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06.02.2019, Jamal Tuschick

Jetzt höre ich mich schon an wie diese vermeintlichen Revoluzzer auf dem Schulhof, mit ihrem Marxhalbwissen und den Gramsci-Lesekreisen und Klassen Sit-Ins. Der Kommunistische Schülerverband. Versagervereinigung. Wenn die Ausselektierten sich zusammenschließen, gibt es keine Selektion mehr, sagen sie. Und das ist doch nur Wichtigtuerei, der Typ mit den absichtlich verwuschelten Haaren und dem farbigen T- Shirt unter seinem Sakko, der andere, der mich mit seinem Ideologiegeschwafel vollzubenebeln versuchte, sie möchten auch Eigentum und Verfügungsgewalt, auf hinterlistigere Art ...

Zwei junge Pioniere im Abschlussjahr - Eine Geschichte von Şafak Sarıçiçek

Şafak Sarıçiçek

Der Junge mit der Brille

I) Der Rückzug, in die Bibliothek, die Angestellte kennt mich. Ein Hochpunkt der Stadt, runde Fenster und die Welt ist eine Übersicht. Die anderen Schüler, Schuluniformpunkte dort unten. Ich kann nicht mehr unterscheiden, wer einen Rock trägt oder wer Krawatte, Punkte, Striche, Pausengetümmel. Die Gespräche langweilen mich, dort unten. Wo gehen wir essen, wer hat wen geküsst oder Zigarettenrauchen in den Toilettenkabinen. Zu zweit, zu dritt, zu viert in eine Kabine gedrängt. Oder Halbstarkengefrotzel in den Gängen: Komm in die Kabinen, dort lösen wir das Problem. Hormonwallungen. Sich aufplusternde Hähne, Eigentumserklärungen zwischen Menschen: meine Freundin, der besitzergreifende Griff an den Hintern, die ständige Bekundung der Verfügungsgewalt, Heranziehen und Hahnenkampf testosteronaufplusternd, die Fortsätze des Privateigentums und marktkapitalistischen Denkens im Mikrokosmos dieser Elitenschule. Jetzt höre ich mich schon an wie diese vermeintlichen Revoluzzer im Schulhof, mit ihrem Marxhalbwissen und den Gramsci- Lesekreisen und Klassen Sit- Ins. Der Kommunistische Schülerverband. Versagervereinigung. Wenn die Ausselektierten sich zusammenschließen, gibt es keine Selektion mehr, sagen sie. Und das ist doch nur Wichtigtuerei, der Typ mit den absichtlich verwuschelten Haaren und dem farbigen T- Shirt unter seinem Sakko, der andere, der mich mit seinem Ideologiegeschwafel vollzubenebeln versuchte, sie möchten auch Eigentum und Verfügungsgewalt, auf hinterlistigere Art, mit vorgeschobenem Uninteressiertsein an sogenannten niederen Betätigungen, sie möchten sich auch  langfristig den Akt des freien Körperflüssigkeitsaustauschs mit der kurzen Ekstasenfolge sichern. Irgendwie absurd, das hinter den höchsten Idealen, hinter jedem idealen Mikrokosmos, genau das vorherrschend ist, was von eben diesen Idealsträgern als Feindbild angeprangert wird. Und ich bin kein bisschen besser als sie alle, ich will auch, jenseits von meinem Überbau des Schulstrebers, des Hochbegabten, des unverstandenen Außenseiters und fragilen Bibliothekshausenden und vielleicht gerade mit diesem nach außen projizierten Bild nur eins: die schönste von allen im Pausenhof, das It-Girl, die beste Abiturnote und in der Verknüpfung von Kausalketten über die Jahre hinweg: Geld, Macht, Dominanz in der Kunst, ein Machtverhältnis aufbauen, auf diesem Staubkorn im Kosmos das durch die Leere rauscht und irgendwann von der Sonne verschluckt wird. Und ich kann eine 1,0 im Examen haben und im Studium und summa cum laude in der Doktorarbeit, kann mein Schwanken zwischen meinen Affektlöchern und olympischen Geisteshöhen in Musik verarbeiten oder in einem Roman, alle Karmasutrapositionen ausprobieren, um auch die sinnlichen Erfahrungen auszureizen oder eine stabile langfristige Beziehung, die vorbildlich erfüllend und ausgeglichen ist. Deshalb implodiert das Universum nicht weniger in sich zusammen, bin ich meiner Endlichkeit nicht weniger bewusst oder von mir aus schon, aber bin dennoch nie zufriedenes Pinguin unter Pinguinen wie Camus sagen würde. Sei's drum. Ich brenne im Moment und wenn ich das Feuer, die Freude in den Anderen entfachen könnte, für einen Atemzug, die Symphonie des Universums, die ewige Wiederkunft in meinem Handeln widerspiegeln kann, sei's drum, dann war es das wert.

II)

Das Abschlussjahr ist ein Schlachtfeld, ich weiß es, so wie die gesamte Schule ein Schlachtfeld, ein Ausselektieren ist. Meine Hand ist oben: sie sagen richtige Antwort, sie sagen, das ist so nicht vorgesehen oder das geht über den Stoff hinaus. Ich spüre ihre Angst, die Unsicherheit, eine Lehrerin stinkt nach Schweiß und zittert. Der andere mokiert sich, dass er nicht eine persönliche Einladung zum Schulabschlussball erhalten hat, seine Pedanterie, wunde Haut vom Rasierklingengefecht auf seiner vetrockneten Haut, ein seelenloser Mann, aber dafür mit Doktortitel. Seine Eitelkeit stinkt wie sein Parfüm auf  einer Haut, für die es nicht vorgesehen wurde. Ein Aliud. Und Frau Becker hat diesen linken Sprachgebrauch, aber danach sehe ich sie immer in dem gewerkschaftsfeindlichen Kaffeehausfranchise. Andererseits ist sie die einzige, die mir bisher überhaupt etwas beigebracht hat, was ich schon nicht weiß, sie hat mir hin und wieder einige Anreize hin zu den Existentialisten gegeben. Ihre Empfehlungen zeigen mir, dass sie durchaus selbstsicher ist und sich nicht hinter Arroganz versteckt, angesichts meiner Antworten im Unterricht oder sich nicht versteckt hinter ausweichender Angst. Überhaupt ist es so eine Sache mit der Angst, die ich scheinbar auslöse, wenn ich rede und jetzt ist das auch über die uns als Lehrer zugeteilten Halbgebildeten hinausgehend gemeint. Ich sehe es in ihren Blicken, wenn ich ihnen ihre Schwächen vor Augen führe, ihre Befürchtungen, Argumente zerpflücke, die Absurdität unserer menschlichen Kondition bewusst mache und aber auf das Entfachen der universellen Symphonie in unserem Handeln als zufriedenstellenden Ausweg weise. Denknotwendig, dass man mich nach einem Gespräch meidet oder im Jahrbuch schreibt: manchmal machen mir deine Antworten Angst. Denknotwendig vielleicht, dass ich mich zurückziehe vor der überwältigenden Langeweile im Pausenhof, dem Smalltalk, den ich zwar gewieft einsetzen kann, aber dieses Spiel langweilt, langweilt, da ist kein Auflodern, das ist nicht mal mehr Staub, der aufgewirbelt wird. Da hilft nur der Rückzug in die Bibliothek und zumindest die Angestellte grüß ich. Sie kennt mich vom Sehen und sie kennt die Bücher, die ich ausleihe und daher habe ich einen gewissen Grad an Verbundenheit zu ihr. Die Bibliothek ist kein Schlachtfeld.

Der Junge mit den farbigen T-Shirts unter seinem Sakko

III)

Die Schule ist ein Schlachtfeld, aber die Stadt auch, denkt er. Die Metropole, in der die Schule ist, ein Ort der Widersprüchlichkeiten. Gegensatz Orient Okzident, Gegensatz jung und alt, Gegensatz links und rechts und das alles von Stadtviertel zu Stadtviertel. Hier wurden Griechen und Armenier enteignet und hier dürfen die Nachtclubs ihre Stühle nicht mehr nach außen platzieren, die Alkoholsteuer kennt keine Grenzen mehr. Im Parlament hat man das Kinderehengesetz versucht, durchzubringen. In der Stadt kämpfen Demonstranten und das staatliche Gewaltmonopol haut zurück.

Das erste Bild, die ersten Bilder in seinem Kopf war der Kampf. Soldaten kommen und brennen die Häuser von dem Ort namens Zuhause ab, sie müssen wegziehen. Der Weg ist erst holprig, später mit Steinen bepflastert und Wochen später rauschen Häuser und holprige Wege an ihm und seiner Mutter vorbei. In einem Güterwagon zur Metropole.

Später hat er verstanden, dass in seinem ersten Zuhause, in seinem Herkunftsort, nicht nur die Brücken, die Steinhäuser, die Nussbäume, die Wälder zerstört und dem Feuer überlassen wurden. Das Feuer galt der Kultur. Dort Gebetshäuser errichtet, wo Menschen keine Gebetshäuser, keine Unterwerfung der Natur unter den Menschen, sondern nur die Einheit, nicht die Entfremdung kannten. Die urtümliche Sprache dort hat man verbrannt und verbannt die Zeremonien, die flackernden Gebete bei den heiligen Bergen, die als häretisch, als falsch verschrien wurden. Das erste Bild, die ersten Bilder die er kannte waren Kampf, war der Kampf.

IV)

Das Stipendium hat ihm den Besuch dieser Schule ermöglicht und er wusste das durchaus zu schätzen. Aber der Unterricht war nicht genug, die Inhalte einer heilen Welt, die so nicht stimmen konnte, die nicht vereinbar war mit dem allerersten Bild, der ihn auf der Welt geprägt hatte. Die Metropole war keine heile Welt, in der ersten Zugfahrt hierher ganze Viertel die über Nacht entstanden, die Übernachtbauten, wo Millionen in Schlamm und chemischen Abfallstätten hausten, Möwen fielen vom Himmel auf Mülldeponien herab, deren Müll aus den ultradigitalen, ultrareichen, ultrasicheren Stadtgebieten hier in das Stadtende gekotzt wurden, übelriechend, hier aß die Stadt ihre Bastarde auf, ihre Waisen. Dieser neue wortlose Kampf, fand seine Verwortlichung in den Flyern die eines Tages im Schulgelände verteilt wurden, ein Jugendverband der marxistischen Partei. Er nahm ein Blatt entgegen und er sprach mit ihnen. Die Sprache war eine andere als die seine. Fremdwörter, mit dringendem Ton, aber er verstand, dass diese Menschen auch den Kampf kennengelernt haben mussten, ihre Welt war keine heile, also gesellte er sich von da an immer zu ihrem Stand. Mit der Regelmäßigkeit kam ein Verständnis herauf, Zusammenhänge, die sich ihm erschließen. Erste Besuche in dem Keller, wo sich der Jugendverband traf, er konnte mitreden und brachte seine eigenen Bilder ein, wie ich das sehe sagte er irgendwann, was wir tun müssen, sagte er bald. Nach den Treffen zusammen in die Kneipen, die Ausgehviertel, in den abends herrschendem Sog, dem Nachtspuls, Nachschattengewächse der Metropole, die Tollkirsche der Metropole. Rausch.

Die Gitarre die er für sich entdeckte und das bewusste Zuwiderhandeln gegen das Uniformgebot, häufig Sakkotragen. Während der Nationalhymne, jede Woche Montagsfrühe: Herumalbern. Wieder ein Tag, wo er zum Rektor vorgeladen wird. Von Disziplin redet dieser und vom Hochhalten der Schulideale. Puritanismus, Fleiß, die Vorbildsfunktion als Stipendiat. Er antwortete: ich schreibe ihnen doch die guten Noten, ich gewinne ihnen ihre Landeswettbewerbe, lassen sie mir meine Freiheit. Irgendwann muss der Rektor sich mit dem unbeherrschbaren Temperament, diesem einzelnen Funken, der beim Zurechtschleifen der Schüler seine Freiheit behauptete, abgefunden haben, jedenfalls hatte es so seinen Anschein.

Der Junge mit der Brille

V)

