männliche Ausgabe der Blumenverkäuferin Eliza Doolittle. Dr. Shirley vertritt Professor Higgins. Auch in dieser Konstellation findet (nicht nur) eine Spracherziehung statt. Dr. Shirley beschäftigt Tony als Fahrer. Ursprünglich suchte er ein nicht rauchendes, kampfstarkes Faktotum mit Führerschein. Tony ist weit davon entfernt, den Erwartungen zu entsprechen. Er trägt noch nicht einmal das Gepäck seines Arbeitgebers. Er lümmelt, mümmelt, raucht wie ein Schlot und schmeißt Verpackungsmüll auf die Straße.   

Dr. Shirley rügt und verbessert Tony auf einer Konzertreise in den tiefen Süden. Der in Moskau ausgebildete polyglotte Musiker, Psychologe und Linguist unternimmt den gefährlichen Ausflug zu Ehren von Nat King Cole, der in den Fünfzigerjahren in einem Baumwollstaat von der Bühne gezerrt und verprügelt wurde. Dr. Shirley verwirklicht mit der Reise ein Bürgerrechtsprojekt. Um es mit dem Worten eines Begleitmusikers zu sagen: „Damit sich etwas ändert, braucht es mehr als Genie. Es braucht Courage.“

Tony orientiert sich an einem Reiseführer für schwarze Autofahrer, dem „Motorist Green–Book“. Das nach seinem Herausgeber benannte Werk erschien in den Jahren zwischen 1936 und 1966. Es war ein Produkt der Segregation und listete das Angebot für reisende PoC auf. Ich nehme nicht an, dass es sich an Touristen wandte.

Mahershala Ali spielt Dr. Shirley als Alien, weit weg von seinem Zuhause – dem Bildungsplaneten; den Schwarzen so entfremdet wie den Weißen. In New York wohnt er über der Carnegie Hall so prächtig wie in einem Schloss. Bis in die Fingerspitzen verfeinert, behauptet er sich mit harter Höflichkeit. Er empfiehlt das Modell seinem Fahrer, der ihn immer wieder raushaut, aber auch in Schwierigkeiten bringt.   

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