MenuMENU

zurück zu Main Labor

02.06.2018, Jamal Tuschick

Neco Çelik – Theater muss wehtun

Man nennt ihn den Spike Lee von Kreuzberg.

Neco Çelik ist Geburtsberliner des Jahrgangs 1972. Er absolvierte das klassische Programm seiner Generation. Schulabbruch. Bandenbildung nach den Stilvorgaben der Graffiti- und Hip-Hop-Ästhetik im Geleit von Kindern der Alliierten. Das erste Berliner Hip-Hop Konzert findet 1986 im Schöneberger Wintergarten statt. Neco, der Türke, rappt Deutsch. Avantgarde aus Versehen. Ausbildung zum Erzieher in einem Jugendzentrum. Çelik entwickelt sich vom Cineasten zum Filmemacher. Er weckt das Interesse von Intendanten, die „Türkenstücke“ auf ihren Bühnen sehen wollen.

Wir treffen uns in der Gorki Kantine. In ruhigen Stunden hat der Theaternapf den Charme der spanischen, griechischen, portugiesischen und atatürkischen Vereinsheime in den 1970er Jahren. Die schnurrbärtigen Charaktere von damals wurden von Feen der Gegenwart in Duttträger verwandelt. Was verbindet die fünffach gespaltenen Enkel der Gastarbeiter mit ihren Großvätern?

Çelik spricht erstmal über die Kanzlerin, die weiter sei als ihr Volk.

„Merkel hat gesagt, der Rechtsradikalismus gehört nicht zu Deutschland. Das heißt nichts anderes, als dass die AfD im Bundestag nichts zu suchen hat und Pegida einem guten Deutschen nur peinlich sein darf.“

Die Gesellschaft müsse fünfundzwanzig Jahre nach dem Brandanschlag von Solingen nachsitzen und Lektionen deutscher Geschichte pauken.

„Während die Gesellschaft zumacht, macht die Kultur auf.“

Sie saugt das Mark aus dem multikulturellen Knochen. Daher kommt jene Explosivität, die das Theater vibrieren lässt.

Auch Çelik glaubt, dass „Theater wehtun und sich mächtig einmischen muss“.

„Deutschlands Einwandererfeindlichkeit ist ein Witz. Seit Jahrtausenden leben wir in einer Völkerwanderung. Für zwei, drei Generationen an einem Ort Behauste bilden sich ein, in unverrückbaren Einheiten zu existieren, obwohl ihnen jeden Tag im TV bewiesen wird, wie fragil das angeblich Beständige ist.“

Çeliks Vater kam 1967 aus der anatolischen Provinz Afyonkarahisar. Er wollte zum Fernsehen und landete im Gartenbauamt von Tegel. Die Sprachermächtigung verlief schleppend.

„Im Wald lernt man kein Deutsch.“

Der Mangel hatte den Vorteil, Diskriminierungen nicht zu verstehen.

„Ich habe meinem Vater zu wenig Fragen gestellt. Aber ich habe nach seinen Erstmaligkeitsempfindungen beim Anblick des kaputten Berlins gefragt. Er konnte sich an Gefühle nicht erinnern. Er hat sich wohl wenig gestattet. Augen zu und durch.“

Als die Türken Kreuzberg erreichten, zogen die deutschen Familien weg. Çelik wohnte mit seinen Eltern in einem maroden Mietshaus beinah ohne Mieter. Den Türken verdankt sich die Genesung Kreuzbergs. Auf Genesung folgt Gentrifizierung. 

Was wäre gewesen, wenn es eine größere Wertschätzung für die Migranten in der Mehrheitsgesellschaft gegeben hätte?

„Dann wäre ich Deutscher geworden, ohne es zu merken.“

 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen