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28.05.2018, Jamal Tuschick

Feridun Zaimoglu - Eine irgendwie gescheiterte Einanderungspolitik

Wider den chronisch Beleidigten in der Ghettogastronomie

In der Hochzeit kanakischer Inszenierungen präsentierte Zaimoglu „die Riten und Makel“ einer ethnischen Subkultur in den öffentlich-rechtlichen Studios. Das Fernsehen ließ sich als Disko der Gesellschaft deuten, jeden Abend herrschte Saturday Night Fever. Zaimoglu gab vor allen Mikrofonen „das gepfefferte Wort“ aus, ich hielt das für Performance. Man nahm ihn aber beim Wort und versprach sich davon Aufklärung. Man sprach den Künstler wie einen Politiker an. Zaimoglu antwortete als Künstler und wurde wie ein Politiker verstanden, der gesellschaftliche Teilhabe für eine Minderheit organisieren will. Für Leute, von denen man nichts wissen wollte. Sie waren das Produkt einer „irgendwie gescheiterten Einwanderungspolitik“, zitiert nach dem Volksmund.

Zaimoglu wollte Teilhabe vor allem für sich. „Für die chronisch Beleidigten in der Ghettogastronomie“ hatte er wenig übrig.

„Ich geb doch nicht den vollradikalen Tresenhalodri in der Siffpinne.“

Wolf Biermann sagte Zaimoglu „pfäffisches Gerede“ nach. Vermutlich ging Biermann mit dem Gefühl zu Bett, die Mauer niedergesungen zu haben.

Überall trat der Affekt zu Tage und tarnte sich als kritische Bemerkung.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Biermann fragte in „Drei nach neun“, was denn echt sei an Zaimoglu. Er sah ein Gespenst und zugleich Klees Angelus Novus so wie Walter Benjamin das Bild auffasst.

„Der Biermann hält mich für ein Polyesterwesen, das auf Budenmurks aus ist“, erklärte Zaimoglu im Jahr Achtundneunzig. Das Jahrtausend war weich in den Knien, Biermann sah mit trüben Augen eine Zukunft ohne sich.

Da saßen die Pikierten vor laufender Kamera und taten, „als würde (Zaimoglu) angebrütete Küken schlürfen“. Später am Buffet wurde der Schulterschluss geübt. Schließlich weiß man nie und trifft sich immer zwei Mal im Leben. Womöglich war Zaimoglu doch so etwas wie der Informationsminister einer Untergrundpartei … einer neuen außerparlamentarischen Opposition, die in zehn Jahren die Regierung stellen würde.

Wer konnte das ausschließen? Zaimoglu nahm dankbar jeden Unmut an. Zu Biermann diktierte er mir: „Der fühlt sich auf seine alten Tage richtig dufte ferkelig, wenn er Stasi-Leutnants Arschkrücken nennen kann. Er gehört zu einer Horde von abseitig daherlallenden Stubenmuckern, denen das Herz erloschen ist. Herz, Mann. Mit so einem Pathos kannst du den alten Revoltekarrieristen nicht kommen, aber andererseits: Die Worte dieses Ex-Flegels haben einen hohen Lapprigkeitsgrad. Und ich sage: Je glatter das Maul, desto fauler das Aas.“ (Aus einem Interview im Oktober 1998)

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