Russland unterstützt mit vollem Herzen diese Resolution sprach er und übergab die restliche Redezeit dem Vorsitzenden der Spezialrats. Ein Raum mit 30 Schülern in Anzügen, adrett angezogen, im Halbkreis sitzend. Sie zog sich vier Tage diese Simulation der Vereinten Nation, dieses Planspiel, wie es im eigens herausgebrachten Handbuch stand. Aber das war mehr als ein Planspiel, viel mehr, der Raum verwandelte sich, sobald er mit seinem Anzug eintrat, den ihm zugewiesen Platz mit dem Namensschild RUSSLAND bezog, er wurde zu einem Energieball, was man tut, was man auch tut, muss bis in die kleinste Pore wahrhaftig, eine Widerspiegelung des Kampfes mit unserer Absurdität sein. Das empfand er an diesen MUN- Tagen, es setze mit der Schlaflosigkeit ein, mit dem Kaffeeautomaten. War es Zeit für das informelle Lobbying, windete er sich durch die Nachwuchsdiplomaten, sprach hier und dort ein Wort, einnehmend, das Gegenüber vollumfänglich auf der intuitiven Ebene erfassend. Ein Schlachtfeld, das Spaß macht, nicht nur das Niedermachen des Gegenübers. Kooperationsmöglichkeiten, Gelesenes, sein politischer Wissensfundus, sein Gehirn, dass ein großes Speicher war, die  Impulse an Wissen, die durch seine Neuronen rauschten, kamen hier zur Anwendung. Wussten Sie, dass Angola, diese Vereinbarung unterzeichnet hat, damit sind sie, verehrter Ambassador von Angola in einer gewissen Zwickmühle, lassen sie mich Ihnen herausfinden, mein Vorschlag für die Resolution sieht diese Subklauseln vor, was denken Sie diesbezüglich. Und das Wunderbare war, hier gab es auch Ebenbürtige, für die dies auch nicht bloß ein Planspiel, war,  wo er spürte, dass er verstanden wurde und auch den anderen verstand. Die sich von Tag zu Tag steigernde Euphorie und der Anklang bei den Anderen, verstanden zu werden, wenn auch ein bisschen, wenn auch über Metaphern, über dieses Rollenspiel. Er ließ sich am Abend sogar bei der Abschlussfeier blicken und betrank sich mit den anderen Delegierten, die vorhin noch Spanien waren, Malta, Vietnam oder der Vatikan. In diesem Zustand, wo es plötzlich um die wahren Namen ging, um den Menschen hinter der Rolle die den Tag über gespielt wurde, wäre er im Regelfall zurückgewichen, weil er sich gelangweilt hätte und erst Recht wäre er nicht so weit gegangen, sich auf diese  primordiale Ebene des Alkoholrausches hinzugeben, aber er hatte sich hineinbegeben. Er wusste, dass er diesen Moment des Verstehens und Verstandenwerdens packen musste, sich ganz in ihn hineinlassen, denn dies war ein seltener Fall, wo er Gleichgesottene fand, Pioniere, die ebenso das ewige Lied vernahmen, dass durch alle Dinge zog und sich im kleinsten im Absurdesten widerspiegelte, die es sahen oder  bereit  waren  es zu sehen, zu empfinden und dieses kosmische Raunen in jedem der noch so belanglos erscheinen Pflichten, im Alltag zum Vorschein zu bringen, zu begeistern und begeistert zu werden. Weil sie ihrer Endlichkeit und zugleich der Unendlichkeit bewusst waren, dies sie nicht traurig stimmte, nicht traurig stimmen konnte, weil es ein Wert an sich war, daran teilzuhaben und er jetzt auch verstand, dass das Instinktive genau so ein Ausdruck davon war, nur eben sprachlos,  ein Rausch.

VI)

Es hat Wellen geschlagen in den Medien, in der Politik, der Nationalversammlung wo sich die Abgeordneten geschlagen haben, live übermittelt. Die Repräsentanten der Nation.

Die Zeitung, die seine Familie bezog, war eine oppositionelle, die Schlagzeile auf dem jährlich günstiger wirkenden Zeitungspapier:

 

GEKAUFTE PRÜFUNG !

DIE ARMEE DES IMAMS HAT ZUGESCHLAGEN !

 

Er las den Artikel interessiert durch, von manipulierten Prüfungsfragebögen war da die Rede, die Universitätsaufnahmeprüfungen waren für bestimmte Schüler, genauer für vorbestimmte Schüler mithin fehlerfrei lösbar, ohne Vorbereitung, alleine dadurch, dass sie im Vorfeld manipulierte Bögen erhalten hatten. Von Unterwanderung des Prüfungswesens war da die Rede und er war kaum erstaunt, da die Gesamtunterwanderung doch evident war. Die ständigen Scheinprozesse gegen gewisse militärische Würdenträger aufgrund vermeintlicher Putschversuche mit kurios anmutenden Namen, die stetige Zunahme langbärtiger Zivilpolizisten in den Städten, neuartige Privatrepetitorien mit Namensbezeichnungen, die religiös angehaucht waren und lianenartig ihre Netze durch das Repetitoriumsmarkt zogen, Enthüllungsbücher, die detailliert nachzeichneten, wie Polizei Justiz und Schulwesen unterlaufen wurden, infiltriert wurden, mit unheimlich systematischem Vorgehen, es war doch offensichtlich, aber man sprach nur verhalten und mit vorgehaltener Hand darüber. Die Enthüllungsbuchautoren verschwanden in Prozessen orwell'scher Dimensionen, Grüße an Kafka.

