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27.02.2019, Jamal Tuschick

Die Iris der Worte

Marica Bodroži

Als Kind hielt sie alle Menschen für Reisende – und auch heute noch entdeckt man in der Selbstverständlichkeit, mit der sich Marica Bodroži überall treffen lässt, eine nomadische Verfassung. Das Haus, das für ihr Leben zum Gedächtnis werden könnte, steht in der Literatur. Ihre Kindheit fand in Dalmatien statt, und dahin kehrt sie in „Kirschholz und alte Gefühle“ (Luchterhand) zurück: zurück zu istrischen Geräuschen und Gesichtern. Das Kirschholz im Titel taucht in einem Möbel auf dem Balkon der Großeltern wieder auf. Das erzählende Ich fahndet nach den Klangfarben in den Stimmen der Angehörigen. Es geht die Familie durch, zählt Liebesbriefe und gebrochene Versprechen. Wozu noch Satzzeichen? fragt es. „Das Ohr kennt keine Grammatik“.

„Kirschholz und alte Gefühle“ ist vergleichbar mit James Joyce´s auch landschaftlich verwandtem „Giacomo Joyce“. Der alte stream of consciousness wälzt sich durch „das blaue Zimmer“, als dem Zentrum von Erinnerung und Imagination. Das blaue Zimmer ist Arjetas Madeleine. Arjeta ist Bodrožis anderes Ich. Ihre Prosa spart den Horror aus, der sie anstiftet. Die Autorin reagiert auf den jugoslawischen Bürgerkrieg mit Diskretion. Dahin hat sich die größte posttraumatische Bedrohung zurückgezogen: Vom Leben getrennt zu werden von Erinnerungen. Dem Leben abhanden zu kommen in den Schluchten der Aufspaltungen. Der Widerstand vollzieht sich wie in Trance: im Vortrag genau so wie im Text. Da haben die Worte eine Iris.

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