MenuMENU

zurück zu Main Labor

12.03.2019, Jamal Tuschick

Das Ende der Politik ist unter Umständen ihre Vollendung. In der Untersuchung „An den Rändern des Politischen“ stellt Jacques Rancière die Weichen für seine Interventionen in der politischen Philosophie und Ästhetik.

Die Beseitigung des Politischen

Jacques Rancière

Rancière beschreibt den Staat in seiner Ursprünglichkeit als Polizei – Politeía. Das heißt nach einer Auslegung: der Staat ist die Polizei. Nach Rancière lässt ein Staat sich so beschreiben, wenn er sich auf die Wahrung der Interessen relevanter Gruppen beschränkt. Geht er darüber hinaus, erreicht er die Politik. Ihn verfolgt aber die Neigung, das Politische zu beseitigen. Diesem Ziel nähert er sich, mit Festigkeits- und Unumstößlichkeitsbehauptungen, die dem Gesellschaftsrahmen die härtesten Legierungen geben.  

Jacques Rancière, „An den Rändern des Politischen“, übersetzt von Richard Steurer-Boulard, Passagen forum  

„Es gibt zwei Arten, die Teile der Gemeinschaft zu zählen. Die erste zählt nur die wirklichen Teile, die tatsächlichen Gruppen, die durch die Unterschiede in der Geburt bestimmt sind, die Funktionen, Plätze und Interessen, die den Gesellschaftskörper bilden, unter Ausschluss jedes Supplements. Die zweite zählt „zusätzlich“ einen Anteil der Anteillosen. Man nenne die erste Polizei, die zweite Politik.“

Aus dieser Konstellation ergibt sich ein Paradox. Der Politiker betreibt die Abschaffung des Politischen wenigstens mit einigen Politiken. An die Stelle des Politischen tritt die Befriedung.  

Vor ein paar Tagen bestätigte Christian Lindner in einer Talkshow zufällig Rancière, indem er den Franzosen nachsagte, staatlicher Zentralgewalt den Vorzug zu geben. Das beschreibt die Verdrängung des Politischen aus Foren diversifizierender Aushandlungen. Die Entladungen finden auf der Straße statt.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt außerhalb der Repräsentation.

Die Garantie der Funktionalität des Zentrums durch Abwesenheit

„An den Rändern des Politischen“ konkretisiert sich unter anderem in der Vorstellung vom leeren Raum (der Repräsentation). In diesem Modell verweigern von der Gemeinschaft Repräsentierte die Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte auf dem Forum, weil ihnen der Weg zu weit ist und sie es lohnender finden, ihrem Tagwerk nachzugehen. Sie überlassen Betuchteren ihre Interessenvertretung. Rancière entdeckt an der Stelle eine räumliche Bedingung. Die Machtausübungsverweigerer müssen weit genug von den Grenzen des Geltungsbereiches ihres Staates weg sein, um ausreichend Vertrauen aufbauen zu können.

An den Rändern des Politischen trennen ethnische, soziale und geografische Demarkationslinien die „Anteillosen“ von der Mitte.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen