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10.03.2019, Jamal Tuschick

Der Bordellier als Kommunist - Rocko Schamoni erzählt die Geschichte von Hubert Fichtes bestem Freund: Wolli Indienfahrer.

Gott im Spiegel

Rocko Schamoni

Wolli Indienfahrer

Sieben Jahre im Schlafanzug ...

Am Ende war er so pleite wie am Anfang, und das Ende zog sich hin. Die letzten sieben Lebensjahre kam Wolfgang „Wolli“ Köhler nicht mehr aus seiner Wohnung. Das berichtete Rocko Schamoni im großen Sendesaal des rbb im Rahmen der Reihe „Die schöne Lesung“. Radioeins-Literaturagentin Marie Kaiser stellte Fragen. Kaiser und Schamoni wirkten eingespielt. Offenbar waren sie guter Dinge. Ein Wohnzimmergespräch hätte nicht entspannter über die Bühne gehen können.  

Als Autor debütierte Rocko Schamoni 2000 mit „Risiko des Ruhms“. Sein jüngster Roman „Große Freiheit“ widmet sich dem Hippie-Bordellier Wolfgang Köhler aka Wolli Indienfahrer. Schamoni schildert seinen Helden mit ergreifender Sympathie. Einen Prostitutionsprofiteur lässt der Autor gut aussehen.

Darüber war zu reden.

Schamoni stellte Köhler als Ausnahme dar. Köhler habe seine Etage in einem größeren Laufhauskomplex in krasser Opposition zu den Gepflogenheiten vor Ort bewirtschaftet. Der Versuch einer kommunistischen Geschäftsführung scheiterte lediglich an den normativen Kräften der herrschenden Verhältnisse. Gleichwohl sei Köhlers Betrieb, abgesehen von einer Phase, vorbildlich gewesen.   

Kaiser steuerte den Punkt mehrmals an. Unter die Linie von Toulouse-Lautrec bis Bukowski wurde ein Schlussstrich gezogen. Es ist keine Luft mehr im Raum der Kommunionen von Kunst und Sexarbeit. Der Zuschauer ahnte Widerstände gegen die neuen Auffassungen bei Schamoni. Er forderte das Publikum auf, lebendig zu sein und nicht nur die Liebe, sondern auch die Lust wertzuschätzen. Von Köhler behauptete er:

„Er hatte gelernt, die richtigen Antworten zu geben.“ Sobald es darum ging, sich die Frauenfeindlichkeit seines Metiers nicht zum Vorwurf machen lassen zu müssen.  

Schamoni präsentierte einen Menschen, der sich selbst gefiel.

„Wenn ich Gott sehen will, gucke ich in den Spiegel.“

Offenbar nutzte Köhler die Chancen des Selbstbetrugs und des unbegründeten Optimismus. So habe er als ganz junger Mann Botendienste für die CIA mit einer echten Agententätigkeit verwechselt. Als alter Mann gab es ihn nur noch im Schlafanzug – als unverwüstliches Wrack in einem Hasch Nirwana auf Goethes West-östlichem Divan.

Bekifft Goethe lesen war das Letzte, was Köhler wollte und tat, nach Jahrzehnten der Erregungen.

Meine Besprechung:   

Stumpf ist Trumpf

Rocko Schamoni erzählt von früher auf St. Pauli. Onkels Sprecharie zog die Matrosen aus dem Meer der Möglichkeiten ins ... Sein Vortrag gehorchte der Weisheit: „Stumpf ist Trumpf“.

Sie nennen ihn Onkel. Der bürgerliche Name ist im Volksmund untergegangen. Onkels Sprecharie zieht die Matrosen aus dem Meer der Möglichkeiten ins Klein-Paris. Sein Vortrag gehorcht der Weisheit: „Stumpf ist Trumpf“. Von Onkel, der St. Pauli im Blut hat und allen gebietstypischen Beschäftigungen gekonnt nachgeht, lernt Wolfgang Köhler die Koberei. Gekobert werden Passanten. Man führt sie den „Melkerinnen“ in den Animierlokalen zu.

„St. Pauli ist eine riesige Melkmaschine“, weiß Onkel.

Köhler lernt schnell. Er ist auf St. Pauli richtig, auch wenn ihm Onkels Zynismus abgeht. Onkel glaubt, dass „die Angst vor der Freiheit“ den Freier macht, und der Freiheitsdrang den Loddel oder Luden, den nur „die Soliden“ als Zuhälter bezeichnen.

Rocko Schamoni, „Große Freiheit“, hanserblau, 287 Seiten, 20,-

Rocko Schamoni schildert den verbürgten Werdegang eines Paradiesvogels unter Faust-Pfauen auf den hanseatischen Magistralen des käuflichen Sex. Köhler erlebt den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär in der Variante vom Laufburschen zum links ziselierten, malenden und dichtenden „Puffboss“. Seiner Initiationsgeschichte schickt Schamoni eine Prise Quartiersgeschichte voraus. Der Abriss zeigt, dass die aktuellen Professionen von St. Pauli eine Tradition gewerblichen Außenseitertums fortsetzen. Der Autor erkennt eine historische Linie vom Pest- zum Kontakthof.

Kein Gefängnis in Deutschland ist länger in Betrieb als die 1716 von August dem Starken eröffnete Justizvollzugsanstalt Waldheim. Waldheim ist eine Kleinstadt in der Nähe von Chemnitz. Da wird Köhler geboren. Er lernt im väterlichen Betrieb, zieht früh aus und dreht erst einmal zwei Kreise nach den Margen seiner Herkunft. Erst heuert er als Bergmann bei der Wismut an, bevor er die Laufbahn eines Volkspolizisten anstrebt.

Köhler scheitert im Regulären. Seine eigene Umlaufbahn erreicht er in einer Serie randständiger Beschäftigungen, die in der nomadischen Lebensweise eines Zirkusrequisiteurs ihre Form vollständig zeigt. Köhler strandet endlich in einem Nachtasyl. Das ist der Tiefpunkt und das Ende seiner nicht-sesshaften Existenz.

Auf St. Pauli wird Köhler heimisch. Er macht da Karriere. 

Schamoni erzählt das sentimental. Er verschenkt die Verwandlungsgeschichte eines Streuners. Deutlich erscheint Köhler erst in dem Hamburger Rahmen als Angesaugter. Er setzt sich fest in der Ära der British Invasion in einer besonderen Spielart. Köhler sieht zum ersten Mal die Beatles, eine Rock’n’Roll-Coverband „ohne eigenes Material“. Horst „Hoddel“ Fascher ist der Impresario des Augenblicks (und Anführer einer boxenden Brüderschaft). Fascher bucht die Gruppen, die einer Ära den Soundtrack liefern.      

Jean Genet und Hubert Fichte sind Gewährsleute sowohl eines Lebensstils im Geist von „der Expeditionscharakter muss erhalten bleiben“ als auch der Exklusivität (Legitimität) des schriftstellerischen Interesses an einem Bordellbetreiber, wie extravagant und erhaben über die bloße Akkumulation von Schnödem und der Ausbeutung von Frauen auch immer. Sie beglaubigen Schamonis À la recherche du temps perdu.

Federico Fellini und Jean-Luc Godard sind stilbildende Paten des Dargestellten. Alles beginnt 1960 mit der Ästhetik von „Außer Atem“, abgesehen von dem „Lied der Straße“ als Formulierungshilfe in den vergangenen Jahren der Wanderschaft. Köhler findet die Muße zu malen und eine Muse, die Maulwurf genannt wird. 

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