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24.02.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Ein Christ so fern des Erbarmens

Das Private war politisch im Geist der alten Sozialdemokratie

Die SED zu Heiner Müllers „Umsiedlerin“ 1961: „Mit stinkender Frechheit abgrundtief das eigene Nest beschmutzt.“

Beim Wettlauf um die Macht sind drei Brüder und zwei Cousins auf der Strecke geblieben. Übrig blieb Alwin. Sein Thron ist eine schmucklose Angelegenheit, mehr ein Kasten als ein Stuhl. Er trinkt aus dem Schädel des Schwiegervaters. König Alwin spaziert betrunken in seinen Erinnerungen an das Gemetzel, das für Rosamunds Vater zum letzten irdischen Erlebnis wurde. Der gute Mann, ein König von gestern, starb von Alwins Hand, Alwin wartete mit der Enthauptung, bis seine Krieger Rosamund aus ihrem Versteck gegraben hatten. Alwin schwelgte noch im Blutrausch, ein Christ so fern des Erbarmens.

Alwin weiß noch nicht, was Mitgefühl ist. Seine Ausbilder erschöpften sich darin, ihn an Waffen zu gewöhnen. Sie brachten ihm bei, sogar in seinen Brüdern Rivalen mit tödlichen Absichten zu erkennen. Andererseits bot allein die Familienbande Sicherheit. Ein schizophrener Zug fuhr spaltend durch Alwins Charakter. 

Alwin handelt mit der Rationalität des Paranoikers. Wo keine Angst ist, gibt es keinen Verlass. Alwin nennt sich Christ, doch heißt seine Religion Angst. Sie zu verbreiten, hält Alwin für seine Pflicht. Deshalb schwang er den triefenden Kopf am Schopf vor Rosamund zu ihrem Entsetzen. Alwin wollte ihren Willen lähmen, sie sollte sich ihm niemals widersetzen. Er hätte Rosamund sonst töten und auf ihren Stammbaum verzichten müssen.

Die Äste an Rosamunds Stammbaum tragen die Früchte ihrer Legitimationen. Solange Rosamund legitim in seiner Gewalt ist, kann Alwin ihre Rechte zu seinen machen. Das erklärt die Ehe, sie könnte jederzeit auch in der weiblichen Linie vorteilhaft sein. Es muss nur die Gewalt dahin gehen. In diesem Detail steckt die Ungeheuerlichkeit, Rosamunds Verbindung mit Alwin vernünftig zu finden. Die Kinder aus der Verbindung sind doppelt legitimierte Königskinder. Ihre Ansprüche werden weiterreichen als die Ansprüche der raffenden Eltern.

Es dauert kaum zwei Jahre, bis Rosamund die Erhebung zu genießen beginnt, die sich in ihrer Zwangslage ergeben hat. Der Mörder ihres Vaters verbessert sie, auf jeden Fall hätte sie sich nicht besser verheiraten können. Am Anfang war sie eine Gefangene gewesen, beobachtet mit Misstrauen und verfolgt von Hass. Als Alwins Gattin steht sie über den meisten, doch Einzelheiten ihrer Hochzeit kratzten am Status. Es knirschte im Gefüge der höfischen Ordnung, bis man dahin kam, Rosamund zum Wohl der Blutlinie in Ehren aufzunehmen.  

Fleisch von ihrem Fleisch, das lebt. Der Vater nun mal tot. Wo Rosamunds Verwandtschaft herrscht, ziehen die Mauersegler und Schwalben im August genauso nach Süden wie in dem Himmel, den Rosamund sieht.

König Alwin trinkt aus dem Schädel eines Königs von gestern. An einem Abend im August 786 drängt es ihn: von Rosamund zu verlangen, aus ihres Vaters tranchiertem Schädel einen Schluck Rotwein zu nehmen.

Darauf hätte er früher kommen können, ihm ist doch schon viel eingefallen. Mit dem Kopf des Schwiegervaters auf seiner Lanze hatte Alwin den Triumphzug angeführt.

Rein äußerlich wirkt Alwin erhaben über jeden Zweifel an seiner Grausamkeit. Allerdings zweifelt er selbst an seiner Terrorpotenz, Männer neigen zu Versagensängsten nicht erst seit der Neuzeit. Also sagt Alwin wohlgemut zu Rosamund, sie ist schon ein bisschen schlaff und welk, es steckt etwas Prekäres in dieser Mischung aus Königin und Gebärautomat ohne Wahlrecht: „Ehe ich es vergesse, reiche ich dir den Schädel deines Vaters, damit du auch einmal das Vergnügen hast.“

Wird sie trinken?