Jetzt war das Abschlussjahr, die manipulierten Prüfungen waren für ihn nicht von Belang, denn er bereitete sich auf das ausländische Examen vor, das ihn hier weg bringen und in Orte der Möglichkeiten, an die Universitäten der Ambitionierten, der Träumer bringen würde, wegkatapultieren würde ihn das Examen weg und weit nach oben, niemand hielte ihn zurück in einem Land, wo eine solche Unterwanderung möglich war. Und wenn man studiert, dann bitte dort wo man gefördert wird, individuell betreut, wo einem die Werkzeuge an die Hand gegeben werden oder die Werkzeuge in einem drin, das Rasen im Kopf systematisiert und in ordentliche Bahnen gelenkt wird oder jenseits der Bahnen, jenseits des bisher denkbaren angehoben wird Schritt für Schritt, also die Wissenschaft an ihren Grenzen feilt. Weiter vorzudringen, immer weiter, bis wir wissen, ob es Multiversen gibt, ob es ein Big Bounce ist, dass dieser ewigen Melodie zugrundeliegt, das Universum expandierend und kollabierend, das Auf und Ab seiner Anstrengungen, unser aller Anstrengungen, der Weg hin zum Leben und zum Tod. So viel gibt es zu entdecken, denkt er, so viel und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll und ich weiß jetzt schon, dass meine Zeit nicht reichen wird, aber es versuchen, es gut, hervorragend zu versuchen, das müssen wir.

VII)

Der Junge mit der Brille läuft zur Padishah-Gasse und will wie gewohnt einbiegen, wie gewohnt als einer der Ersten, wie gewohnt zum Deutschunterricht mit Frau Becker, in Gedanken versunken und bestimmt. Beinahe prallt er an die Schüler die dort zu mehreren Dutzend stehen und die Gasse versperren, an die Wand neben ihnen ist eine rote Graffitischrift: Nieder mit der Armee des Imams und darunter der Hammer und Sichel mit der Abkürzung des Kommunistenjugendverbands versehen. Wir demonstrieren gegen die Schweinerei, die sich in diesem Land abspielt, in diesem Bildungssystem, in diesem System, das die Handlanger der Imperialisten erschaffen haben, sagt der ständige Wegbegleiter des Jungen mit dem Sakko und den farbigen Shirts, letzterer bemalt mit anderen zusammen ein Transparent . Der ständige Wegbegleiter, der den Jungen mit der Brille in der Vergangenheit schon für seine Sache bekehren wollte ist klein, leicht dicklich, hat blondes Haar (was auffallend ist, hier haben die allermeisten schwarze Haare), ansonsten unauffällig. Unter den Leuten die sich dort tummeln, ist auch das Mädchen, das dem Junge mit der Brille seit einiger Zeit aufgefallen ist, so sehr aufgefallen, dass sie sich in seine Träume eingeladen hat, was ihn beunruhigte, was er als Zeichen seiner Schwäche sah, er der das Ziel hatte, seine Examensambition der 1,0 zu realisieren, sich jetzt keine Schwärmerei leisten konnte, aber der das wollte und zugleich nicht wusste, wie.

VIII)

