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01.03.2019, Jamal Tuschick

Feminist_innen sind unbequem. Sie zeigen das Ausmaß sexualisierter Gewalt auf und rütteln mit #Pussyhats an althergebrachten Geschlechterstereotypen. Erreichen sie so, was sie wollen?

Wer hat #MeToo verkackt? - Ein Beitrag von Christine Freitag

Als ich fünf Jahre alt war, verbot mir eine ältere Dame das Anhören eines Vortrag. Sie zog mich hinter die Schwelle des Raumes, während sich meine beiden Brüder herablassend an mir vorbeischlängelten. „Deine Brüder können dir die Inhalte später aufbereiten, du bist nicht dafür geschaffen, Wörter zu verstehen. Du bist ein Mädchen“, introijzierte sie mir. Bis heute arbeitet diese Botschaft in mir.

Wer nun glaubt, die kürzlich aufgekommene #MeToo-Bewegung ist befreiend für jemanden wie mich, die jahrelang am eigenen Leib erfahren hat, was Objektivierung und Ausbeutung des Weiblichen konkret bedeuten kann, irrt. Denn erstaunlicherweise empfinde ich die Art und Weise des Sichtbarmachens von Unterdrückung und sexualisierter Gewalt in der gegenwärtigen #MeToo-Debatte als unbefriedigend.

Frauen sind immer noch die Opfer in der Wahrnehmung der Menschen

Frauen werden in der gegenwärtigen #MeToo-Debatte schon wieder als Opfer in die Wahrnehmung der Menschen gebracht. Sie sind die unterdrückten, gequälten, vernachlässigten und unterschätzten Geschöpfe dieser Welt, die ihr Unrecht lauthals herausposaunen: Mit ihren rosafarbenen Hauben, den #Pussyhats erobern Feminist_innen in Windeseile die Zuneigung vieler Frauen, die ebenfalls ungute Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht in ihren Lebensgeschichten machen mussten. Endlich soll sie aufgezeigt werden, die Ungerechtigkeit, dass Menschen aufgrund ihres biologischen Geschlechts schlechtere Entwicklungsbedingungen haben! Im Mittelpunkt steht dabei die verletzte Würde dieser Frauen, die durch festgefahrene gesellschaftliche Strukturen permanent mit Füßen getreten wird. Und natürlich die Wut, die verdeutlicht, dass Frauen immer noch zu wenig Raum für Selbstbestimmung haben.

Weibliche Beschädigung darf nicht der alleinige Inhalt einer ernsten #MeToo-Bewegung sein

Was dabei zu kurz kommt, sind die vielen Bilder von Frauen, die ihr Leben selbstbestimmt und couragiert leben, die Bedeutung der ideellen Verwobenheit des weiblichen Subjekts in einem Sinn-Ganzen. Denn Mechanismen, die das Subjekt formen, entstehen nicht nur durch soziale Ungleichheitsverhältnisse, sondern vor allem durch das widerstandslose Anerkennen einer kognitiven Macht, die wenig Raum lässt für eine unsichtbare symbolischen Macht, die sich nur im Verborgenen und Unverfügbaren bewegt. Dabei ist die symbolische Macht aber nicht bedeutungslos, denn sie schleicht sich in Form von Bedeutungszuschreibungen der Sprache in das Denken –und folglich den Körper- ein und präfiguriert, wie der Mensch die soziale Realität dieser Welt versteht. Auch der menschliche Körper beinhaltet somit nicht nur kulturelle und religiös eingravierte Verhaltensweisen, er ist die materialisierte eigene Lebensgeschichte. Und die Unterdrückung des Weiblichen ist noch immer in jedem Körper verinnerlicht: Der Frau ist das Produkt einer jahrhundertelangen Disziplinierung, die an ihrem Körper ausgetragen wurde, folgend ist auch die Wahrnehmung des Körpers im realen Leben exklusionslogisch und einhergehend geschlechtlich strukturiert. Die Negation des weiblichen Subjekts, durch die Abwertung ihres Körpers, insbesondere in seinen Facetten des Heilseins, der Wertschätzung und des sexuellen Begehrens, führt im Subjekt zu einem entfremdeten Bild des Verwobenseins mit der Welt und beschädigt so die weibliche Selbstdeutung und Weltaneignung.

#MeToo als Ressource: Frauen als starke Überwinder ihres Schicksals

Daher ist es notwendig, einen Bild- und Empfindungsraum zu eröffnen, der neue positive Deutungen vom weiblichen Selbst befördern kann. Denn durch diesen Prozess werden die in den Körper eingeschmolzenen unmittelbar-sinnlichen und vermittelt-diskursiven Erfahrungen gelöst und in Ressourcen umgewandelt. Dazu müssen Frauen jedoch als Überwinder ihres Schicksals dargestellt werden, deren Botschaften implizieren, dass trotz widriger Umstände, denen viele Mädchen und junge Frauen auch heute immer noch ausgesetzt sind, eine vollkommene Lebensbejahung durch Selbstbestimmung möglich ist. Dabei geht es nicht um das Schönreden und Beiseiteschieben von strukturellen Ungerechtigkeiten, sondern um das Aufzeigen von Möglichkeiten des Heilwerdens. Dazu ist es aber notwendig, den Blick durch die uralte Brille, die Frauen als schwache, verletzte und beschädigte Wesen sieht, zu vermeiden. #MeToo braucht neben der Darstellung der unschönen Realität auch gute und vollkommene Bilder von Frauen, damit das Unrecht nicht nur aufgezeigt wird, sondern -vor allem- überwunden werden kann.

Der Beitrag erschien zuerst hier.

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