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02.06.2018, Jamal Tuschick

Afsane Ehsandar – Künstler in der Vitrine

Figuren: Musiker, Orchester, eine Moderatorin. Ort: Deutsche Oper

„Herzlich willkommen zu unserem Konzert. Wir haben heute ein tolles Orchester und vor allem ist ein Musiker bei uns, der nur drei Finger hat. Wir sind stolz auf ihn." Sagt die Moderatorin, und dann erzählt sie dem Publikum mit voller Begeisterung, wie er seine Finger bei einem Feuerunfall verloren hat.


Einerseits müsste das Publikum Mitleid haben und in der Konsequenz Schadenfreude empfinden. Anstatt sich auf das Konzert zu konzentrieren, starren sie während des Konzerts fassungslos auf seine Hand. "Gott sei Dank haben wir fünf.“ Andererseits scheint es, dass der arme Musiker in einer Vitrine steckt und die Moderatorin ihn wie in einem Verkaufsgespräch präsentiert. Und der Musiker muss bei jedem Konzert sein Missgeschick erzählen, bevor er für die tränenden Augen des Publikums spielen darf. Aber die Wahrheit ist, dass die Moderatorin stolz auf sich ist, weil sie einem behinderten Musiker die Chance zum Arbeiten gegeben hat. Wirklich nett!
In Deutschland besteht die Möglichkeit, mit dem Autor ins Gespräch zu kommen. Ein Autor muss einen guten Eindruck hinterlassen können, das gehört dazu. Die Zeiten, in denen Autoren wie Kafka und Dostojewski in ihrem dunklen Zimmer blieben und selten auf Lesungsreise gingen, um ihren neuesten Text vorzustellen, sind vorbei. Kurz gesagt, in meiner Heimat leben wir noch in der Epoche von Dostojewski.


Normalerweise werden die Publikumsgespräche jeweils unter ein für das Stück relevantes Thema gestellt, aber wenn der Dramatiker einen Fluchthintergrund hat, kommt ein substantielles Problem dazu: Womöglich gibt es gar keine Fragen zu seinem Text, zu seiner Schreibentwicklung und der Struktur. Fragen, die anderen Autoren, die keine Flüchtlinge sind, aber tatsächlich gestellt werden. Ein Flüchtlinge-Autor ist wie ein Ding, ein Buch in einer Vitrine. Das Publikum und die Moderatoren brennen vor Neugier auf seine Fluchtgeschichte und die Fluchtgründe.
Wie kann ein Flüchtlinge-Autor auf das Publikum denn einen guten Eindruck machen? Was erwarten sie von ihm? Er muss die Fähigkeit erlernen, wie er vom Krieg, von der Flucht übers Meer, das sinkende Schiff und der Todesangst erzählt, unter Tränen, um tiefstes Mitleid bei dem deutschen Publikum auszulösen, damit sie Schadenfreude erleben können. Wie oft soll er sein Missgeschick erzählen? Bis zu seinem Tod! Als man am Theater begann, auch mich mit meiner Fluchtgeschichte wahrzunehmen, hatte ich wie dieser Musiker das Gefühl, dass ich dabei sein durfte, nicht wegen meines Textes, sondern weil ich die Chance hatte, Schreckliches zu erleben und damit eine Opferrolle zu spielen.
Wie darf ein Flüchtlinge-Autor am Theater arbeiten?


2015 kurz nach meinen Aufführungen auf dem Kampnagel-Festival in Hamburg habe ich einer bekannten Dramaturgin, die ich in Berlin kennengelernt hatte, mein jüngstes Theaterstück per Email geschickt und sie gebeten, mir zu erklären, wie ein Dramatiker am Theater arbeiten soll und wie es funktioniert. Als Rückmeldung gab es nur einen Link von einer freien Theatergruppe, deren Mitglieder Flüchtlinge sind und die als Hobby ab und zu Theater machen. Es lohnte sich nicht einmal, meinen Text wenigstens zu lesen! Beim zweiten Mal versuchte ich es bei derselben Bühne mit einem anderen Dramaturgen. Obwohl ich mein Theaterstück in Deutsch geschrieben hatte, hat er mir einen Link von einem Festival gesendet. Kein Wunder, dass es ein Festival für Flüchtlinge mit arabischer Muttersprache war. "Sorry, aber erstens ist meine Muttersprache Persisch, nicht Arabisch, zweitens versuche ich seit zwei Jahren meines Aufenthaltes in Deutschland in Deutsch zu schreiben. Warum erkennen Sie mich nicht als Dramatiker an?“ Da war der Dramaturgieassistent "Joschua Wicke" die Ausnahme, der mir den Link zu den Autorentheatertagen schickte. *Keine Sorge, ich achte auf Anonymisierung!


