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26.02.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

The Vanishing Act

Der tote Fisch auf der Fußmatte sagte mehr als tausend Worte

Katja hatte die „Verlorene Ehre“ gesehen.  

Eingebetteter Medieninhalt

Am Ende der mit Satellitenschüsseln und Topfpflanzen gepflasterten Milchstraße stand eine wuchtige Wabenburg. Sie vertikalisierte vor einem brennenden Horizont. In der babylonischen Legebatterie hatte die SPD eine konspirative Wohnung. Da erwartete uns Katja im Kreis erkrankter Genossen.  Katja war von Frankfurt nach Berlin gezogen und hatte sich in einem besetzten Haus den Unmut drakonisch strafender Autonomer zugezogen. Diese Leute sprachen Kiez- und Stadtverbote aus. Sie hatten einen Sonderparagrafen namens Vanishing Act. Sie genossen jede Menge bürgerlicher Unterstützung. 

Sie meinten es ernst. Im Gegenzug hatte Holger Roland und mich nach Berlin geschickt, im Geist der sozialdemokratischen Bluthunde. Roland laborierte noch an den Härten, die ihm Madeleine zum Schluss zugemutet hatte. Sie war mit Joschka F. in Kassel aufgetaucht und hatte mit dem Sponti-Napoleon in der Fiedel Blues getanzt.

An den Grenzen regierbarer Gebiete

Roland wollte nicht mehr Soziologie studieren. In der Wohnung am Ende der Kreuzberger Milchstraße zitierte er aus dem Markus-Evangelium: „Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber.“

Jesus' Sidekicks waren die ersten Plebejer. Keine Tradition schrieb sich ihr diebisches Leben und den infamen Tod ein. Vielmehr begrub man sie in einem Massengrab der Randnotizen und Fußnoten.

In natürlicher Opposition zum Plebs steht das organisierte Volk mit seinem Horror vor dem Aufstand an den Grenzen der regierbaren Gebiete. Da waren wir angekommen. Die Polizei zog sich vor ihren Aufgaben zurück. Es war an der Zeit, sie vom Kurs ihrer Versäumnisse abzubringen.

Der Berliner Waffenmeister, ein Konditor, der in den Fünfzigerjahren initiiert worden war, brachte Michel Foucault ins Spiel, Foucault, der von Jean Genet erzählt, wie Genet als Gefangener auf Transport mit einem Mann der Résistance verbunden wird, gegen den Willen des Widerstandskämpfers. Der in seinem Dünkel nicht mit einem dichtenden Dieb in Einklang gebracht und an dieselbe Kette gelegt zu werden wünscht. Deutlicher lässt sich die Grenze zwischen Plebs und organisiertem Volk nicht ziehen und zeigen.

„Ihr seid jung genug. Tut das Richtige.“

Katja zitterte vor Angst. Selbstermächtigte hatten sie dahin gebracht. Jeder Einzelne ein erbärmlicher Wicht. 

Ein Plebejer schmeißt jeder Herrschaft seine Herkunft ins Gesicht wie einen Handschuh. Er will nicht an der Dienstbotentafel essen. Oder so: Rousseau zu Gast am Tisch eines Grafen, der Diener spricht besser Französisch als die Aristokratie. Variiert wird das Thema im „Journal d’une femme de chambre“ von Octave Mirbeau. Seiner Erzählerin, der Zofe Célestine, gelingt der Aufstieg ins Bürgertum im Zuge eines diabolischen Arrangements. In ihren Begriffen wurde die Sklaverei nie abgeschafft. In der Abgrenzung zum Sklaven definiert sich der Plebejer in seiner römischen Ursprünglichkeit. Zumindest etymologisch hat der Plebejer einen anderen Ausgangspunkt.

Der Topos wurde in Romanen bis ins 20. Jahrhundert verhandelt, nicht zuletzt in der Gestalt des blutrünstig-plebejischen Racheengels. Roland erinnerte an Beaumarchais’ „Figaro“ und die Schwestern Brontë, die dem Plebs noch Chancen einräumten, gesellschaftlich wirkungsvoll zu sein.

