MenuMENU

zurück zu Main Labor

01.03.2019, Jamal Tuschick

#GlaubeLiebeHoffnung #MeToo #Kultum

Bluten vor Gott. Oder Vom Versuch, die Gottesfrage als Feministin ernst zu nehmen. Ein Beitrag von Christine Freitag

Heilsame Kunst. Der Theologe und Kunsthistoriker Johannes Rauchenberger legt die christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung in den Spiegel zeitgenössischer Kunst und kreiert damit Unerwartetes.

Gemeinsam mit den Kurator_innen Barbara Steiner und Katrin Bucher Trantow sammelte Johannes Rauchenberger anlässlich des 800-jährigen Bestehens der Diözese Graz-Seckau die Werke fünfzig Künstler_innen, um sie in den Ausstellungsräumen von Kultum und des Grazer Kunsthauses der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im September 2018 wurden die auserwählten Artefakte in dem Buchmuseum Glaube Liebe Hoffnung Zeitgenössische Kunst reflektiert das Christentum zusammengefasst und mit Hintergrundinformationen versehen.

Schmerz, Loslösung, Identifikation

Beeindruckend ist zunächst die Auswahl der Kunstwerke hinsichtlich ihrer inhaltlichen Eignung, denn Rauchenberger und Kolleg_innen scheinen sich erfreulicherweise nur jenen aufgeklärten, daher zumutbaren, einfachen Gesetzen unterworfen zu haben, die eine nackte und realitätsnahe Inszenierung christlicher Werte und Tugenden einfordern. Für die Leser_innen eröffnet sich sohin ein erhabenes Spektrum an ungewöhnlich wirkmächtigen Auseinandersetzungen in den Sphären des Religiösen, die nach und nach in die eigene Lebenswelt vordringen.

Die Wirkung der Kunstwerke entfaltet sich subtil, so verfolgen aufdringliche Schlagworte zu Beginn jeder thematischen Eingrenzung die noch unberührten Leser_innen beharrlich mit alten, lästigen Kirchengeschichten. Dieser schleichende Einbruch christlicher Werte in die eigene (begrabene) Glaubensgeschichte macht deutlich, dass man sich an Rauchenbergers Kunstwerken nicht vorbeischummeln kann, ohne den Verstand mit der Frage zu belästigen, wie man sich selbst zur eigenen Religion verhält.

Die im Folgenden angebotenen Kunstwerke sind in ausreichendem Maße unaufdringlich und weitgehend rezeptiv, so dass den Leser_innen viel Raum bleibt, um in Kontakt mit eigenen Bruchstücken der Vergangenheit zu kommen.

„Mein Schicksal darf nicht fehlen“

Nach Durcharbeiten des Buches wird deutlich, dass die weibliche Identifikationsfigur des Christentums nicht mehr ausschließlich die unnahbare, unberührte und schutzgebende Mutter Maria ist, vielmehr werden die Risse dieser wenig greifbaren Zuschreibungen schonungslos beleuchtet: Die vom Leben gesättigte Dreifachmutter und die traumatisierte, hilfsbedürftige Frau werden von den Künstler_innen in ihrer Verlorenheit gesehen, gewollt und bejaht, um sie schließlich vor althergebrachten christlichen Idealen zu kontrastieren. Der so aufgeworfene Schatten dieser Figur würdigt immer wieder die vertrauten Spannungen zwischen Botschaften gewohnter Mariendarstellungen und den ungehörten Stimmen suchender, misshandelter, leidender Frauen, die nie Raum hatten für die tiefe Enttäuschung über Gottes Nichteingreifen in ihr Schicksal.

Diese neue Bedeutungszuschreibung wird zum Wegbereiter für die Kreation konstruktiver emotionaler Regulationsstrategien und macht folglich ein Aushalten-Können der eigenen Leiderfahrungen vor Gott, als Grundlage für Versöhnung, erst möglich. Durch den Vollzug der eigenen Positionierung zu den Kunstwerken kann nun eine Kreation eines persönlichen und realitätsnahen Gegengewichts zu den verborgenen, leidbefördernden Aspekten der eigenen Lebens- und Gottesgeschichte entstehen.

Mit diesem Buchmuseum haben Rauchenberger und Kolleg_innen ein außergewöhnlich niederschwelliges und nachhaltiges Instrument erschaffen, das eine feinsinnige Kraft hervorbringt, die in einer faszinierenden Zartheit alte Wunden freilegen kann, um sie vor Gott bluten zu lassen.

Quelle: Rauchenberger, J., Bucher Trantow, K., & Steiner, B. (2018). Glaube Liebe Hoffnung Zeitgenössische Kunst reflektiert das Christentum. Graz: Ferdinand Schöningh.

Fortsetzung folgt…

…Rauchenbergers neue Ausstellung #VULGATA ist ab 6.März im Mainzer Dommuseum zu sehen.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen