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05.02.2019, Jamal Tuschick

Sich aufplusternde Hähne, Eigentumserklärungen zwischen Menschen: meine Freundin, der besitzergreifende Griff an den Hintern, die ständige Bekundung der Verfügungsgewalt, Heranziehen und Hahnenkampf testosteronaufplusternd, die Fortsätze des Privateigentums und marktkapitalistischen Denkens im Mikrokosmos dieser Elitenschule.

Zwei junge Pioniere im Abschlussjahr - Eine Geschichte von Şafak Sarıçiçek in zwei Folgen.

Şafak Sarıçiçek

Der Junge mit der Brille

I) Der Rückzug, in die Bibliothek, die Angestellte kennt mich. Ein Hochpunkt der Stadt, runde Fenster und die Welt ist eine Übersicht. Die anderen Schüler, Schuluniformpunkte dort unten. Ich kann nicht mehr unterscheiden, wer einen Rock trägt oder wer Krawatte, Punkte, Striche, Pausengetümmel. Die Gespräche langweilen mich, dort unten. Wo gehen wir essen, wer hat wen geküsst oder Zigarettenrauchen in den Toilettenkabinen. Zu zweit, zu dritt, zu viert in eine Kabine gedrängt. Oder Halbstarkengefrotzel in den Gängen: Komm in die Kabinen, dort lösen wir das Problem. Hormonwallungen. Sich aufplusternde Hähne, Eigentumserklärungen zwischen Menschen: meine Freundin, der besitzergreifende Griff an den Hintern, die ständige Bekundung der Verfügungsgewalt, Heranziehen und Hahnenkampf testosteronaufplusternd, die Fortsätze des Privateigentums und marktkapitalistischen Denkens im Mikrokosmos dieser Elitenschule. Jetzt höre ich mich schon an wie diese vermeintlichen Revoluzzer im Schulhof, mit ihrem Marxhalbwissen und den Gramsci- Lesekreisen und Klassen Sit- Ins. Der Kommunistische Schülerverband. Versagervereinigung. Wenn die Ausselektierten sich zusammenschließen, gibt es keine Selektion mehr, sagen sie. Und das ist doch nur Wichtigtuerei, der Typ mit den absichtlich verwuschelten Haaren und dem farbigen T- Shirt unter seinem Sakko, der andere, der mich mit seinem Ideologiegeschwafel vollzubenebeln versuchte, sie möchten auch Eigentum und Verfügungsgewalt, auf hinterlistigere Art, mit vorgeschobenem Uninteressiertsein an sogenannten niederen Betätigungen, sie möchten sich auch  langfristig den Akt des freien Körperflüssigkeitsaustauschs mit der kurzen Ekstasenfolge sichern. Irgendwie absurd, das hinter den höchsten Idealen, hinter jedem idealen Mikrokosmos, genau das vorherrschend ist, was von eben diesen Idealsträgern als Feindbild angeprangert wird. Und ich bin kein bisschen besser als sie alle, ich will auch, jenseits von meinem Überbau des Schulstrebers, des Hochbegabten, des unverstandenen Außenseiters und fragilen Bibliothekshausenden und vielleicht gerade mit diesem nach außen projizierten Bild nur eins: die schönste von allen im Pausenhof, das It-Girl, die beste Abiturnote und in der Verknüpfung von Kausalketten über die Jahre hinweg: Geld, Macht, Dominanz in der Kunst, ein Machtverhältnis aufbauen, auf diesem Staubkorn im Kosmos das durch die Leere rauscht und irgendwann von der Sonne verschluckt wird. Und ich kann eine 1,0 im Examen haben und im Studium und summa cum laude in der Doktorarbeit, kann mein Schwanken zwischen meinen Affektlöchern und olympischen Geisteshöhen in Musik verarbeiten oder in einem Roman, alle Karmasutrapositionen ausprobieren, um auch die sinnlichen Erfahrungen auszureizen oder eine stabile langfristige Beziehung, die vorbildlich erfüllend und ausgeglichen ist. Deshalb implodiert das Universum nicht weniger in sich zusammen, bin ich meiner Endlichkeit nicht weniger bewusst oder von mir aus schon, aber bin dennoch nie zufriedenes Pinguin unter Pinguinen wie Camus sagen würde. Sei's drum. Ich brenne im Moment und wenn ich das Feuer, die Freude in den Anderen entfachen könnte, für einen Atemzug, die Symphonie des Universums, die ewige Wiederkunft in meinem Handeln widerspiegeln kann, sei's drum, dann war es das wert.

II)

Das Abschlussjahr ist ein Schlachtfeld, ich weiß es, so wie die gesamte Schule ein Schlachtfeld, ein Ausselektieren ist. Meine Hand ist oben: sie sagen richtige Antwort, sie sagen, das ist so nicht vorgesehen oder das geht über den Stoff hinaus. Ich spüre ihre Angst, die Unsicherheit, eine Lehrerin stinkt nach Schweiß und zittert. Der andere mokiert sich, dass er nicht eine persönliche Einladung zum Schulabschlussball erhalten hat, seine Pedanterie, wunde Haut vom Rasierklingengefecht auf seiner vetrockneten Haut, ein seelenloser Mann, aber dafür mit Doktortitel. Seine Eitelkeit stinkt wie sein Parfüm auf  einer Haut, für die es nicht vorgesehen wurde. Ein Aliud. Und Frau Becker hat diesen linken Sprachgebrauch, aber danach sehe ich sie immer in dem gewerkschaftsfeindlichen Kaffeehausfranchise. Andererseits ist sie die einzige, die mir bisher überhaupt etwas beigebracht hat, was ich schon nicht weiß, sie hat mir hin und wieder einige Anreize hin zu den Existentialisten gegeben. Ihre Empfehlungen zeigen mir, dass sie durchaus selbstsicher ist und sich nicht hinter Arroganz versteckt, angesichts meiner Antworten im Unterricht oder sich nicht versteckt hinter ausweichender Angst. Überhaupt ist es so eine Sache mit der Angst, die ich scheinbar auslöse, wenn ich rede und jetzt ist das auch über die uns als Lehrer zugeteilten Halbgebildeten hinausgehend gemeint. Ich sehe es in ihren Blicken, wenn ich ihnen ihre Schwächen vor Augen führe, ihre Befürchtungen, Argumente zerpflücke, die Absurdität unserer menschlichen Kondition bewusst mache und aber auf das Entfachen der universellen Symphonie in unserem Handeln als zufriedenstellenden Ausweg weise. Denknotwendig, dass man mich nach einem Gespräch meidet oder im Jahrbuch schreibt: manchmal machen mir deine Antworten Angst. Denknotwendig vielleicht, dass ich mich zurückziehe vor der überwältigenden Langeweile im Pausenhof, dem Smalltalk, den ich zwar gewieft einsetzen kann, aber dieses Spiel langweilt, langweilt, da ist kein Auflodern, das ist nicht mal mehr Staub, der aufgewirbelt wird. Da hilft nur der Rückzug in die Bibliothek und zumindest die Angestellte grüß ich. Sie kennt mich vom Sehen und sie kennt die Bücher, die ich ausleihe und daher habe ich einen gewissen Grad an Verbundenheit zu ihr. Die Bibliothek ist kein Schlachtfeld.

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