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02.03.2019, Jamal Tuschick

Podiumsdiskussion in Dresden zu Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten

„Wir müssen mutig sein“

Wie kann man einen effektiven Diskriminierungsschutz umsetzen und die Gleichstellung aller erreichen? 
Siehe hier.
Mit dieser Frage eröffnete Dr. Noa Ha (Zentrum für Integrationsstudien, TU Dresden), die wir als Moderatorin gewinnen konnten, die öffentliche Podiumsdiskussion „gleich
gleich – Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten & positive Maßnahmen für einen effektiven Diskriminierungsschutz, zu der wir mit unseren Kooperationspartnern Zentrum für Integrationsstudien der TU Dresden, Vielfalt Entscheidet e.V. und TU Dresden eingeladen haben.  An jenem Abend durften wir spannende Gäste wie Sotiria Midelia (Antidiskriminierungsbüro Sachsen), Deniz Yildirim (Vielfalt Entscheidet e.V.) und Sebastian Vogel (Sächsisches Ministerium für Gleichstellung und Integration) begrüßen. Auch unsere Geschäftsführerin Gün Tank saß mit auf dem Podium.

Noa Ha wies zu Beginn darauf hin, dass es kein einfaches Vorhaben sei, die Gesellschaft so neu zu gestalten, dass niemand diskriminiert wird: „Dazu sind Antidiskriminierungsdaten unverzichtbar.“ Die Moderatorin nahm dann Gün Tank zu Wort, die zuerst eine persönliche Beobachtung mit dem Publikum teilte: „Als ich anfing, als Integrationsbeauftragte im Bezirk Tempelhof-Schöneberg in Berlin zu arbeiten, musste ich feststellen, dass die Besetzung der Verwaltung nicht die Menschen im Bezirk widerspiegelte.“ Sie sei die einzige nicht-weiße Person auf der Ebene gewesen, obwohl knapp 50 Prozent der unter 18-jährigen Einwohner*innen einen sogenannten Migrationshintergrund hätten. Der Anteil der Menschen habe sich nur bei der Überrepräsentation der Reinigungskräfte gezeigt, so Tank. „In der abstammungsgeleiteten Klassengesellschaft, in der wir leben, müssen wir mutig sein, um die Strukturen, die Menschen ausschließen, zu ändern. Dafür brauchen wir konkrete Maßnahmen, und für konkrete Maßnahmen brauchen wir: Daten.“ 

Aber wie können Daten zur Diskriminierungserfahrungen erhoben werden? Um diese Frage zu beantworten führte Vielfalt Entscheidet e.V. eine Pilotstudie „Diversität im öffentlichen Dienst“ in Berlin durch, die Deniz Yildirim mit einem Kurzinput vorstellte. Jede Politik, die für die Gleichstellung von Frauen entstanden ist, könne auch für von Rassismus betroffene Menschen verwendet werden, so Yildirim. „Die Daten zu dem Migrationshintergrund greifen in der Praxis zu kurz. Zum einen werden nicht alle, die miteinbezogen werden, rassistisch diskriminiert. Zum anderen haben nicht alle, die von Rassismus betroffen sind, einen Migrationshintergrund.“ Aufgrund der großen Dunkelziffer seien neue Herangehensweisen dringend notwendig.

Den 187 Teilnehmer*innen der Online-Befragung wurde ermöglicht, sich selbst zu identifizieren und selber zu beschreiben, auf welchem Grund sie glauben Diskriminierung zu erleben. Diese Differenzierung habe klarere Ergebnisse ermöglicht, aus denen wirkungsvollere Maßnahmen entstehen können.

Diese Maßnahmen können variieren, fügte Sotiria Midelia hinzu, und teilte ihre Erfahrungsberichte aus der Praxis mit. Laut einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurde in den Jahren 2014-2015 jede dritte Person diskriminiert. Die Zahl treffe auch auf Sachsen zu. „Die Antidiskriminierungsmaßnahmen müssen auf politische Ebene getragen werden. Die Einzelfallberatung ist zwar wichtig, strukturelle Arbeit aber genauso, um einen Änderungsprozess effektiv auf den Weg zu bringen.“

Sebastian Vogel aus dem Sächsisches Ministerium für Gleichstellung und Integration ist demgegenüber der Meinung, dass dieser Änderungsprozess schon begonnen habe. Die Gesellschaft sei inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem bei vielen Menschen, die nicht selber von Diskriminierung betroffen sind, die Bereitschaft besteht sich dagegen einzusetzen. „Wir brauchen Geduld, bis man zu Ergebnissen kommt, denn es ist ein langwieriger Prozess,“ so Vogel. Ziel sei, eine Handlungsänderung zu schaffen, beispielsweise, dass Arbeitgeber*innen nicht darauf achten, wen sie einstellen, sondern darauf, was die Person kann. „Dafür müssen Menschen nicht gezwungen, sondern überzeugt werden.“

Mit einer abschließenden Diskussion wurden die circa 40 interessierten Teilnehmer*innen mit in die Diskussion einbezogen. Auch nach dem Veranstaltungsende blieben einige Teilnehmer*innen vor Ort und unterhielten sich mit den Referent*innen. Das große Interesse zeigt: Die Gesellschaft ist bereit für eine neue Perspektive im Bereich Diskriminierungsschutz und Gleichstellung. Jetzt muss die Politik reagieren, und zwar mit einem bundesweiten Diskriminierungsschutzgesetz.

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