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02.03.2019, Jamal Tuschick

Einer trinkt zu viel, der andere trocknet aus. In Jaroslav Rudiš‘ preisverdächtigem Roman „Winterbergs letzte Reise“ finden auch die Fachleute für Durchstiche und Brücken Erwähnung

Bierschaumerlebnisse

In Sachsen passieren sie aufgegebene Höfe und im Gelände endende Asphaltspuren. Sie erkennen die Signatur einer siechen Region auf dem Weg nach Sarajevo. Im Dresdner Bahnhofsrestaurant schildert der beinah hundertjährige Titelheld Wenzel Winterberg die weitere von Berlin ausgegangene Reise als eine Folge von Überfällen nach dem Muster nationalsozialistischer Interventionen nicht allein. Die Schweden kamen so im Dreißigjährigen Krieg über Böhmen - wie nach ihnen die Preußen sechs Mal im Verlauf eines Jahrhunderts und noch ein paar Jahren. Dem Greis zur Seite steht auch als Zuhörer ein fast noch jugendlicher Alkoholiker. Jan Kraus liefert dem Genre der Hilflosigkeit im Pflegekittel ein weiteres Beispiel. Das Thema variiert den Typus des süchtigen Drogenberaters, der sich im Junkie als Mitarbeiter in der Methadonabgabestelle voll verkörpert.

Ein saufender Krankenpfleger und ein schwadronierender Greis hängen voneinander ab.

Jaroslav Rudiš, „Winterbergs letzte Reise“, Roman, Luchterhand, 540 Seiten, 24,-

Winterberg verbreitet die Weisheiten seines Vaters, einen überschaubaren Schatz mit einem Dreh ins Universelle. Er spielt sich selbst die Bildungsbälle zu, da Kraus für nichts zu Verfügung steht. Rudiš zeigt ihn als Armen, bis zur Übertreibung in jeder Hinsicht. Kraus hat Herzschmerzen. Ihm ist kalt, während Winterberg enzyklopädisch aufblüht. Er kommt dahin, wo seine Eltern Hochzeit hielten und er selbst mit Lenka heimlich Verlobung feierte.

Lenka Morgenstern steht nicht auf der Liste verstorbener Gattinnen. Sie war eine Liebe außer der Reihe.

Winterberg wurde im nordböhmischen Liberec (Reichenberg) geboren, der Alte geht mit Kraus die Straßen seiner Kindheit ab.  

Manchmal beschreibt Kraus, was er nicht sieht. Oder er holt aus und memoriert Bierschaumerlebnisse. Er bringt es sogar fertig, auf sich selbst gestellt ein paar Runden zu drehen. Doch läuft die Geschichte auf eine Tragik in Winterbergs Leben hinaus. Die „Feuerhalle“ von Liberec geht ihm lange schon nach. Das Wort taucht früh im Text auf, gewinnt aber erst hundert Seiten später seine Bedeutung als Synonym für Krematorium.

Winterstein und Kraus überschreiten nicht nur räumlich Grenzen. Gemeinsam überschreiten sie auch Grenzen, die dem Greis gesetzt sind. Am Anfang überschreiten sie Grenzen seiner häuslichen und bald auch Grenzen der biografischen Ordnung.

Rudiš beschwört eine Ausreißer-Konstellation, die sich als Flucht lesen lässt. Fliehen musste auch Lenka nach dem Einmarsch der Wehrmacht.  

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