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08.02.2019, Jamal Tuschick

Sergej Lochthofen - Zu dem Wahnsinn seines Lebens gehört die glückliche Kindheit in der Verbannungszone seines Vaters, der in dem sowjetisch-polaren Arbeitslager Workuta inhaftiert war.

Glücklich im Gulag

Dieser Roman ist ein Sachbuch

Zu dem Wahnsinn seines Lebens gehört die glückliche Kindheit in der Verbannungszone seines Vaters, der in dem sowjetisch-polaren Arbeitslager Workuta inhaftiert war.

Jeder Satz quillt auf in lauter Anspielungen und Widersprüchen. Sergej Lochthofen kokettiert mit seiner „provinziellen Herkunft“ und exponiert seine Weltläufigkeit ohne ein Komma dazwischen. Er habe „den Lebensroman seines Vaters geschrieben“ und sich gleichzeitig „an die Tatsachen gehalten“. „Für mich steht fest, dieser Roman ist ein Sachbuch“.

Geboren 1953 in Workuta, geriet er mit fünf nach Gotha. Der junge Russe kam ohne ein Wort Deutsch im Repertoire der Völkerverständigung zu den Thüringern. Sergej durfte eine Schule für die Kinder der Sieger besuchen, er lernte die Verlierersprache aus gezeichneten Geschichten. Er wurde Journalist. Schließlich schrieb er ein Buch über seinen deutschen Vater - „Schwarzes Eis“.

Sergej Lochthofen, „Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters“, Rowohlt, 448 Seiten, 19,95 €

Sergej Lochthofen ist ein kurzweiliger Mann, nur um Haaresbreite entging er „dem Erich“ als Vornamen. Doch hätte Sergej als Erich „immer Hitler spielen müssen“, so leicht identifizierbar als halbwegs Deutscher in Russland, um folglich „jeden Tag den Krieg neu zu verlieren“.

Die Revolution frisst ihrer Kinder

Der alte Lorenz Lochthofen „hatte von der Weltrevolution auch dann die Nase noch nicht voll“, als er schon in ihrem Schlund steckte. Der Dortmunder Schlosser emigrierte nach einem Zusammenstoß mit SA-Schlägern 1930 in die Sowjetunion. Er arbeitete Untertage, nahm bald ein Studium auf. Er wurde Redakteur - und 1938 zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. So gelangte Lorenz Lochthofen nach Workuta. Da blieb er als Verbannter mit Familie bis zu seiner Rehabilitierung 1956. Zwei Jahre später durfte er in DDR ausreisen, wo er zu einem High Potential der sozialistischen Wirtschaftsführung avancierte. 1963 berief man ihn ins Zentralkomitee. Als „Ehemaliger“ blieb er indes ein kritisch beäugtes hohes Tier.

Das ist eine tolle Geschichte von Mut und Findigkeit. Sergej Lochthofen will ihr aber keine „exemplarische Aussagekraft“ zubilligen. Er beschreibt die relevanten Zeitläufte als launige Angelegenheit: es habe so viele Varianten des Überlebens und so viele Möglichkeiten zu sterben gegeben – und „der NKGB gab keine Bulletins heraus“. Die Leute verschwanden einfach im Nebel. „Zu meiner Frau sag ich immer, ich brauche nicht Lotto spielen. Es war schon unwahrscheinlich genug, dass ich auf die Welt kam“.

Das Dissidententum potenziert sich bei den Lochthofens: Schon der russische Opa war in der Verbannung, über seinen deutschen Schwiegersohn befand Wilhelm Pieck: „Machen Sie mit dem Mann, was Sie wollen. Bloß berichten Sie mir nichts davon“.

Lorenz Lochthofen war gewiss nicht der Einzige für den galt: „Sich einzugestehen, auf einem Irrweg zu sein, hätte bedeutet, für immer heimatlos zu bleiben.“

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