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22.02.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD - Auf dem Umweg einer Liebeserklärung an ihre Großmutter gelangte Katja zu den verlorenen Ostgebieten, nach denen in der Siedlung meiner Kindheit die Straßen benannt worden waren, um die Erinnerung an das vormals Deutsche lebendig zu halten. Das war kommunaler Revanchismus im Geist der SPD.

Kalte Nudeln

Mit Jamal Tuschick, Martin Löwe Piekar, Maximilian Claudius, Naomi Rachel Hoffmann und Viktor Kasan

Ich hatte auf einem Bord im Korridor zwischen Johannes Agnolis und Peter Brückners „Die Transformation der Demokratie“ und Antonio Gramscis „Quaderni del carcere“ (ich schreibe das jetzt so angeberisch, vielleicht stand da auch eine Simmelschwarte) die erste Kurzgeschichtensammlung von Siegfried Lenz bemerkt. „So zärtlich war Suleyken“ war 1955 erschienen – als ein Kassiber der masurischen Heimatliebe. Ich versprach Katja, daraus vorzulesen.

Eingebetteter Medieninhalt

Revanchismus lauerte überall. Während sich die Besserinformierten um Madeleine scharrten und die Frankfurter Nacht zu ihrer Domäne erklärten, blieb ich in der Kommunenküche an Katja hängen. Es gab, das wusste ich damals natürlich noch nicht, stets eine Katja. Oft hieß sie auch so und führte außerdem einen Flüsternamen wegen irgendwelcher Marotten. 

Katja war die Schrankfrau. Erreichten sie ihre ärgsten Zustände, stieg Katja in einen masurischen Bauernschrank, der den Treck der Vertreibung ihrer Großeltern mitgemacht hatte und ihrer fiebrigen Existenz beruhigende Konturen verlieh.

„Der Schrank rahmt mich richtig.“

Erzählen Sie so was einem sechzehnjährigen Nordhessen, der zwanzig vollständige Klimmzüge schafft, Vizehessenmeister im Gewichtheben ist und jeden Tag fünf englische Phrasen auswendig lernt. Ich trainierte mit künftigen Europameistern im Boxen und Judo. Roland zeigte mir, was er in dem geheimen Gong-fu-Training lernte, das ein Türke aus Fritzlar anbot. Wir kombinierten Kettenfauststöße mit Geraden und Haken im Hobbykeller meiner Eltern. Das war zukunftsweisend. Heute sieht man solche Verbindungen allenthalben, aber in den Siebzigern ging es um die reine Lehre und tödliche Techniken, die man wie einen Zug oder einen Bus verpassen konnte, wenn man falsch übte. Ich machte auch beim Polizeisportverein im Karate mit und beobachtete aktiv die Entwicklungen in der Taekwondo Schule Lee. Ausgerechnet mein Vater, dieser Ultrapazifist, hatte einen Sohn mit einem Händchen für Waffen. Ob Hieb, Stich oder Schuss, Nunchaku oder Doppelakt, mir flog alles zu. Dafür sperrten sich meine Instanzen gegen Französisch und Klavier.

Katja saß im Schrank, ein Türflügel stand offen. Das war ein Erfolg, der sich meinem guten Einfluss verdankte. Jedenfalls behauptete das Katja, die einigermaßen bequem in ihrer Holzhöhle auf einem Omakissen saß, mit angezogenen Knien. Ich saß davor auf einem Schawellsche und verschaffte mir ab und zu Bewegung, indem ich Liegestütze pumpte. Ich stellte mir Madeleine auf einer Tanzfläche vor, begehrt von den Genossen Dany und Joschka so wie von den nachrangigen Spontis.

Katja kaute Haare. Sie zog ihr Haar durch den Mund und betrachtete das nasse Regressionsresultat. Durch hundert Schleier der Selbsttäuschung begann ich zu ahnen, dass die Konstellation gar nicht so absurd und zufällig war wie ich es gern gehabt hätte. So wie es immer eine Katja gab, gab es eben auch immer so einen wie mich – einen Kommunikationsverweigerer im Muskelschrank.

Auf dem Umweg einer Liebeserklärung an ihre Großmutter gelangte Katja zu den verlorenen Ostgebieten, nach denen in der Siedlung meiner Kindheit die Straßen benannt worden waren, um die Erinnerung an das vormals Deutsche lebendig zu halten. Das war kommunaler Revanchismus im Geist der SPD.

Katja repetierte im Schrank die neonationalsozialistische Version. Sie vermisste eine Landschaft, die sie nie gesehen hatte: aus Solidarität mit den Großeltern, die ihrer verstörten Tochter und einem meist abgängigen Schwiegersohn die Last der liebevollen Aufzucht abgenommen hatten. Im Gegenzug trug Katja die Sehnsüchte der Alten weiter. Sie wiederholte deren Verlustmeldungen.

Die transgenerationelle Weitergabe traumatischer Erfahrungen, die Katja mit keinem persönlichen Erlebnis verbinden konnte, war unerforscht. Man glaubte noch, dass die Verdrängungsleistungen der Kriegs- und Kriegskinder-Generation folgenlos geblieben seien. Die sozialen Metastasen in den Kindern der Kinder wucherten unerkannt.

Mich ermahnte der Hunger. Ich ging in die Küche zu einem Topf kalter Nudeln. Plötzlich stand Katja hinter mir und wollte auch. Kalte Nudeln. Katja dekorierte bald die Anrichte mit ihrer im Schrank wiederhergestellten Person. Sie roch nach herzlicher Aufnahme. Sollten die anderen doch auf den Magistralen des revolutionären Vergnügens buhlen und prahlen und Madeleine versteckten Anarchisten zuführen, um ihr zu imponieren. Ich kannte den Schleichweg in Katjas Bett.

I have seen something

Vor dem Kampf gegen Joe Louis am 19. Juni 1936 ließ Max Schmeling die kryptische Bemerkung fallen: „I have seen something“.

Das hatte ich auch. Ich hatte auf einem Bord im Korridor zwischen Johannes Agnolis und Peter Brückners „Die Transformation der Demokratie“ und Antonio Gramscis „Quaderni del carcere“ (ich schreibe das so angeberisch, vielleicht stand da auch ein Simmel) die erste Kurzgeschichtensammlung von Siegfried Lenz bemerkt. „So zärtlich war Suleyken“ war 1955 erschienen – als ein Kassiber der masurischen Heimatliebe. Ich versprach, daraus vorzulesen.

Was hatte Schmeling gesehen? Er hatte gesehen, dass Louis seine Deckung aufgab, sobald er einen kurzen rechten Haken setzte. Ohne es zu merken, entblößte er sein Kinn. Der Rest ist Geschichte. Die Deckungslücke machte Louis (im Verhältnis zu Schmeling) zum Scheinriesen. Der krasse Außenseiter, die Wetten standen zehn zu eins für Louis, schlug den Favoriten k.o.

Später transformierte Katja den Revanchismus ihrer Großeltern und die Verlorenheit ihrer Mutter in einer auf DDR-Linie getrimmten Perspektive. Sie schloss sich den Standpunkten von Franz Fühmann an, der seine geistige Heimat in russischer Gefangenschaft gefunden hatte. Fühmann kam aus dem Riesengebirge, war beim SA-Reitersturm und blieb in der DDR „Böhme unter Preußen“. Wieder und wieder wandte sich Fühmann gegen Operetten falschen Erinnerns. Eine literarische Begehung der Mark Brandenburg, ich schreibe jetzt nicht: auf Fontanes Fährten, scheiterte in der Verzweiflung Fühmanns, in dieser Landschaft seine Legierungen nicht finden zu können.

Sein Gegenspieler war Johannes Bobrowski. Bobrowski konnte mit Fühmann nichts anfangen, er hat seine Verluste auch nicht schön geschrieben. Für Bobrowski war die Mark Brandenburg eine Spielzeuglandschaft, unerheblich im Vergleich zum Memelland seiner Herkunft: „Ein Hof so groß wie ein ganzes märkisches Dorf“. 

Beide Autoren hatten den Überfall auf die UDSSR mitgemacht und waren in Unfreiheit belehrt worden. Doch Bobrowski blieb Zuhörer und skeptisch in den Schulungen, während Fühmann das Fass des leidenschaftlichen Antifaschismus aufmachte und (patriotische) Heimatempfindungen zum Aussterben verurteilen wollte. Euthanasie für Gefühle. Auch „dem eigenen Lied trat ich auf die Kehle“.

Beide glaubten, dass ihre Ursprungsumgebungen „mit allem Recht verloren wurden“.

Beide bedienten sich in der Antike, Fühmann reagierte auf den Marsyas-Mythos etwa mit dem Vers: „Die Haut der Heimat abgezogen“.

Beide lobten Trakl.   

Heimat war für Fühmann ein Riesengebirgstal, „eingeschlossen von vier Gebirgszügen“. Er wandelte sich vom katholischen Faschisten zum alkoholischen Stalinisten. Für Bobrowski war dieses Verwandlungsfieber Kokolores. Wie gesagt, für ihn war Brandenburg „überhaupt keine Landschaft – Ich bin eigentlich gar nicht hier“. Er tröstete sich mit dem Dialekt seiner Frau. „Meine Leute“ und „das Gespräch“ wurden für Bobrowski in Berlin zur Heimat. Er nannte sie seine „Sternbilder“.

Fühmann hielt dagegen: „Ich habe das Riesengebirge nach innen gekippt“.

...

Nach dem Ende der DDR kehrte Katja zu den Standpunkten ihrer Altvorderen zurück. Wir blieben uns solange gewogen wie die Körper sich brauchten. Das muss ich jetzt auch noch erzählen. Ich bin gestern Abend mit den Stöcken, die ich als Gehhilfe gebrauche, über den Königsplatz so schnell wie möglich gehumpelt. Mein Auftritt löste Gelächter aus. Das Gelächter war unwillkürlich, jedoch nicht bösartig. Menschen lachen über Schwächen, die sich nicht verbergen lassen. Noch vor ein paar Jahren hätte mich die Eile zu einer besseren Simulation von Beweglichkeit ermächtigt. Die Eile selbst verdient eine Betrachtung. Ich wollte einen Bus kriegen, das heißt, ich wollte ihn nicht verpassen, um nicht in die Not zu geraten, unter lauter jungen Leute und hingerichteten Nicht-Jungen an einer Haltestelle warten zu müssen. Vollkommen deplatziert.  

Das Alter ist ein Kontinent und weit weg von dem Abenteuerland, in das ich mit sechzehn geriet, damals als die außerparlamentarische Opposition sich unter der Führung Frankfurter Spontis daran machte, in Hessen staatstragend zu werden, und Katja auf mich abfuhr, weil ich mit Siggi Lenz ihrem Seelenrevanchismus Vorschub leistete. 

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