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28.02.2019, Jamal Tuschick

„Eure Heimat ist unser Albtraum“ - Vierzehn deutschsprachige Autor*innen wehren sich gegen ein „völkisch verklärtes Konzept. Zum einjährigen Bestehen des sogenannten „Heimatministeriums“ sammeln Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah schonungslose Perspektiven auf eine rassistische und antisemitische Gesellschaft“.

Your silence will not protect you

Von links: Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (c) Valerie-Siba Rousparast

Wie fühlt es sich an, tagtäglich als „Bedrohung“ wahrgenommen zu werden? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus?  Dieses Buch ist ein Manifest gegen Heimat. In persönlichen Essays geben vierzehn Autor*innen Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als anders markiert, kaum schützt und kaum wertschätzt.

Der Basistext zur Einwanderung in Deutschland ist eine Litanei. Ein Fünftel der Bevölkerung weist eine ethnische Differenz zur Mehrheit auf. Das betrifft mehr Bürger, als je in der DDR lebten. Das Märchen von der torpedierten Homogenität erzählt man sich in Randgruppen. Die meisten sind in der Realität der Vielfalt angekommen. Das bedeutet nicht, dass der Diskurs die Realität spiegelt. Die traditionellen Inhaber der Deutungshoheit markieren weiter. Sie bestimmen das Leitlinienniveau. Das erklärt, dass eine begriffliche Aufstockung und deren Abkürzung bei der Umbenennung des Bundesministeriums des Inneren zum Drohwort Heimatministerium führte. Jede rechtsalternative Agenturchefin würde im Begriffsbildungsgremium von der Wortwahl der Bundesregierung abgeraten. Kein Privater überstünde unbeschädigt einen vergleichbaren Verbalfehlgriff.

„Eure Heimat ist unser Albtraum“, Sammelband, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, Ullstein, 201 Seiten, 20,-

Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan Şahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir.

Diese Verjüngung der Spielräume auf der rechten Seite vermindert die Kraft des Rassismus kaum. Sharon Dodua Otoo berichtet, wie ihre „politisch gerüsteten“ Kinder deeskalierend auf ihre Umgebung einwirken, im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass umgekehrt kein Weißer solche diplomatischen Leistungen zu erbringen bereit und in der Lage wäre. Man ist als Schwarze in einer weißen Gesellschaft gezwungen, vorausschauend zu agieren und nachsichtig zu reagieren.

In einer Expedition zu den Quellen der diversen Psyche beobachtet Hengameh Yaghoobifarah „Rassismen in queeren Räumen“. Die Autorin schildert Queerness als Konkurrenz- und nicht als Solidaritätsgegenstand.

Your silence will not protect you, heißt ein Essayband von Audre Lorde, auf den Sasha Marianna Salzmann im ersten Beitrag der Anthologie hinweist.  

„Ich werde nie wissen, was es heißt, unsichtbar zu sein.“

Die Schriftstellerin beschreibt am Beispiel eigener Unterschiede zu jenen, die sich vom Heimatministerium vertreten fühlen sollen, die größte Aufgabe der Minderheiten: den Druck mehrheitsgesellschaftlicher Normierungen (als einer umfassenden Aggression) zurückzuweisen und heimzuschicken - Return to sender. Salzmann erklärt, warum Assimilierung keine Option ist und die einschlägigen Forderungen Strategien zur Delegitimierung, Destabilisierung und Isolation folgen.       

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