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19.02.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Abschied und Aufbruch

Wir hofften viel und lasen wenig

Iris Leise bekannte sich zum Christentum ihres evangelischen Vaters. Sie erklärte sich im Geist der kämpfenden Kirche Lateinamerikas. Der Reigen vollzog sich zwischen Weltrevolution, ausreichend Schlaf und Hava Nagila. Was haben wir Hava Nagila gesungen. Wie oft bin ich weggeschickt worden, weil Iris schlafen musste.

Eingebetteter Medieninhalt

Gestern habe ich euch von Iris Leise erzählt. Sie hatte die größten Brustwarzen, die mir auf meiner langen Wanderschaft begegnet sind. Der zweite Busen, mit dem ich im Zustand der bewussten Wahrnehmung Bekanntschaft machte, gehörte meiner Großcousine Lisbeth. Sie war die Tochter eines Bruders meiner Großmutter. Es spricht für den Familienzusammenhalt, dass man sich kannte.

Der Bruder hieß Ludwig und war Ingenieur mit großen Verdiensten in seiner transatlantisch Kolossalbauten hochziehenden Firma. Er hatte seinen Posten so sicher wie ein Beamter. Im Keller seines Hauses war ein Sportraum mit Schwimmbad. Man konnte verkürzte Kurzstreckenbahnen ziehen und einen Trockenparcours absolvieren. Als fitter Greis sah Ludwig albern aus. Die Abweichung von der normalen Trägheit wirkte sogar abstoßend. Zudem fuhr Ludwig Porsche.

Da es keine Beispiele für Ludwigs Lebenswandel gab, erschien er nicht klischeehaft. Ludwig verkörperte High-Life-Individualität. Der zweite Extremist in der Familie war mit fünfzig nach Kanada ausgewandert und da ohne Vorbildung Trainer der Eishockeynationalmannschaft geworden.

Das war die Ausnahmen von der Regel. Da konnte man nur staunen.

Ludwig hätte richtig reich sein können, erklärte mir mein Vater, hatte aber nur genug Kapital aus seinen Talenten geschlagen, um ein gutes Leben zu haben. Da war sie wieder: die Lebensqualität als Hauptmaxime der SPD. Verbunden mit dem ominösen Spruch: „Man kann sich nur einmal sattessen“ und der kongenialen Formulierung „Das letzte Hemd hat keine Tasche“ wahlweise „Du kannst nichts mitnehmen“. 

Mein Vater sprach in jungen Jahren von Ausbeutern und Arbeiterverrätern, hat aber bis heute nichts gegen einfache Millionäre, die aus eigener Kraft zu ihrem Vermögen gekommen sind.  

Ein um Schwung in allen Lebenslagen bemühter siebzigjähriger Porschefahrer flößte mir trotzdem kein Vertrauen ein. Ludwig war mit über Fünfzig noch mal Vater geworden und als ich von seiner Jüngsten zu einer als Mittagsschläfchen getarnten Kuschelrunde herangezogen wurde, war ich vier und sie gerade dabei, Mutter zu werden.

Später nutzte ich den Sportraum. Ich durfte Freunde mitbringen. In den Jahren der Initiation bewegten sich in meinem Trainingskreis die Polizistensöhne Roland und Klaus. Wir waren Adepten des einzigen SPD-Apachen, jungsozialistischen Urgesteins und Kraftgottes Holger. Das war einer, der Kunst und Politik machte und sich wie kein Zweiter im Wald auskannte. Liegestütze nur auf den Daumen. Holger gab vielen Jungen die Zuversicht, die ihre Väter ihnen nicht geben konnten. Vermutlich war er als Projektionsfläche und Pädagoge besser als in jedem anderen Fach. Er konspirierte, agitierte und begeisterte.    

In meiner Jugend schloss sich, vereinzelter Gegenbeispiele zum Trotz, Reichtum und Linkssein aus. Die Reichen waren rechts und bewegten sich in anderen Kreisen. Besonders paradox lagen die elternhäuslichen Verhältnisse bei Iris Leise. Der Vater war ein Großbürger wie aus dem Bilderbuch. Er stammte aus einer Göttinger Familie, und so wie das gesagt wurde, klang es, als sei vom Haus Hannover und den Welfen die Rede, von uraltem niedersächsischem Adel mit den größeren Ansprüchen auf die Kaiserwürde im ganzen Reich. Heinrich Leise liebte die Palästinenser. Er ordnete die Wege ihrer akademischen Hoffnungsträger in Deutschland auf eine sehr persönliche Weise. Leise war Holger Börners Ben Witsch, und Iris war eine Ikone der jungen arabischen Israelis, die mit ihrem Hass so vertraut waren, dass er sie anblies wie ein Aggregat.

