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02.03.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Der Kartoffelsalat meiner Mutter

Beinah ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung 1980 kursierte vor einer von Ulrich Mühe an der Volksbühne inszenierten Jubiläumsausgabe im Berliner Handel kein Exemplar mehr von dem Werkausgabe-Band, der den „Auftrag“ enthält. So gründlich hatte sich das Publikum präpariert. So erheblich schien die Frage der Gültigkeit knapp zehn Jahre nach Müllers Tod.

Es gab zwei zentrale Spielfiguren im Gedächtnistheater der unmittelbaren Nachkriegszeit. Gemeinsam führten die Verdrängung und das Andenken (an die eigenen Opfer) Zangenbewegungen auf, mit denen die Schuld in die Mangel genommen wurde. Ich habe Jahrzehnte nicht mehr daran gedacht. Zu selbstverständlich war es damals und zu absurd erschien es später. Schuld hatten die Amis, hatte der Russe. Auch die Itaker. Wir    waren frei von Schuld. So bizarr das klingt, aber die Ursuppe für den „Schuldkult“ war schon gekocht, bevor die Überlebenden der organisierten und angesagten Vernichtung selbst eine Position im Verhältnis zur Bundesrepublik finden konnten. Besonders deutlich wurde das bei der Behandlung der „Landfahrer“. Sinti und Roma verstanden nicht wenige als eine Plage, die in der Kürze des Tausendjährigen Reichs nicht rechtzeitig ausgemerzt worden war. Während sich keiner mehr traute, öffentlich „die Judenfrage“ zu stellen, stellte man sich in deutschen Ämtern sehr wohl „der Landfahrerfrage“.

In den Siebzigerjahren bestimmten zwar Linke den Diskurs, die Revanchisten waren aber in der Mehrheit und nannten die Befürworter der Ostverträge Vaterlandsverräter. Mein Vater und ich waren nicht nur Vaterlandsverräter, sondern auch Nestbeschmutzer, weil wir die deutsche Schuld anerkannten. Anders gesagt, etwas vollkommen Offensichtliches, ließ sich in der Schläfrigkeit des Alltags mit lethargischen Bewegungen unter Wasser halten.

Wir hatten Ansprüche auf die verlorenen Ostgebiete. Die Bestreitung dieser Ansprüche war beinah das Schlimmste. In diesem Klima fanden die sozialdemokratischen Vereinssitzungen im Bürgerhaus statt, wo sich auch grimmige kalte Krieger trafen.

Iris Leise bat mich lange, aber schließlich nahm ich sie mit in einen Hexenkessel, in dem die einen offensiv revanchistisch und die anderen nur defensiv etwas anderes waren. Man fragt sich heute, wo war die außerparlamentarische Opposition?

Wo waren die Studenten?

Sie waren nicht da. Unser mit einem Dorf verbundener sozialer Brennpunkt interessierte sie nicht. Sie engagierten sich in der Gesamtschule, leiteten die Hausaufgabenbetreuung und verpassten das Gros der Schüler*innen. Die Siedlungs- und Dorfjugend ignorierte schulische Nachmittagsangebote. Selbst Holgers Kraftunterricht in einer Art Unterstand, der als Raucherecke fungierte, besuchten regelmäßig nur wir Wenigen. Ich kriege das Wir nicht mehr zusammen. Jedenfalls waren Holger und ich die einzigen politisch Gebundenen. Gerade fällt mir ein, wie oft gesagt wurde, dein Vater ist mit der SPD verheiratet.

Die Fragwürdigkeit der Parteiarbeit in einer Welt der Kleingärtner und Heimwerker …

Die Vorurteile gegen Studentinnen („die sind flachbrüstig“) waren so groß, dass man sich von ihnen noch nicht einmal beim Flaschendrehen küssen lassen wollte. Geküsst wurde entlang von Demarkationslinien, die alten Grenzziehungen entsprachen. Intime Freundschaften zwischen Siedlungsjugendlichen und Jugendlichen aus benachbarten Gebieten gefährdeten mitunter die Verliebten.

Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, in der Nordstadt andere Ziele als Supermärkte oder Fachgeschäfte anzusteuern. Es gab jede Menge fremder Planeten, die in den Erzählungen der Altvorderen eine unglaubliche Patina bekamen.

Wenn ich an Geschichten über die Brücke am Kwai, Kehrs Trinchen oder die Kesselschmiede denke – Kneipennamen wie Donnerhall. Auch mein Vater kannte diese Rothenditmolder Wirtschaften nur vom Hörensagen. Es gab eine sozialdemokratische Ortserkundung in diesem Quartier.

Wir stellen uns auf einen Spielplatz und ein Referent erklärt, was da mal gestanden hat: die 1594 erbaute evangelische Kirche, die in der Gründerzeit an die Katholiken fiel und schließlich als Speicher, Stall, Schuppen, Arsenal der Müllabfuhr und als Asyl für Obdachlose diente. Bomben sprengten 1943 das Dach ab. In den Fünfzigerjahren wurde die Ruine dem Erdboden gleich gemacht.

Wir hätten den Nachmittag in Kehrs Trinchen bei Eisbein und Bier ausklingen lassen können. Wir fuhren aber lieber alle wieder in unsere Ecke und liefen da auseinander. Das war auch eine Frage des Budgets. Leicht konnte etwas peinlich werden, dass nicht so ablief wie die Dinge normalerweise abliefen.

