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11.02.2019, Jamal Tuschick

#Berlinale 2019 - In „Maman Maman Maman“ setzt die Deutsch-Französische Filmemacherin Lucia Margarita Bauer ihrer Großmutter ein Denkmal.

Impressionistische Splitter

Eingebetteter Medieninhalt

Man versteht den Dreh nicht gleich. Die Szenen purzeln wie Puzzlestücke, die in einem Wirbel familiärer Temperamente vom Tisch gefegt wurden und nun als impressionistische Splitter die Suggestion einer zersplitterten Existenz erzeugen. Das verfehlt die biografische Wahrheit, die „Maman Maman Maman“ transportiert. Die Deutsch-Französische Filmemacherin Lucia Margarita Bauer dokumentiert in dem Kurzfilm das Leben ihrer Großmutter Babet Berger, die am 6. April 2012 starb. Die Schmalfilm- und Schnappschussepisoden werden von der Geschichte einer Überführung in Form gebracht. Man schafft die Leiche der Ahne aus Deutschland, wo der Tod eintrat, zu ihrem Familiengrab in Frankreich in einem la vie, la mort und viel Champagner-Trubel. Von einer traurigen Fahrt ist nicht die Rede. Eine Unterbrechung in Paris wird touristisch genutzt, inklusive Seine-Rundfahrt, Fresstempelbesuch und einem Augenblick vor dem Moulin Rouge. Die Reise endet in einem Herrenhaus mit skurrilem Personal und einem unverkennbar elsässischen Patron, der als Gaga-Greis für Unterhaltung sorgt. Die Kamera fährt ein prächtiges Treppenhaus ab und dringt in die Mansarden ein, jede ein Roman sowie ein Hort der Trouvaillen. Die Enkelgeneration der Verstorbenen feiert Feste der Erinnerung im Kreis der eigenen Kinder und Eltern und der Versprengten einer Kohorte, die ihre Zeit überlebt hat und deshalb kurios aus der Gegenwart fällt. In meiner Kindheit war das der Urgroßonkel Kiefer, der im Deutsch-Französischer Krieg von 1870/71 gekämpft hatte und nun in einer Klause in seinem Wingert der abhandengekommenen Welt keine Träne nachweinte. Er hatte sein Haus für einen Sohn geräumt, der nach Jahrzehnten als international eingesetzter Ingenieur und einem Herzinfarkt in einer der Schwestern meines Großvaters eine Altersgefährtin gefunden hatte. Das war die erste Mallorca-Fraktion, die Frauen noch im Nerz am Strand, mit dreireihigen Zuchtperlenketten und jeder Menge Weißgoldschmuck. Die Männer verwuchsen im Schatten der Sonnenschirme mit ihren Zigarren; vom Wirtschaftswunder feist und unförmig gemacht.

Lucia Margarita Bauer zeigt das Panoptikum Familie fünfzig Jahre später. Sie verwertet die literarischen und sentimentalen Chancen der Herkunft mit leichter Hand.

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