Margarete Leise verkörperte die katastrophale Würde und das unklare Amt ihres Mannes so als sei sie die Frau eines Ministers. Hessen war ein Erbhof der SPD, die bürgerlichen, nicht über die Gewerkschaft aufgestiegenen Spitzenkräfte der Partei verhielten sich wie Schranzen. Sie tradierten die Beamtenüberheblichkeit der kurfürstlichen und landgräflichen Bediensteten, die ja von Gott persönlich auf ihre Plätze als Gärtner und Bergbauinspekteure gestellt worden waren.

Bis die Preußen 1866 kamen, war Kassel sechshundert Jahre Residenzstadt gewesen. In den Jahrhunderten gräflicher Herrschaft hatte alle Freiheit beim Fürsten allein gelegen. In Kassel war die bürgerliche Emanzipation aufgehalten worden. Immerhin hatte es den hugenottischen Einfluss gegeben. Manche Meister der Macht gaben sich auch in den 1970er Jahren noch so, als sei Hessen-Kassel eine feudale Angelegenheit. Heinrich Leise war Meister. Von ihm lernte ich, sich nie in die Not einer direkten Äußerung zu geben. Er hatte für alles seine Leute. Ansagen, die uns betrafen, machte seine Frau. Margarete Leise nahm mich freundlich auseinander, um herauszufinden, mit wem es die Tochter zu tun hatte. Das war eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Adoleszenten. Iris distanzierte ihre Mutter, ohne laut zu werden.

„Mama, das geht dich nichts an.“

„In diesem Haus gibt es nichts, was mich nichts angeht.“

Dialoge wie auf einer Bühne.

Margarete Leise war eine Kasseler (Karlshafener) Dupont. Ihre hugenottischen Vorfahren waren in Kassel zu den Zeiten des einzigen katholischen Landgrafen Hessens katholisch geworden. Die Nachkommen protestantischer Religionsflüchtlinge hatten freiwillig die Religion ihrer Verfolger angenommen. Margarete Leise war in ihrer Familie konfessionell isoliert. Glaubensfragen wurden diskutiert. Das kannte ich auch nicht von meinen Leuten. Wie waren „ungläubig wie die Heiden“.

Ich schwankte zwischen Iris und Madeleine. Iris bekannte sich zum Christentum ihres evangelischen Vaters. Sie erklärte sich im Geist der kämpfenden Kirche Lateinamerikas. Der Reigen vollzog sich zwischen Weltrevolution, ausreichend Schlaf und Hava Nagila. Was haben wir Hava Nagila gesungen. Wie oft bin ich weggeschickt worden, weil Iris schlafen musste.

Nicht nur Iris wünschte sich von ihrem Liebhaber eine Radikalität, die sich mit ihren eigenen Plänen nicht gut kombinieren ließ.

„Willst du nicht mein Baader sein, lad ich mir nen anderen ein.“

Ich vertrat in dem kostbaren Ensemble der jungsozialistischen Eleven den Proletarier. Ich hätte diese Rolle nicht bekommen, wäre ich einer gewesen. So wie man damals noch Türken, falls sie überhaupt vorkamen, mit Jugoslawen besetzte.

Auch Iris machte ihre Erfahrungen mit Holger und lebte eine Weile mit ihm zusammen. Er bewohnte eine Etage in einem Haus an der Goethestraße im Vorderen Westen. In meiner Erinnerung ankert das Haus wie ein Fitzcarraldo‘ esk illuminierter Vergnügungsdampfer auf dem nächtlichen Amazonas. Holger bespielte alle Fläche. Man würde ihn heute hashtagen; er hätte bundesweit die Interventionistische Linke und deren Eltern am Hals. Ich frage mich, wie er sich aus der Affäre ziehen würde. Er war hundert Mal prädestinierter als jeder andere, der sich mir zur Beobachtung und zur Belehrung meiner Jugend anbot.

Abschied und Aufbruch

Im Trubel hatte Holger versäumt, eine Familie zu gründen. Das Defilee der jungen Frauen führte stets an ihm vorbei in eine angemessenere Beziehung, die einer Ehe vorausging. Auch die jungen Männer, die ihm ihre Konstitution verdankten, blieben nicht. Es wiederholten sich die Nächte des Abschieds am Küchentisch in Holgers Wohnung.

Irgendwann bemerkte ich Holgers basstiefe Verstimmung. Die Geliebte des Augenblicks unterschied sich kaum von der letzten … in ihrer Ultraattraktivität. Alle nutzten Holgers Etage als Bühne. Sie bewegten sich wie in dem George Michael & Models-Video. Sie nahmen, was ihnen zur Verfügung gestellt wurde. Holger ging in ihren Auren ein, ich meine, in ihren Auen. Er verlor alles an das Zuviel. 

Wie König Ludwig in seinem Porsche konnte er nicht vernünftig altern. Soweit kam es, dass Holger weinerlich wurde und die Zustände im Kulturbetrieb beklagte. Er fühlte sich als Künstler übergangen. 

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