Wir lebten wie auf Schienen.

Ich lieferte Iris Material. Sie betrieb durch mich ihre Volkskunde. In den Achtzigerjahren erkannte ich, dass ihre proletarischen Typen Vorbilder in der Dorf- und Siedlungs-SPD meiner Kindheit und Jugend hatten. Wir hatten uns erotisch geprägt, und das gehörte als Umgebungsbild dazu. Ich erkannte, worauf die Tochter eines auf Landesebene bedeutenden Sozialdemokraten mit großbürgerlichem Habitus abfuhr; was sie für ihren inneren Haushalt brauchte. Den Kartoffelsalat meiner Mutter nicht zuletzt.

Iris lud sich mit der Scheißhausenge meiner Verhältnisse auf.  

„Man muss durch Schauspieler Texte jagen wie Stromstöße.“ „Wenn ich tot bin, wird mein Staub nach dir schreien“.  Heiner Müller

Alles ging ins Mürbe und glitt ab. „Der Geruch der Revolution ist ein Parfüm aus Stallmist“- ätzend & güllig: so steht es geschrieben in Heiner Müllers „Auftrag“. Der Titel spielt mit dem Vers „Erinnerungen an eine Revolution“ in der Unterzeile. Für Gläubige war Müller ein Kommunist zum Fürchten. Nach einer Vorstellung des „Auftrags“ in Lyon beging der kommunistische Kritiker sofort Selbstmord.  

Die Abwägungen des „Auftrags“ fanden auf der Probebühne des … in der Regie von Iris Morand statt. Sie begannen mit dem Ende in einer Ananas Bar voller Airbag-Titten - postlagernd Port Royal. Das Arrangement erinnerte mich an ein quietschendes Klassenzimmer in jener Alten Schule, die Iris als Bürgerhaus und SPD-Versammlungsort kennengelernt hatte.

Iris war auf Müller wie auf den sprichwörtlichen Hund gekommen. Es war eine Sucht mit Zigaretten, Alkohol, französischen Anwandlungen und Andachten. In der abtauenden Eiszeit des Kalten Kriegs hatte Iris Yves Morand geheiratet. Nieder kam sie auf einem Zwischendeck zwischen Hochkultur und Selbstausbeutung. Der allgemein erwartete Durchmarsch ließ auf sich warten. 

Im „Auftrag“ handeln drei temporär republikanische Brandstifter, ihren Namen nach heißen sie Debuisson, Galloudec und Sasportas.

Debuisson, Galloudec und Sasportas sollen in revolutionärer Absicht einen Aufstand der unter Zwang eingeführten Bevölkerung von Britisch-Jamaika lostreten. Die Delegierten des französischen Konvents erfahren dann, dass die Revolution von Napoleon für beendet erklärt wurde. Nach dem 18. Brumaire 1799 steht fest: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott“.

„Die Freiheit trägt jetzt Uniform“, und Debuisson, Galloudec und Sasportas haben keinen Auftrag mehr. Das führt zu interessanten Gesprächen über das „Joch der Freiheit“ und ein „Heimweh nach dem Gefängnis“.

„Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution“.

Debuisson, Galloudec und Sasportas wissen: „Die Freiheit ist auch nur eine Hure“. Trotzdem treiben Sasportas und Galloudec der Sklaven Erhebung weiter voran. Die aus dem Schultheater mitgenommene Ingveld spielte Sasportas stets auf der Flucht und in der Deckung seiner Verkleidungen. Die Niedrigkeit bleibt zutraulich bei ihm. Mit Sasportas muss man sich als Debuisson im weißen Anzug nicht abgeben. Zumal jetzt nicht mehr, im Jetzt von 1800, da die Gleichheit aus der Mode gebracht von Bonaparte. Als geborener Sklavenhalter kann man seinen Standesdünkel … „Die Sklaverei ist ein Naturgesetz“ … wieder aus dem alten Hut eines Tropenhelms zaubern. Ist man Debuisson, scheint einem fern das „Licht auf dem Galgen“. Auf diese A. Seghers-Erzählung bezieht sich HM im „Auftrag“.

Es war kein Zufall, dass Debuisson daherkam wie einst Heinrich Leise, der seine Tochter als Wette platziert hatte, mit der Erwartung den eigenen Erfolg zu verdreifachen. Der alte Leise war zum Maß der Dinge geworden. Yves Morand hatte sich als Enttäuschung herausgestellt. Übrig blieb ich als guter Genosse im Geist des unentwegten Holgers, der 1984 überfahren worden war.

Erst nach dem Tod des ewigen Hessenmeisters und Juso-Greises zeigte sich mir, wie sehr Holger auch noch als Erinnerung in die nordhessische Landschaft gehörte. Er hatte seine Kämpfe mit Gelassenheit und der Nähe zu Garanten wie Alwin Wagner gewonnen.

„Dass Männer von Talent viel leiden müssen in gesellschaftlichen Umwälzungen“. Goethe nach Grimm

Dem Tross und Gatten entkommen, stellte ich meine Frage:

„Warum hast du damals, als vierzehnte Debütantin in einer monotonen Reihe von Schülerinnen Holger nicht ausgelassen?“

„Er war so was wie der Kartoffelsalat deiner Mutter. Es gehörte einfach dazu, auf seiner Etage eine Weile die Hausherrin zu spielen.“

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