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10.06.2018, Jamal Tuschick

Dotschy Reinhardt - Die Manouches von New Orleans

Dotschy Reinhardt macht sich als Vorsitzende des Landesrates der Roma und Sinti - Romnokher Berlin-Brandenburg - für ihre Minderheit stark

Der Sindh ist eine pakistanische (vormals indische) Provinz. Dort vermutet man den Ursprung der seit sechshundert Jahren in Deutschland beheimateten Sinti, denen vor mehr als tausend Jahren das Schicksal der Diaspora zufiel. Sie zerstreuten sich bis nach Japan und Brasilien. Die Zerstreuung führte zur Verbergung. Lange vermied man kulturelle Preisgaben. “Das war ein Schutzmechanismus”, erklärt Dotschy Reinhardt.

Ich treffe die Vorsitzende des neugegründeten Landesrates der Roma und Sinti - Romnokher Berlin-Brandenburg e.V. - in einem Pankower Café. Wir siedeln am Rand eines Gipfeltreffens von Milchschaumfanatikerinnen.

Der Landesrat versteht sich als “fähiger Ansprechpartner für Behörden, Politik und Gesellschaft” und selbstverständlich auch für Sinti und Roma nicht-deutscher Herkunft.

Er ist es die erste Selbstorganisation, die sich auf Landesebene für alle in Deutschland lebenden Roma und Sinti zuständig erklärt.

"Wir möchten eine Versachlichung und Deethnisierung des bisherigen Diskurses, eine konstruktive und differenzierte Auseinandersetzung mit Entscheidungsträger und mit der Gesellschaft. Wir wollen die Vorteile und den Mehrwert eines gedeihlichen Zusammenlebens mit gleichberechtigtem Dialog zwischen Minderheit und Mehrheit herausstreichen. Menschen mit Romno-Hintergrund sind oft heimatverbunden und haben in ihren angestammten Ländern wesentlich zur gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung beigetragen. Es gibt eine starke, meist unsichtbare Mittelschicht. Wir haben Wissenschaftler, Anwälte, Journalisten, Kaufleute, Künstler und Polizisten in unseren Reihen. Trotzdem werden sie von der Mehrheitsgesellschaft oft nicht als gleichberechtigte Bürger wahrgenommen. - Vor allem dann nicht, wenn sie sich zu ihrer Herkunft bekennen.”

Reinhardts Formulierungen balancieren auf Spitzen der Behutsamkeit. Diplomatisch spricht sie über eine “bewusste Unwissenheit” der Mehrheitsgesellschaft. Die wolle sich ihr “Zigeunerschnitzel” und die Vorurteile nicht nehmen lassen, nachdem es nur noch in einer Résistance vorsätzlicher Tabubrecher “Mohrenköpfe” und “Negerküsse” gibt.

“Antiziganismus findet im Vergleich mit den Abwertungen anderer Minderheiten die größte Zustimmung”, weiß Reinhardt. Er hat die geringste Latenz in der Gesellschaft. Es gibt eine rasch durchgreifende Bereitschaft antiziganistisch zu argumentieren. Die Ventilfunktion liegt offen zu Tage.

„Alte Stereotype und Feindbilder, die in der europäischen Tradition tief verwurzelt sind, finden weiterhin ihre gesellschaftlichen Allgemeinplätze, in den Medien genauso wie in der Rhetorik populistischer Politiker. Missstände wie Armut oder Kriminalität werden häufig ethnisiert und so zum Stigma eines jeden Menschen mit Romno-Hintergrund. Sinti und Roma sind indes keine homogene Gruppe. Ihre Jahrhunderte währende Verfolgungsgeschichte wird in der Berichterstattung und bei wichtigen Entscheidungsfindungen in Gesellschaft und Politik kaum berücksichtigt. So ist es nur schwach im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass Sinti und Roma im Dritten Reich als „Zigeuner“ verfolgt, in Konzentrationslager verschleppt und vielfach ermordet wurden.”

Ich frage mich, was es bedeutet, kein eigenes Land zu haben? Nie Mehrheit gewesen zu sein? So wie der lautstarke Kaffeekranz im Café. Stattdessen sprachliche und religiöse Anpassungen an eine feindliche, im besten Fall gleichgültige Umgebung. Die verfehlte Anpassung infolge mangelnder Annahme.

Ein Buch von Dotschy Reinhardt öffnete mir die Augen. Bis dahin war für mich “Zigeunersoße” ein anderes Wort für Paprikagemüse (pikant). Reinhardt stammt aus der Dynastie des weltberühmten Django R. Ihr Urgroßvater überlebte Konzentrationslager und sogar eine Gaskammer. Im letzten Augenblick bewahrte ihn sein Talent. Die Tür zum Tod wurde noch einmal aufgerissen, ein Kapo kam der Verzweiflung nah. Das Lagerorchester brauchte einen Streicher.

