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06.03.2019, Jamal Tuschick

In ihrem Roman „Im Schrank“ erzählt Tereza Semotamová von mehr als einem Glück in zeitgenössischen Winkeln.

Der Mensch als Exponat

(c) Richard Klíčník

Die Erzählerin bezieht ein Schmuckstück der Möbelkunst

„Warum wie jeder Depp zwischen vier Betonwänden leben?“

Die Erzählerin bezieht „ein Schmuckstück der Möbelkunst“. Der Schrank rahmt sie richtig. Er gibt ihrer Existenz beruhigende Konturen. Obwohl sie jung ist, steckt viel einst im Fundus der Erzählerin.

Tereza Semotamová, „Im Schrank“, Roman, Voland & Quist, 288 Seiten, 22,- 

Der Schrank wird zum Nest. Das Nest schützt sie vor der Eisprungeuphorie ihrer Schwester Jana. Einen Wartesaal für Möbel spricht sie als „Lagerraum der Eitelkeiten“ an. Da entdeckt sie Haufen menschlichen Glücks in Elendsformaten. Alles ist abgedeckt und eingerollt.

Sonntags fühlt sich die Welt eckig an.

In einer tschechischen „Trödellandschaft“ oder eher noch davor, irgendwo an der Leine, mutiert das erzählende Ich. Die fragile Schrankexistenz gewinnt härtere Konturen.

Fluide Identität

Alle lassen sich nur „vom Strom des Lebens weitertragen“. Der Teufel steckt in den Rechnern, das Internet ist sein Kletterpark. Plötzlich steht der Erzählerin die Ägäis zur Verfügung. Sie ist nun endgültig nicht mehr identisch mit dem hinfälligen Ich im Schrank. Das neue Ich möchte von einem Du „verspeist“ werden, dass mit dem Ich robuster geworden ist. Der Ton ändert sich im Zuge einer Erweiterung der Möglichkeiten. Das idiosynkratische Potential bleibt aber bei der Protagonistin. So stellt sie fest, dass ihr Körper ihr so fremd wie Afrika sei. Daraus leitet sich ein Näheverbot (Distanzbegehren) ab, obwohl sich das Gegenteil mit derselben Begründung sagen ließe.

Ich verstehe nicht, warum so viel psychologischer Karneval in die fluide Identität der durchs Programm führenden Person gebuttert wird. Vielleicht zeigt sich ein zeitgenössischer Charakter in seiner Binnendiversität. Die Vielfalt steckt in der Entfremdung, einer Taubheit der Glieder.

Alle Erwartungen haben einen fatalistischen Sockel.  

Semotamová baut konventionelle Tableaus auf und bespielt sie in surreal-somnambulen Szenen.

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