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28.02.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Harte Hände

Das Wesentliche im Universum ist nicht das Organische, sondern die Information.  Heiner Müller

Georg Büchner erkannte Bedingungen, „die nur von Marionetten noch zu ertragen sind“. Iris Leise behauptete, dass das klassische Theater durch und durch naturalistisch gewesen – und mit Heinrich von Kleist gar nicht zurande gekommen sei.

Heinrich Leise, der Ben Wisch unseres Ministerpräsidenten Holger Börners und Vater meiner Lieblingsgenossin Iris, erzählte im Lichthof seiner maurischen Festung am Fuß des Brasselsbergs von Rotarmisten, die mit dem Ruf „Für Luise“ „ins Trommelfeuer der weißen Garden“ gestürmt waren. Heinrich baute das aus. Wie er einmal im Moskau gewesen und den führenden Germanisten da getroffen und wie der sofort von Schiller angefangen und von der Revolution und der immensen Bedeutung von „Kabale und Liebe“ für die sowjetisch-russischen Revolutionäre. Und alle Birken rauschten zum Don Kosakenchor.

Heinrichs Frau, die katholische Hugenottin Margarete, griff mich ab, als ich vom Klo kam – eine kleine Entführung. Sie redete über ihre Krankheiten und die Kalamitäten des Alters, von denen sie gerade ergriffen wurde. Man konnte nicht mehr zwei normale Sätze mit ihr wechseln, ohne mit einer Klage rechnen zu müssen. Die Manie isolierte sie in der Familie, aber ich wusste mich nicht richtig zu wehren gegen eine Frau, die drauf und dran war, seelisch zu verwildern.

Margarete traute ihrer bürgerlichen Fassade zu viel zu. Sie zog mich in eine tränenreiche Umarmung. Der gepflegte Kopf sank auf meinen gepanzerten Thorax.

Ich wollte nicht mit Iris‘ Mutter ringen. Die Tochter schwankte zwischen mir und Holger. Das war in jedem Fall unpassend. Doch konnte ich mich im Gegensatz zu Holger auf meine Jugend berufen. Ich war kein verdorbener alter Mann mit grauen Muskeln, der ein Dutzend sozialistischer Oberschülerinnen mit seinem Repertoire vertraut gemacht hatte.

Keine hatte sich je öffentlich beschwert, keine Holger demonstrativ von ihrer Liste gestrichen. Bei jeder Gelegenheit Küsschen links, Küsschen rechts. Es war unglaublich. Naivität und Berechnung wogen sich gegenseitig auf.

Zwischen Apologetik und Apotheose - Wie das Bürgerliche kreißte im Saal der toten Seelen, um die Mäuse der feudalen Anverwandlungen zu gebären.

Wir saßen wieder bei den anderen, Kiowa servierte Eiskaffee aus dem Café Dolomiti. Die polnische Perle an Heinrichs Hof war das beste Beispiel für bourgeoise Inkonsequenz. Man predigte Wasser und trank Wein. Friedrich Schiller hatte mehr als einen Francis Ford Coppola in sich gehabt. Sturm und Drang war Rock und Roll in Vietnam gewesen. „Kabale und Liebe“ erzählt von der Liebe einer Musikertochter namens Luise Miller zu dem Präsidentensohn Ferdinand von Walter. So eine Luise kommt an sich nur als erotische Gelegenheit im Fahrplan des Adels vor. Das versucht der alte Walter seinem auf Luise heißen Sporn klarzumachen. Klarzumachen versucht er ihm die Staatsräson. Auf der anderen Seite steht Miller, geduckt und listig, allezeit mit einer Fürstenfaust im Nacken und der eigenen laschen Patschhand in der Hosentasche. Ein Kujonierter, dem das Leben Sorgen macht. – Wen Gott bestrafen will, dem gibt er eine schöne Tochter. Dem Mädchen stellen die jungen Kennedys nach und winken mit ihren Prädikaten.

Heinrich spielte den Miller, das war klar. Aber wer war Walter? Holger oder ich?

Heinrich, der Göttinger Großbürger in der Kasseler SPD. Von Haus aus Theaterwissenschaftler und kraftloser Koloss. Bundesverdienstkreuzträger. Heimgesucht von der Liebe zu allem Arabischen. Heinrich leitete das afro-asiatische Studienwerk. Besonders kümmerte er sich um israelische Palästinenser, um die zukünftigen Ärzte und Ingenieure eines Volkes, das auf einem Schwebebalken der Geschichte sein Gleichgewicht suchte. Seit Jahren aß ich im Kreis der Familie; meistens war Heinrich nicht da. Iris hatte noch einen Bruder, einen sehr angenehmen, naturwissenschaftlich interessierten und deshalb außer Konkurrenz laufenden Taylor, dem unser Jugendstress am Arsch vorbeiging. Ein Glückspilz, der auf seine Weise vorzeitig Müllers „Hochzeit von Mensch & Maschine“ begriffen hatte.