Iris Leise stellte uns die Frage an einem Nachmittag im August 1978. Wir saßen im Hof des maurischen Schlosses, das Iris‘ von Arabien faszinierter Vater an den Fuß des Brasselsbergs gestellt hatte. Es gab eine Arkade wie im Kino. Wir tranken Eistee und knabberten Kekse. Außer mir fanden alle die Fürsorge, die uns Tee und Kekse beschert hatte, selbstverständlich. Wo wir hinkamen, wurde aufgetischt.

Ich kannte das nicht aus meiner Kindheit.

„Sie wird trinken“, behauptete Roland. Madeleine war dabei, ihn endgültig zu verlassen, nachdem er sich in Frankfurt am Main, wo Madeleine nun Soziologie studierte, schwer danebenbenommen hatte.

Doch saß Ingvild schon Roland zur Seite und baute da ihre Rechte aus. Die Übernahme des Verschmähten war herzerfrischend. Zurzeit steckten alle Jungsozialisten in Second-best Konstellationen, während die Jungsozialistinnen Premiumverbindungen oder Beziehungspausen hatten.

Madeleines ältester Halbbruder Jan, der in Teheran aufgewachsen war und in Cambridge lehrte, ein immerhin in Kassel geborener Weltmann, zitierte Tolstoi: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“

„Aber wird sie trinken?“ insistierte Ingvild, Rolands rechte Hand in ihren Händen einschließend. Das Futteral klemmte sie zwischen ihre Schenkel. Alwin und Rosamund waren sich gewiss nicht elementarer begegnet.

Jan war Neurologe, Spezialist für Prosopagnosie. Er hatte den Nachweis erbracht, dass Honoré de Balzac gesichtsblind gewesen war.

Melierte Hemdsärmlichkeit

Das 19. Jahrhundert kannte eine urbane Randerscheinung, die in der Literatur zur geisterhaften Existenz wurde. Das war der Nerd aus der Gosse, das prekäre Kind mit dem absoluten Gehör oder einer noch poetischeren Gabe. Es lungerte auf den Freitreppen der Opern- und Theaterhäuser herum, verschaffte sich illegalen, wenn nicht wohltätigen Zutritt, es komponierte und dichtete in der Kloake, atmete außerdem berauschende Dämpfe ein und erlag rechtzeitig der Schwindsucht. Wen die Götter lieben.

So einer war Martin. Von Johannes dem Säufer im Haus der Jugend mit Stefan George verdorben. Er würde bald Selbstmord begehen.  

„Sie wird trinken“, verkündete Martin.

Ein grüngoldener Mistkäfer querte einen Sonnenspot. Ein Hubschrauber flog über den Hof. Gunter Sachs erschien in der Gestalt von Madeleines Vater. Die melierte Hemdsärmlichkeit zog ein mit den Zunftzeichen der Nachbarschaft. Der alte Benson war Bergbauingenieur. Als Berater der Schah-Berater hatte er mit seiner ersten Frau und zwei Söhnen in Teheran gelebt. Die Scheidung war schon vor der Rückkehr beschlossene Sache. Madeleine war in seiner zweiten Ehe gezeugt worden, im biografischen Schatten ihrer sagenhaften Halbbrüder.

Iris‘ Mutter Margarete begriff Benson als Verstärkung des Seniorenbollwerks. Verlegen weidete sie in der herben Aftershave Wolke. Ingvild fragte sie nach ihrem Standpunkt im Fall Rosamund.

Margarete ließ sich alles noch einmal erklären. Sie schindete Zeit und schob Benson vor. Sah so ein Alwin der Gegenwart aus? Unser Juso-Geheimdienst war in seiner Analyse von Madeleines Vaters zu dem Fazit gelangt, der alte Benson habe wie ein Kleingärtner der Intrige überall Honigtöpfe aufgestellt. Wikipedia sagt: „Als Honigtopf oder honeypot wird eine Einrichtung bezeichnet, die einen Feind vom eigentlichen Ziel ablenken oder in einen Bereich hineinziehen soll, der ihn sonst nicht interessiert hätte.“ 

Unsere Investigativen hielten Benson für brandgefährlich. Sie fürchteten, dass er seine Tochter als Marionette einsetzte, um die radikale Linke in Deutschland zu unterwandern; dass er die Machtübernahme von Joschka Fischer mit Hilfe einer sogenannten Liebesschaukel zu verhindern trachtete. Benson fuhr Peugeot. Französische Autos waren als Rostlauben verschrien. Stichwort: Hohlraumversiegelung.

Benson dröhnte:

„Margarete, was gibt es da zu überlegen. Rosamund wird bedenkenlos aus dem Schädel ihres Vaters trinken. Das ist ein Legitimationsakt zur Förderung des Nachwuchses. Was haben wir nicht alles für unsere Blagen getan.“

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