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13.02.2019, Jamal Tuschick

Das Mainlabor präsentiert einen Auszug aus Tereza Semotamovás bald erscheinenen Roman "Im Schrank".

Pralle Finsternis

Ich setze den Rucksack ab und klettere durch das kleine Fenster in den stockfinsteren Keller. Ein tolles Gefühl. Ich erinnere mich an einen Witz aus glorreichen Zeiten, den O. oft erzählt hat. Wie nennt man auf Polnisch »Kohle«? »Pralle Finsternis«. Hier gibt es offenbar beides. Pralle Finsternis und Kohle, denn plötzlich stolpere ich und liege mit ausgestreckten Armen und Beinen da. Ich taste langsam um mich herum wie eine Schildkröte mit ihren armseligen Beinchen. Schildkröten sind langsam, aber sorgfältig. Schildkröten und Menschen –über beide weiß man viel zu wenig. Der Schildkrötenkörper ist in einem hydrodynamischen Panzer versteckt, dessen Jahresringe wie die Krankenakte am Bett eines Patienten sind. Und der Panzer schützt sie vor dem Bösen und vor dem Elend der Welt.

Tereza Semotamová, geboren 1983, ist Autorin, Publizistin, Übersetzerin. Sie studierte Germanistik und Drehbuch, schreibt Hörspiele, Features und Kolumnen, übersetzt deutschsprachige Literatur ins Tschechische, unterrichtet und arbeitet für die deutsch-tschechische Plattform já-du. Der Roman »Im Schrank« ist ihr erster eigener Roman, Auszüge wurden in der Anthologie »Die letzte Metro« (Voland & Quist 2017) erstmals auf Deutsch publiziert.

  Ich rapple mich hoch, und mit nach vorne gestreckten Armen, wie die Kinder in dieser Werbung für Schokoladendessert, suche ich den Ausgang aus der prallen Finsternis. Wie Aschenputtel: vor und hinter mir Finsternis. Allerdings habe ich durch den Sturz ein wenig die Orientierung verloren. Ich weiß zwar, dass die Kellertür direkt gegenüber dem Fenster liegt, doch ich bin wie ein Fähnchen im Wind und kann nichts ertasten, außer dem hermeneutisch nicht erklärbaren Gerümpel, das in diesem unbenutzten Keller gelagert wird und das ich ohne jegliches Interesse abtaste. Es hilft bestimmt bei der Entwicklung der Vorstellungskraft und des kreativen Denkens, ist aber gleichzeitig unwahrscheinlich frustrierend. Und dann, als hätte mich plötzlich ein Sturm erfasst, drehe ich mich im Kreis und falle um. Was soll das denn bitte schön? Diese Tänzerin im Dunkeln hier? Wofür das alles? Warum tust du das eigentlich? Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht! – antwortet mein verbissenes, ungezogenes Ich. Ausatmen, bis fünf zählen, ich tröste dich, und dann geht’s weiter, hmm?

  Hmm, einatmen, ausatmen.

  Wie oft geschieht das wohl noch in meinem Leben? Wie oft hebt und senkt sich meine Brust noch, kann man das überhaupt ausrechnen? Harvard-Wissenschaftler könnten jetzt locker ein paar Zahlen aus dem Ärmel schütteln. Ich stehe auf, schüttele Kohlestückchen aus dem Ärmel, zähle bis fünf, schnaufe wie eine Lokomotive und lege los: Komm, meine Liebe, wir kochen uns einen Tee und legen uns dann in die Heia, und alles wird gut, versprochen! Irgendwann muss ich doch die Tür finden. Ich laufe geradeaus, bis ich eine Wand ertaste. Laufe weiter an der Wand entlang und hoffe auf das Beste, und auf einmal spüre ich tatsächlich die Klinke in der Hand. Yeah!

  Warum wie jeder Depp zwischen vier Betonwänden leben? Viel amüsanter ist doch dieser Parcours durch den finsteren Keller mit anschließendem Sprint über den Hinterhof – in Zukunft werde ich besser an der Hauswand entlangschleichen – und einem Schlussspurt in den Schrank. Zuerst leuchte ich mit der Taschenlampe auf die Scharniere, die unchristlich quietschen, und schmiere sie mit der im Einkaufszentrum Mai erworbenen Vaseline ein. Das Gequietsche könnte ja jemand hören, und das ist hier nicht erwünscht. Dann hole ich ein Stück der blauen Kordel heraus, die ich bei Jana habe mitgehen lassen, und wickle sie von innen um das Türschloss.

Ich ziehe mich im Schrank um, Leggins, T-Shirt, Fleecejacke, breite die aufblasbare Isomatte aus, entrolle den Schlafsack und kuschle mich hinein. Die Utensilien zum Teekochen hole ich erst morgen raus, für heute muss Schnaps reichen. Lieber Gott, nun schlaf ich ein, schicke mir in Engelein, das an meinem Bettchen kniet und nach meinem Herzchen sieht, zack, zack! Im Schlafsack eingemummelt schließe ich mein Häuschen von innen ab und atme den Geruch von Holz ein.

  Zum ersten Mal sitze ich in meinem Schrank.

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