Der Junge mit der Brille denkt, dass er die Argumentation des leicht dicklichen Jungen entkräften sollte, seinen Schluss vom Sein aufs Sollen, will mit der Natur der Menschen argumentieren, zugleich weiß er, dass der dickliche Junge im Kern, jenseits der ideologischen Aufgeladenheit, jenseits seines historischen Fatalismus in der Sache, im Spezifischen Recht hat und denkt und denkt. Und denkt. Denkt zugleich parallel vieles, wie benehme ich mich vor diesem Mädchen, denkt er, ich laufe ungelenk daher, ich sollte sie natürlich grüßen, sollte ich sie nach dem Kennenlernen umarmen ? Studien beweisen, dass im sozialen Kontext Berührungen dazu führen, dass man sich eher und positiver an das Gegenüber erinnert. Aber es muss natürlich wirken ! Und was wenn sie nicht so klug ist, nicht so klug, wie ich denke das sie es ist. Was, wenn sie nur so mysteriös aussieht und nix dahinter ist. Ist es dementsprechend nicht besser, wenn ich sie so belasse, wie sie ist, als Ideal in meinem Kopf, denn so ist sie perfekt und ich vermeide eine eventuelle Enttäuschung in meinem Leben. Er denkt parallel, eigentlich finde ich den Jungen mit dem Sakko sympathisch und bei dem Schulkonzert hatten die Werke seiner Band eine emotionale Reife, außergewöhnliche Metaphorik und zugleich auch eine gesellschaftliche Ebene. Ihre Musik ist zum Teil Ausdruck einer existentiellen Depression, die Frage nach dem Warum im Sein und wie schaffen sie es alle so lässig zu sein, so entspannt. Wenn  er wüsste, dass wir im Grunde beide den ewigen Strom des Seins Denkmäler setzen wollen, das Leben so sehr ausschöpfen wollen, dass die Momente aufleuchten wie die Facetten eines Diamants, wir beide verstanden werden wollen und verstehen, aber was wenn dem so nicht ist und vielleicht bewahre ich doch eine ideele Mumie seiner in meinem Geiste, ein guter Freund, so wie ich ihn wünschte, aber den es nie so geben wird, weil es ihn bisher nicht gab und bisher nur Niederträchtigkeiten mir entgegen geworden und zwischen den Menschen entgegengeworfen wurden, ex ante und ex post jeden Tag, aus meinem Horizont gesehen, mag er auch beschränkt sein.

IX)

Seine Gedanken bleiben im Kopf.

Der Junge mit der Brille sagt, dass er jetzt zum Deutschunterricht gehen wird und tritt an dem dicklichen Jungen vorbei, Niemand macht Anstalten, ihn aufzuhalten.

Die Schulgänge sind weitgehend leer. Die Klasse ist bis auf drei Schüler absolut leer. Die Stimme des Schuldirektors gibt knisternd bekannt, dass der Unterricht stattfindet. Frau Becker verteilt an die drei Anwesenden Schüler den Ersatzstundenplan. In der Pause gehen die beiden anderen, zwei Mädchen, die ihm nie besonders durch Meldungen, aber auch sonst nicht aufgefallen sind, auf den Schulhof, wie er von der Bibliothek heraus beobachten kann, in die er sich zum Denken zurückgezogen hat. Die Angestellte ist nicht da. Nach der Pause ist er alleine im Klassenzimmer. Eine Viertel Stunde später blickt das ein Lehrergesicht herein, von der morgendlichen Rasur wund, mit dem Doktortitelblick und  ein Parfümdunst eilt ihm nach: Du kannst gehen, sagt der Doktortitel.

Als er durch die Padishahgasse zur Metroanlage gehen möchte, die Pflaster der Straße zählend, sind hunderte Schüler versammelt. Sie scheinen Anstalten zu machen, eine Menschenkette zu bilden und sie singen. Autos mit Wasserwerfern sind weiter hinten geparkt. In den umliegenden Gebäuden, sind die Balkone überfüllt. Da sind such wieder diese Männer mit den langen Bärten, hinter Gardinen Fotoapparaturen. Man sagt, sie unterstehen direkt dem inländischen Geheimdienst.

NIEDER MIT DER ARMEE DES IMAMS ! singen die Schüler.

Der hintere Ausgang ist auch eine Möglichkeit, dachte er.

Der Gedanke bleibt in seinem Kopf.

 

Und dieser Autor sieht in seinem Kopf, wie der Junge mit der Brille einen Schritt hin zu der Menschenkette macht.

Und dieser Autor sieht in seinem Kopf, wie der Junge mit der Brille sich bei dem Letzten der Menschenkette einhakt. Der Letzte  hat sich seines Sakkos entledigt.

Und der Autor sieht im Fernsehen die Wasserwerfer vorfahren, macht den Fernseher zu.

Der offene Ausgang ist auch eine Möglichkeit denkt er.

Die Bilder werden zu Gedanken werden zu neuen Bildern in seinem Kopf, zu einer Symphonie der ewigen Wiederkunft.

Es für einen Moment, einen Atemzug widerzuspiegeln. Sprachlos. Bildlos. Im

Rausch.

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