In der Familie hieß es: Die Geige rettete den Patriarchen. Wiedergutmachung gab es für ihn kaum. Auf den Ämtern saßen die nationalsozialistischen Schreibtischtäter und vertraten die Interessen der Bundesrepublik mit faschistischen Begründungen.

Ich höre die Posaunen der Ansprüche und Erwartungen an den Nebentischen. Ein hegemoniales Entzücken herrscht, das uns isoliert.

Die Manouches von New Orleans - Dotschy Reinhardt reist in "Everybody's Gypsy" durch die Jahrhunderte der Gypsy-Kultur, zwischen Musik, Alltag und falschen Klischees

Like a band of gypsies we go down the highway. We're the best of friends. Insisting that the world keep turning our way and our way. Is on the road again. Willie Nelson

"Gogol Bordello" tritt in New Orleans auf. Nach dem Konzert stürmen Roma die Garderobe und erklären, was sie gehört haben, zum „Gypsy Punk“. So wird ein Wort geboren, das synergetisch wirkt. Michaela Dotschy Reinhardt klärt die Quelle seines Ursprungs in einem exzessiven Mix aus Schwarz- Weiß – und Tagebuch. Everybody's Gypsy: Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt lenkt den Blick auf eine internationale Randgruppe. Ihre Diskriminierung gehört zum Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaften. Sinti und Roma bilden weltweit Minderheiten. Es gibt kein Land, in dem sie die Mehrheit sind. Das heißt, die effektiven Zuschreibungen kommen immer von außen, als Urteile, die Andersartigkeit feststellen.

Dotschy Reinhardt stellt einfache Fragen: Warum ist es immer noch politisch korrekt ein „Zigeunerschnitzel“ zu bestellen? Während doch längst kein Demokrat mehr einen „Negerkuss“ oder einen „Mohrenkopf“ annimmt. Die Musikerin und Autorin erkundigt sich beim „Maggi Kochstudio“. Man speist sie ab. In den „vorgegebenen Geschmackswelten“ der Kundschaft ginge die Variabilität im Assoziationsspektrum von „Zigeuner-Hackbraten“ bis „Zigeunersoße“ gegen Null. Man könne sich darauf verlassen, dass unter Verbrauchern Gewissheit herrscht, sobald „Zigeuner“ auf der Packung steht. Dann verspricht die Sache scharf, pikant & paprikalastig zu sein. Der Selbsttest zeigt: Genauso ist es. Das kritische Bewusstsein überschreitet zu der Virtuosität von Django Reinhardt den persönlichen Horizont ohne die Spur eines Gedankens an diese Sorte Alltagsrassismus.

Dotschy Reinhardt stammt aus der Dynastie des Berühmten. Sie lebt in Berlin und trifft da interessante Leute. Sie spricht mit Musikern, deren Karrieren von einschlägigen Einflüssen bereichert werden. Interviews führt sie mit Eugene Hütz (Gogol Bordello) und Goran Bregovic, der Filme von Emir Kusturica musikalisch bewegt. Sie skizziert den Lebenslauf der Sinteza Marianne Rosenberg, die ihre Herkunft lange verleugnete. Sie erinnert an den Ausnahmeboxer Johann Trollmann, der als Sinto in einem KZ umgebracht wurde. In Talkshows kämpft sie gegen Vorurteile gegen Sinti und Roma. Sie sucht Beispiele für ihre Kultur in den Arenen des Kinos, der Literatur, Kunst und Mode. Der ins Gelingen verliebten „Gypsy-Chic“-Ausbeute steht das aus tiefen Bewusstseinsschichten aufsteigende Ressentiment wie eine Wand entgegen. Darin steckt die Furcht der Sesshaften vor (nicht unbedingt freiwillig) nomadischen Lebensformen. Dotschy Reinhardt versammelt Zeugnisse für die Identifikation des „Zigeuners“ mit dem bedrohlich Fremden. Sie zitiert Cervantes, der 1613 schrieb: „Es scheint, als würden Zigeuner nur geboren, um Diebe zu werden. … Die Lust am Stehlen ist ihnen so zur zweiten Natur geworden, dass nur der Tod sie davon abbringt“. In Jahrhunderten ergibt sich keine Entschärfung in den Betrachtungen von Sinti und Roma. In der Romantik blühen „Zigeuner“-Phantasien auf dem Parcours von Erotik bis Exotik. Davon übriggeblieben ist das Schnittmuster Esmeralda. Im Weiteren bleibt es bei Devianz und Delinquenz als andauernde Unterstellungen. Die Gleichsetzung von Abweichung und Kriminalität sitzt fest im Verbund homogenisierten Ansichten.

Über Strecken gleicht Everybody's Gypsy: Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt einer Plauderei. Dotschy Reinhardt nimmt den Leser mit zu den Stadien ihres aufregenden Lebens.

 

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