Der zukünftigen Theaterregisseurin Iris bot Kleist „eine große Projektionsfläche“, so sagte es Heinrich, der seine Tochter zu Zadek und Peymann aufschließen sah. Iris würde seinen Ehrgeiz vollenden.

Das Unbehagen am Theater seiner Zeit findet Heiner Müller bei Heinrich Kleist.

Margarete, Iris und Heinrich gelangten mühelos von Schiller via Kleist zu dem unbeliebten, der Fresssucht verfallenen, in dem Brigantennest Saint-Malo geborenen Aufklärer La Mettrie, dessen mechanistisches Weltbild im 19. Jahrhundert von Lessing dramatisiert worden war. Schiller schrieb 1782: „Daher möchte man beinah … die Maschinisten wieder ermuntern.“ Man wandte sich „gegen die Empfindung“, die schauspielerische Leistung sollte „dem Nachdenken“ folgen.

Harte Hände

„Was ist Größe?“ fragte ich Xuan.

Wir betrachteten ein von Holzerntemaschinen gepflügtes Feld. Die forstwirtschaftliche Perspektive erschloss sich mir als Gemetzel. Es wurde ständig geschossen. Nichts war sorgfältiger ausgearbeitet, als die Schneisen zwischen so geschickt versetzten Hochsitzen, dass die Arglosigkeit von zwei, mitunter sogar von drei Seiten angegriffen werden konnte.

Man betrieb Massentierhaltung im Wald. Der Verbiss zeigte, worauf nicht geachtet wurde. Röhren zum Schutz junger Sprossachsen lagen wild abgeworfen herum und bildeten unschöne Halden.

Xuan entgegnete: „Fleiß.“

„Und wie verhält sich Begabung zu Größe?“

„Sie ist eine Sackgasse im schlechtesten Fall und im besten Fall ein Umweg.“

Wir machten uns wieder daran, die Hände zu härten. Ich hatte meine Vorbehalte – Hände sind Greif- und keine Schlagwerkzeuge – nach einem Traum aufgegeben und schlug nun täglich eine wie aus der Luft gegriffene, mich betörende Partitur auf elastisch resonierende Birken und solide gestapeltem Festmeter, der zur Absorption des Rückstoßes erzog.

Xuan blieb bei seinem Rhythmus. Er ließ die Vergangenheit ruhen, doch war mir zugetragen worden, dass er Saigon bereits im April 1975, wohl im direkten Zusammenhang mit dem amerikanischen Abzug und im Geleit einer großen Familie verlassen hatte. Die Familie war von der Besatzung eines deutschen Hospitalschiffs geborgen worden. Sie hatte in Kassel die Taekwondo Abteilung eines ursprünglichen Judovereins aufgebaut und in Lohfelden weit und breit das erste vietnamesische Lokal eröffnet.

Xuan war ein lachender Spuk. Er kam vom Gong-fu und war Taekwondo Danträger, doch nannte er sein Programm in unserer Zwiesprache Karate und noch heimlicher Okinawa Te. Das auf Okinawa im Mittelalter mutierte chinesische Boxen hat keine Verbindung mit der Kampfkunst der japanischen Kriegerkaste. Die Samurai trainierten keine Urform des Karate. Sie gingen von Waffen aus, die stets griffbereit waren und deren Verlust einem Todesurteil ziemlich nah kam. Auf dem schmalen Grat einer Begegnung zwischen einem Bewaffneten und einem Entwaffneten setzte man auf Techniken, die später im Judo und Aikido entschärft wurden.

Grundsätzlich lassen sich Kulturen unterscheiden, indem man der Frage folgt, ob sie Kampf primär vom Ringen oder vom Boxen her begreifen. Die klassischen Griechen waren eher Ringer als Boxer, Türken und Bulgaren sind bis heute Ringer. Auch die Hauptinseljapaner ziehen das Hebeln (Brechen) und Werfen traditionell vor. Karate bewahrt einen großen Apparat an Jiu Jitsu Techniken.

Die Kraft des Gegners gegen ihn einzusetzen und auf fremde Stärke andere als unwillkürliche Antworten in Erfahrung zu bringen, verspricht am Ende einen Rausch ohne Reue. Xuan ermahnte mich, einen Namen im Gedächtnis zu behalten: Morio Toyama.

Jahre später fragte mich Toyamas Tochter Tomoko:

„Glauben Sie an Wiedergeburt?“

Ich wusste nichts darauf zu sagen. Alle Entgegnungen waren billig zu haben.

Tomoko ergriff mich seltsam zudringlich an einem Ärmel.

„Ich sehe, dass Sie ihre Hände hart gemacht haben. Sie waren doch lange dagegen.“

Woher wusste sie das?

„Vor zehn Jahren hatte mein Vater einen Traum, indem Sie vorkamen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie nicht vor zehn Jahren angefangen haben, ihre Hände im Style ancien zu trainieren.“

„Doch, damit habe ich vor zehn Jahren nach einem Traum begonnen.“

„Und von da an sind Sie stetig besser geworden und konnten sich das nicht erklären.“

Ich war baff.

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