Plebs platzen stets irregulär in Verhältnisse und zerreißen die Ordnung. Ihr Markenzeichen ist die eruptive Geste.

Wer waren wir, wenn wir keine Plebejer waren?

Katja war in Frankfurt Teil der Verzierung des neuen Establishments um Joschka Fischer, Tom Koenigs, Klaus Trebes und Daniel Cohn-Bendit gewesen. In ihren ärgsten Zuständen hatte sie sich in einem masurischen Bauerschrank verkrochen, der den Treck ihrer Ostpreußischen Großeltern überstanden hatte, anstatt unterwegs verfeuert worden zu sein. Man nannte Katja die Schrankfrau. Wäre sie nur mit ihrem transgenerationellen Trauma in Frankfurt geblieben. Vermutlich fühlte sie sich da aber zu nah am Erfolg der Anderen. Ein improvisiertes Besetzerdasein passte besser zu ihren Beschädigungen. Wo die Beschädigungen sich wohl fühlen, drohen sie auch.

Katja musste mal wieder an die frische Luft und unter Leute. Sie verkleidete sich als humpelnde Wahrsagerin mit Augenklappe und Piratenschlapphut. Ich begleitete sie. Auf den Straßen roch es nach Gras und Aufstand.

Es roch nach Gras und Aufstand auf den Straßen

„Haste ne Wumme dabei?“ fragte Katja. Sie hatte wohl auch die „Verlorene Ehre der Katharina Blum“ gesehen. Katja sah (der Katharina Blum spielenden) Angela Winkler sogar ziemlich ähnlich, wenn auch nicht in der aktuellen Aufmachung.

Ich antwortete nicht, um Katja glauben zu lassen, was sie wollte. Keine Pistole am Mann, auch kein Messer. Es ist nicht vorausschauend, ein Büdchen der Illegalität vor die Arena zu setzen. Einen Kampf, den Sie auf der Straße gewinnen, aber vor Gericht verlieren, haben Sie verloren. Die Mittel müssen geeignet sein, die Ziele zu erreichen, die Sie anstreben. Ich hatte meine Jugend damit verbracht, solche Dinge zu lernen. Ich war es leid, bis auf den Grund der Ahnungslosigkeit vorzudringen. Ich verweigerte dem Fass ohne Boden meine Aufmerksamkeit.

Jede Sozialisation ist eine Manipulation moralischer Fähigkeiten. Holger wusste: der Schüler muss nicht verstehen, was er tut. Es reicht, ihm eine Möglichkeit zu geben, Funktionsstolz zu entwickeln. Der Stolz überwindet die Hürden der Angst, und jede überwundene Angst verbessert den Schüler auf eine elementare Weise.

„Es fühlt sich gut an, dich neben mir zu haben.“

Katja und ich kannten uns, es hatte eine gemeinsame Nacht im Ffm-Nordend gegeben, nahe des Friedberger Platzes, wo heute die Rentner der Bewegung in einem arkadischen Fluidum Boule spielen.  

Türen schwangen auf oder drehten durch. In den Gassen fanden Dramen statt, alles hätte Roman werden können und jeder Blick das erste Wort. Um das Jahr 1980 lebten in Berlin viele Kasseler, die sich der Bundeswehr entzogen hatten. Wie die Lemminge wimmelten sie in Kreuzberg. Sie waren langhaarige Abiturienten gewesen und hatten in Berlin erst mal wie ein Mann Haare gelassen. Ich sah in ihnen Unterworfene trister Verwandlungen. Zu viele Drogen, zu wenig Sport.

Katja und ich setzten uns deutlich voneinander getrennt auf den Mariannenplatz und prüften die Wirkung der Verkleidung. Die Hausbesetzer*innen gingen gleichgültig an der Verfemten vorbei. Keine® schien sie zu erkennen.

Nach dem Probelauf brachte ich Katja zu unserer Notfallexpertin Norma Fechter. Sie kam im Bademantel an die Tür, offenbar direkt aus dem Bett. Auf einer Tafel im Flur stand: The Future Is Black. Ich schwankte zwischen den Botschaften k-s-e-e und T-F-I-B.

Norma ersparte uns die Vortäuschung von Erstaunen.

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