MenuMENU

zurück zu Main Labor

15.03.2019, Jamal Tuschick

Die Nazis machen Nachbarn zu Juden, sie verschaffen Peter das Vergnügen einer Nachbarschaft mit Erich Kästner. Der Schriftsteller, ganz „finsterer Nachtmensch“, verweigert den Okkupanten seiner Heimat die Angst. Er schlägt sie mit Verachtung.

Als sich die Welt die Ohren zuhielt

Eingebetteter Medieninhalt

Je kleiner die Spielräume werden, umso größer erscheinen ihre Bedeutungen. Ein Jazznachmittag bei Freunden, wer Jazz liebt, kann kein Nazi sein, die Berliner Emigranten Alfred Lion und Francis Wolff werden bald in New York das Plattenlabel Blue Note Records gründen, ein Wohnzimmertanzvergnügen, das Glück, die schöne Stella Goldschlag nach Hause begleiten zu dürfen: der heranwachsende Peter trotzt den nationalsozialistischen Repressionen einen Saum privaten Glücks ab. Nach dem Umzug mit den Eltern in eine kleine Wohnung freut er sich über einen neuen Nachbarn besonders. Der weltberühmte Erich Kästner wohnt nebenan als kerzengrader Antivolksgenosse.  

Peter Wyden, „Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte“, aus dem amerikanischen Englisch von Ilse Strasmann, Steidl Verlag, 384 Seiten, 20,-

Ohne Takis Würgers landesweit diskutierten, als Annäherung an Stella Goldschlag deklarierten Holocaustkitsch wären Peter Wydens Schilderungen derselben Person in Vergessenheit geraten. Dabei hat Wyden das in jeder Hinsicht bessere Buch geschrieben. Wyden wollte gewiss keinen Coup landen, als er sich daran machte, einem in die Hölle des Verrats geratenen Schwarm seiner Jugend Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.   

Wyden beschreibt die Ausgrenzung der Juden auf dem Berliner Vorhof der Endlösung. Inzwischen haben es alle begriffen. Die Schmisse, das Eiserne Kreuz und der nicht-arische Ahnennachweis vollständig assimilierter Gründergroßväter schützt den deutsch-jüdischen Anwalt oder Arzt nicht vor dem Schicksal der gemeinsam verachteten „Ostjuden“ im Scheunenviertel.

Die Welt hält sich die Ohren zu

Jenseits der Grenzen des Deutschen Reichs erschweren zunehmend restriktiver gehandhabte Bestimmungen die Emigration. Mit Glück, Privilegien, Schmierereien und falschen Papieren geht hier und da noch was. 1937 emigrieren die Weidenfelds und werden in Amerika zu Wydens.  

Die Goldschlags haben kein Glück und keine Privilegien. „In der Emigrantenlotterie für Gewinner und Verlierer (ziehen) sie nur Nieten.“ – Während sich die Welt die Ohren zuhält.

Zudem versäumen es die Eltern, Stella im Rahmen des Refugee Children Movement auswandern zu lassen. Auch Stellas erster Ehemann Manfred Kübler trägt das Trauma der Beinah-Rettung. Er war Passagier auf der „St. Louis“, die am 27. Mai 1939 von Hamburg kommend eine Bucht vor Havanna ansteuern mussten, weil die kubanische Regierung den Hafen für das Flüchtlingsschiff gesperrt hatte. Der Kapitän bat Roosevelt vergeblich um Hilfe. Die meisten Passagiere fanden schließlich Aufnahme in Ländern, die bald nicht mehr souverän waren.  

„Ich bin froh, dass mir eine solche Prüfung erspart geblieben ist.“ Eine Zeitzeugin nach dem Gedächtnis von Peter Wyden

Die ultra-arisch aussehende, an ihrer jüdischen Herkunft keinen Gefallen findende Stella verweigert sich Opfer- und Widerstandsgemeinschaften, die sich impulsiv in ihrer Umgebung bilden. Als Zwangsarbeiterin in einem Siemenswerk zieht sich die Solidaritätsunwillige den Unmut organisierter Kolleg*innen zu.

Stella geht ohne Judenstern aus und taucht erlöst in der Masse unter. Sie gleitet in die Illegalität und begegnet da anderen Hasardeuren der Alphaklasse, die mit Mut zur Lücke nach der Devise Frechheit siegt ein anderes Leben führen als die in den Deportationsmühlen allmählich zermahlenen, amtlich Ansprechbaren. Der Passfälscher Günther Rogoff etwa leistet sich das Untergrundvergnügen eines Segelbootes mit Liegeplatz an der Pichelsdorfer Brücke. Ein anderes Genie der Anpassung wird Stellas Liebhaber. Rolf Isaakson nennt sich von Jagow und macht eine gute Figur in allen Lagen.

„Wenn man gut aussieht, kann man mit einer Menge durchkommen.“

Stella avanciert zur Meisterin des „geräuschlosen Lebens“.  Sie gerät als Verratene in die Fänge der Gestapo. Sie wird zusammengeschlagen.

„Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert … Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt; die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen.“ Jean Améry

Wyden beschreibt einen Zerstörungs- und Selbstzerstörungsprozess, der im Erleben der Vernichteten als Wiederbelebung und sogar als Stärkung ankommt. Ein nur noch halluziniertes Ich identifiziert sich mit dem Aggressor und fängt an zu schillern.

Schwere Luftangriffe treffen Berlin, zweimal gelingt Stella die Flucht aus dem Gefängnis. Sie stellt sich, um das Schicksal ihrer Eltern teilen zu können. Die Eltern sitzen auf gepackten Koffern in Erwartung ihres Abtransports nach Auschwitz. Die Vernehmung der Tochter bedeutet Aufschub. Stellas Mutter rät zur Scheinkooperation. Halt sie hin, das hält uns hier.

Wyden schreibt: „Stella hatte eine Schwäche für Macht.“

Sie unterwirft sich nicht nur den Herren über Leben und Tod, sie entwickelt auch Ehrgeiz als Greiferin.    

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen