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25.02.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Dialektik

„Das Wesentliche im Universum ist nicht das Organische, sondern die Information“. Heiner Müller

Rainer Werner Fassbinder hatte ein Faible für Klatschspalten, Demimonde- und High Society Tratsch. Er fand Johannes Mario Simmel und den schon wieder vergessenen Willi Heinrich als Erzähler vorbildlich. Im Jahr der Verhaftung von Andreas Baader drehte Fassbinder einen Film an den Themen der Zeit vorbei. Wenig konnte der Willy-Brandt-Ära („Mehr Demokratie wagen“) mit ihren Berufsverboten und dem Radikalenerlass ferner sein als „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Die Milieustudie war zuerst von Peer Raben in Frankfurt auf die Bühne gebracht worden. Sie berichtet im Kammerspielton von Verhältnissen am reichen Rand der Gesellschaft. – „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ in einer hanseatischen Variante.

1979 nahm Thälmanns Filmtheater (TFT) den als beinah historisches Dokument vorsichtig angekündigten Film nach zwei Vorführungen und heftigen Protesten aus dem Programm. Das TFF war ein mit dem kulturellen Feierabendangebot der Gesamthochschule verlinktes Projekt, das seinen biederen Ursprung in Filmnachmittagen im Philipp Scheidemann Haus hatte und da immer noch stattfand. Ich hatte in diesem Rahmen Western gesehen wie vorher mein Vater. Die Angelegenheit hatte keine politische Dimension gehabt, bis zu einer kommunistischen Regieübernahme vor ein paar Jahren.  Die An- und Absichten der amtierenden Macher kollidierten mit der, absoluter Dominanz geschuldeten sozialdemokratischen Gemütlichkeit. Nun bot sich die Gelegenheit, den Thälmännern linke Misogynie vorzuwerfen. Diesem Vorwurf war Fassbinder selbst ausgesetzt. Er wehrte sich mit der Feststellung: Frauen so kritisch wie Männer zu sehen. Sie würden aus ihrer Unterdrückung Terrorenergie ziehen.

Natürlich traute sich in Kassel keiner so was zu sagen. Uns ging es nur darum die Agenten auf der politischen Gegenschräge zu zerlegen. Im Gefolge von Iris Leise sprengten zehn Jungsozialistinnen und drei Begleiter, namentlich Holger, Roland und ich, eine Ratssitzung der jungkommunistischen Filmwerker in den Räumen der ehemaligen Metzgerei Mansfeld am Wehlheider Kreuz.

Unter der linken Larve eiterte die Reaktion

Iris hatte den Überfall vorbereitet. Ihre Amazonen warteten mit Transparenten und Spruchtafeln auf. Die Vorwürfe waren persönlich gehalten.

Direkte Ansprachen mit Zumutungscharakter.

„Fabi Spühl, wir wissen, dass du einen kleinen antisemitischen Pimmel hast und wie du mit Frauen umgehst. Wir erzählen uns nämlich alles.“

Wir töten dich mit Hohn und Spott.

Die errötenden Ratsherren zogen zügig durch die Personalluke ab. Damit hatte keine® gerechnet. Das einzige KBW-Stadtteilbüro war bald in unserer Gewalt.

Daraus mussten wir etwas machen.

Holger schlug vor, die Schlösser auszuwechseln. Das konnte der Zinker. Er wohnte telefonisch unverbunden in seiner Werkstatt in einem Hinterhaus. Iris schickte Roland zum Zinker. Holger sah in den Schubladen nach. Er sammelte Informationen für eine Zeit danach.

Leute an die Kandaren ihrer Jugendfehler zu legen, nachdem ihr Aufstieg schon gelungen schien …

In dieser Phase des Geschehens war Iris die engste Vertraute des greisen Jusos Holger. Mit einer Monotonie ohne Beispiel hatte sie den Platz einer kongenialen Vorgängerin eingenommen und bereitete nun als künftige Theaterregisseurin den nächsten Coup vor. Ich war als Sidekick im Spiel und besser informiert als der Rest.

„Du weißt doch“, erklärte Iris in ihrem Kinderzimmer mit der Superanlage und zwei von Johannes Seiferts Bruder gebauten Gitarren, „was der Fassbinder mit den „Tränen“ wollte – eine en Suite Schilderung des engsten Kreises – eine Klan-Darstellung. Wer steht der Sonne am nächsten und zu welchen Bedingungen. Das ist ein höfisches Sujet.“  

Das hatte ich nicht gewusst. Mir bedeutete Fassbinder nichts. Ich verstand immerhin, dass Iris eine Chance suchte, dem alternativen Muff zu entfliehen.

Dialektik

„Was ist Dialektik?“ fragte Holger, unser Muskeldemokrat und Machosozialist. Heute wäre er eine tausendfach unmögliche Figur. Damals durfte er sich noch über den Genderdissidenten Martin lustig machen.

„Dialektik bedeutet, wir bringen die „Tränen“ auf die Bühne, nachdem wir sie im Kino abgesetzt haben.“

Das leuchtete nicht jedem ein. Holger genoss den Streit. Er wusste besser als wir, dass er nicht mehr lange für die Steilvorlagen zuständig sein würde.  

Iris inszenierte auf der Bühne des Hermann-Schafft-Hauses mit einem Ensemble, das sich ergeben hatte. Das erste Bild zeigt die gestiefelte und gespornte Petra von Kant in symbiotischer Gemeinschaft mit ihrer Zofe Marlene.

Ingvild spielte die Herrin exzentrisch erschöpft. Sie empfing eine Frau, die Männer Geld bluten ließ - Sidonie von Grasenabb.  

„Man hat als Frau doch seine Möglichkeiten“.

Die Arbeit der Herrschaft

Die Stoffauffassung nahm die Achtzigerjahre vorweg. Daran erkenne ich in der Retrospektive Iris‘ Begabung. Sie hatte das Ticket für die Zukunft schon in der Tasche, als alle anderen noch die Vergangenheit abweideten. Amerikas Scheitern in Vietnam steckte der westlichen Welt in den Knochen. Die Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses drohte die SPD zu zerreißen. Ihre Epplers liefen Sturm gegen ihre Schmidts. Die Grünen liefen sich warm.

In Frankfurt am Main zeichneten sich neue Allianzen ab.

Die DDR war pleite. Die UdSSR hing in den Seilen.

Es gibt eine Videoaufzeichnung von unseren „Tränen“, den Mitschnitt einer Probe. Die jugendlich-gnadenlose Iris fordert ständig ein schärferes Spiel und härtere Konturen. Sie forciert das Stück aus der Gegenwart von Neunundsiebzig.

Was hatte sie gesehen?

Es gab einen Moment zurückschäumender Nähe. Wir waren uns zufällig über den Weg gelaufen, mieteten ein Hotelzimmer, an den Schwellen zu unseren vierzigsten Lebensjahren. Am nächsten Morgen sagte ich: „Deine „Tränen“ kamen zehn Jahre zu früh. Dass sich eine Restauration wie eine Revolution anfühlen kann, kannst du unmöglich aus dem Stück begriffen haben.“

„Mich interessierte damals, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch keine Möglichkeit mehr hat, in seinem Gestern zu verrotten. Wenn er in die Gegenwart gepeitscht wird, wo ihm aber die Mittel fehlen. Schutzsuchend muss er unter eine Sohle kriechen und froh sein, dass überhaupt noch eine Stiefel tragen will und bereit ist, zu knechten und die Arbeit der Herrschaft zu leisten.“

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