Solche Erfahrungen habe ich schon mehrere Male gemacht. Ich sehe mich mittlerweile gezwungen, meinen Flüchtlings-Status und vor allem meine Behinderung außen vor zu lassen und mich als Dramatikerin ohne Hintergrund zu beweisen. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber ob ich drei oder fünf Finger besitze, geht Euch nichts an, und ich spiele nicht gern eine Opferrolle!
Was würde genau passieren, wenn ich diesen Status annehme?


Durch das Banner "Welcome Refugee" vor dem Gebäude des Theaters bekommen Flüchtlinge, egal ob Künstler oder Nicht-Künstler, die Möglichkeit zu arbeiten und ihre Fluchterfahrungen zu erzählen. Dabei kann es egal sein, ob ihre Werke es wert sind, produziert zu werden. Ob sie schon vorher Erfahrung mit Theater hatten, spielt auch keine Rolle. Auf jeden Fall sind sie nur Flüchtlinge und werden überhaupt nicht als Profikünstler anerkannt. Scheint dieser Status nicht wie ein Judenstern an der Kleidung, und was ist die Konsequenz? Anstatt sich auf Kunst und das Theaterstück zu konzentrieren, schaut das Publikum die Flüchtlinge mit großen Augen an. Es ist von ihrer tragischen Fluchtgeschichte sehr geschockt, aber sicherlich hat es maximal fünf Stunden später alles vergessen.
Gleichzeitig haben Künstler, die keine Flüchtlinge sind, weniger Chancen, ihre Werke zu zeigen oder eine finanzielle Förderung zu kriegen. Ist das nicht auch eine Art Diskriminierung? Wenn alles kategorisiert wird, muss man sich dringend in eine geeignete Kategorie stecken lassen. Dann finden Nicht-Flüchtlinge, die sich für dieses Thema überhaupt nicht interessieren, eine Alternative, indem sie mit Flüchtlingen arbeiten oder besser gesagt, Flüchtlinge benutzen und dadurch profitieren. Wieviele banale Vorstellungen werden heutzutage auf der Bühne aufgeführt? Ich wünsche mir, dass die Künstler, deren Werk einen Wert haben und die über wirkliche Fähigkeiten verfügen, ohne den Fokus auf ihr Geschlecht, ihre Religion, ihre Hautfarbe, ihre Behinderung und ihren Hintergrund die Möglichkeit bekommen, zu arbeiten.


Dann stellt sich ja auch noch die Frage, ob mitteleuropäische Dramatiker über Flucht und Flüchtlinge schreiben können? Meiner Meinung nach kann ein Schriftsteller sich auch Dinge vorstellen, die er noch nicht erlebt hat, wie Kafka sich Amerika vorstellte oder Karl May Kulturen beschrieben hat, die er nie selbst gesehen oder erlebt hat. Benötigt nicht jeder Autor diese Fähigkeit? Bei solchen konservativen Debatten wie das Thema "Blackfacing“ bekomme ich Angst, dass wir eines Tages Obdachlose, Verhaftete, Mörder, Vergewaltiger auf der Bühne sehen, die ihre Geschichte geschrieben haben und ihre Rollen selbst spielen, Schriftsteller und Dramatiker nicht mehr über solche Themen schreiben dürfen und mitteleuropäische Schauspieler nur eine mitteleuropäische Figur spielen dürfen. Wo geht das Theater hin?


Unser Orchester hat das Konzert beendet und unser Musiker geht zurück nach Hause. Jede Nacht hat er Alpträume von dem Feuerunfall, weil wir ihm nicht erlauben, es zu vergessen.

 

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