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05.03.2019, Jamal Tuschick

2016 entschied das Oberste Gericht in Israel, dass die Hinterlassenschaft Max Brods mit wichtigen Handschriften von Kafka nicht in Privatbesitz bleibt. Benjamin Balint dokumentiert in „Kafkas letzter Prozess“ das Verfahren und seine historischen Voraussetzungen.

Wem gehört Kafka? oder Die Aura des Handschriftlichen

Max Brod handelte Franz Kafkas letztem Willen zuwider. Anstatt „die verbliebenen Manuskripte, Tagebücher und Briefe“ nach dem Verlangen des Erblassers, „ungelesen zu verbrennen“, gab Brod seine Kraft der Aufgabe, die Welt mit der elementaren Verstörung, die sich in Kafkas Werk offenbart, zu speisen.

Kafkas Prosa ist kühl, ihr Gehalt kryptisch (Heinz Politzer). Daher rührt die Reizpotenz. Kühl und kryptisch sind keine Antagonisten und trotzdem unverbunden, anders als zum Beispiel blumig und brutal: Kategorien, die in der Sentimentalität koinzidieren.

Politzer erklärt, dass Kafka bis zum Schluss von Verantwortungsscheu davon abgehalten worden sei, klare Kante zu zeigen, und von seinem Erben eine widersprechende Entschlossenheit erwartet habe.

Das am Rand.

Benjamin Balint, „Kafkas letzter Prozess“, aus dem Englischen von Anne Emmert, Berenberg Verlag, 331 Seiten, 25.-

Aus der Verlagsvorschau

Der berühmteste Koffer der Literaturgeschichte hätte es beinahe nicht geschafft. Max Brod hatte ihn bei sich, als er 1939 mit dem letzten Zug von Prag nach Palästina floh. Im Koffer: Manuskripte, Notate, Kritzeleien seines Freundes Franz Kafka. Jahrzehnte später entsponn sich darum ein Gerichtskrimi, der erst 2016 ein Ende fand. Vordergründig wurde über den Nachlass von Max Brod entschieden, doch standen noch ganz andere Fragen im Raum: War Kafka vor allem ein jüdischer Autor? Wo ist sein Erbe richtig aufgehoben? In Israel? Oder in jenem Land, in dessen Namen Kafkas Familie einst ausgelöscht wurde? Eine filmreife Geschichte, die nicht nur zeigt, weshalb die Frage, wem Kafka gehört, zum Glück nie entschieden werden kann.  

Benjamin Balint, geboren 1976 in den USA, lebt als Autor und Übersetzer aus dem Hebräischen in Jerusalem.  

„Wenn Sie mich fragen, sind die Wörter Gerechtigkeit und Anstand aus dem Lexikon gestrichen worden“, sagte Eva Hoffe, 82, als sie am 27. Juni auf die Anhörung wartete, die das Schicksal ihres wertvollsten Besitzes besiegeln würde: der geheimen Papiere, die Max Brod 1939 von Prag nach Palästina gerettet und ihrer Mutter übergeben hatte. Jahrzehntelang lagen sie versteckt in einer Wohnung in Tel Aviv und in Banktresoren in Israel und der Schweiz.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Schoah hing wie eine Wolke über dem Gerichtssaal

Ilse Ester Hoffe (1906 - 2007) begegnete Brod in Palästina während der Mandatszeit. Sie schrieb Gedichte und bewies genug Empfänglichkeit, um von ihrem Verehrer mit Handschriften des verstorbenen Idols beschenkt zu werden. 1968 erbte Ester Hoffe Brods literarischen Nachlass mit gewissen Auflagen, die erst für die Rechtsnachfolger*innen der Erbin Konsequenzen haben sollten. Der Nachlass sollte einer wissenschaftlichen Auswertung zugänglich gemacht werden.

Ester Hoffe verfügte über die Manuskripte von Kafkas „Process“, „Beschreibung eines Kampfes“ und „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“. Sie verkaufte Handschriften und isolierte das nicht veräußerte Material vor akademischem Interesse. Dieser idiosynkratische Umgang stieß auf Unverständnis. Nach ihrem Tod traten Hoffes Töchter Eva und Ruth in die Fußstapfen der Mutter. Das von Brod und Kafka Verbliebene wollten sie dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, das sich als in erster Linie zuständig erklärte, entgeltlich überlassen.

Die Hebräische Nationalbibliothek widersprach und forderte Herausgabe. Richter folgten in einem langen Instanzenzug der Argumentation der Bibliothekare. Die letzte einschlägige Entscheidung fällte im August 2016 Richter Eljakim Rubinstein am Obersten Gericht.

„Ich hatte den Eindruck, dass die drei an dem Prozess beteiligten Seiten die physischen Manuskripte Kafkas, sogar in Zeiten der Digitalisierung, wie Reliquien behandelten. Reliquien sind Dinge, die uns auf materielle Weise mit einem Heiligen in Verbindung bringen. Man sieht den Einfluss Brods sogar in diesem Prozess, weil er ihn als säkularen Heiligen porträtiert hat.“ Benjamin Balint in einem Beitrag von Natascha Freundel auf Deutschlandfunk Kultur .
Balint zeichnet die Wege der Freundschaft zwischen Kafka und Brod nach. Er zeigt die Herrschaften in geschmackvollen Etablissements, „einen genialen und einen geschmackvollen Schriftsteller … in der europäischen Hauptstadt kosmopolitischer Träume.“  

Die Rede ist von Prag. Die Freunde unterhalten sich auf Deutsch. Tschechisch dient volkstümlichen Zuspitzungen. Kafkas Unbedingtheit zielt auf die Sprache, nicht auf seine Herkunft. Davon wird der Interessenvertreter des Marbacher Archivs hundert Jahre später ableiten, dass sich Kafkas Werk nicht als israelisches Kulturgut deklarieren lässt.  

Kafka war kein Zionist. Er starb vor der Gründung Israels. Was legitimiert den nationalstaatlichen Zugriff auf ein Erbe in Privatbesitz? Dass es hart werden würde, den eigenen Ansprüchen Geltung zu verschaffen, wussten Ester Hoffes Töchter Eva und Ruth bereits vor dem ersten Prozess 2007.   

Balint inventarisiert die Arsenale der Kontrahenten. Aus der Perspektive der Töchter ergibt sich eine unerwartete Komplikation, als Meir Heller, ein Anwalt der Nationalbibliothek, das Testament von Max Brod ins Spiel bringt. Heller entdeckte im Text eine komplett andere Willenserklärung als die Auguren vor ihm. Demnach habe Brod seiner Sekretärin und Gefährtin die in Streit stehenden Gegenstände zu seinen Lebzeiten nur zur Aufbewahrung überlassen. „Nach seinem Tod sollten sie an ein öffentliches Archiv gehen.“

Mit Hinweisen auf die Ermordung von Kafkas Schwestern im Holocaust nannten die Anwälte der Nationalbibliothek Deutschland einen ungeeigneten Ort für Kafkas Erbe. Ihnen entgegen gehalten wurde die verschleppte Anerkennung Kafkas in Israel.

Balint bringt die Krux auf den Punkt. Kafka zählte zu einer Generation schwacher Söhne, so sagt es auch Natascha Freundel, die im Schatten ihrer Gründerväter zu Indolenzexzessen neigten. Israel begreift sich als Land der starken Söhne schwacher Väter. Deshalb konnte Kafka als Säulenheiliger der israelisch-jüdischen Identität in Israel nur schwer ankommen – als ungläubiger und kaum wehrhafter Jude.

Die Marbacher Position hielt imperialistisch dagegen.    

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