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10.06.2018, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing

Feridun Zaimoglu - Es gab Leute, die dachten weiter

Es gab Leute, die dachten weiter Richtung Verschwörung und Management.

Auf einem Geheimgipfel in Brighton sollten die Claims abgesteckt werden. Tatsächlich stand auf der Verschwiegenheitserklärung „Claims Conference“.

England kam uns arm vor. Die Habitate der britischen Kanakster sahen so aus wie Bürgerkriegsschauplätze, in den Bussen fuhr eine Depression mit wie in „Torn Curtain“, einem Hitchcock von Sechsundsechzig. Mit Paul Newman als Genie unter DDR-Geiern. Das Beste am Film ist eine Fluchtbusfahrt von Leipzig nach Berlin.

Der Commonwealth spielte auf einer Untertasse Get-together, Skins kamen direkt zur Sache. Baumaschinen machten Straßenmusik. Wir kehrten gern nach Deutschland zurück. Da gab es überall Netze aus Wäscheleinen unter tropfenden Decken, das war Kunst. Stets stand hinter einem Tapeziertisch ein Rockabilly und verkaufte warmes Bier. Verächtlich strich er die Marie der Kulturidioten ein. Ganz weit vorn rangierten die Experten mit der elektronischen Gegenübertragung. Ich erinnere eine ISDN-Live-Schaltung zwischen einer Lagerhalle (Galerie) in Frankfurt und einer Galerie (Lagerhalle) in Hannover. In Hannover saßen Zaimoglu und Hiltrud Hampel. Die Frankfurter konnten den beiden Fragen stellen. Sie sahen sich selbst auf Monitoren. Angeblich sah so die Zukunft aus. Ausnahmsweise ging es nicht um Integration und Schweißfüße, sondern um Kunst und Fußpilze. Der Witz bei der Sache war eine doppelte Vernissage. Jemand hielt einen Blutspenderausweis in die Kamera. Fußballergebnisse wurden ausgetauscht.

„Mainz 05 bleibt in der zweiten Liga.“

Technischer Reichtum ergänzte Gedankenarmut.

Ich sagte zu dem Rockabilly: „Warmes Bier zu verkaufen, ist eine Unverschämtheit.“

Der Rockabilly entgegnete: „Guck dich um. Unverschämtheit ist doch das einzige, was noch geht. Außerdem ist warme Cola viel schlimmer.“

Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür / ve bir orman gibi kardeşçesine / bu hasret bizim - Nâzım Hikmet - Being imprisoned is not the problem. The problem is how to avoid surrender.  

Kemal Altan sagte: „Du zeigst mir eine Route zu meinen Wurzeln. Die liegen hier, nicht in Anatolien. Sie liegen bei dir.“

Die ganze Zeit sei er auf dem Sprung. Jeden Augenblick erwarte er eine herausfordernde Bemerkung. Er fühle sich angedreckt, zum Türken gemacht, wie eine Kreatur aus der Deutschlandretorte.

„Den Kanaken kannst du dir nimmer aus der Visage wischen.“

Ständig füttere man ihn „mit Feindschaft“, er jedoch könne sich „nicht dichtmachen“. Wie seine Freunde, befleißigte sich Kemal einer hausgemachten Minimalphilosophie: „Gedankenzeugs aus Unwirschem“, so Zaimoglu.

„Aber der Nettogehalt ist prächtig. Darin steckt ein Anfang.“

Auch die Söhne von Diplomaten kamen nun von unten, das war einfach kühl‘er. Das Unbehagen in einer Gesellschaft, die sich verschloss, sorgte für einen explosiven Ton. Biblische Bildhaftigkeit und orientalischer Übermut paarten sich mit Luftblasenpoesie und Rotwelsch. Eingeladen waren „Bastarde aller Couleur“.

„Wichtig ist, dass meine Prosa Laune macht“, verkündete Zaimoglu. Sie sei „ein Angriff auf die Fettsteißigkeit im Denken der Türken und der Deutschen.“

„Es ist mein Job, ein Stück Fitness in die Modalitäten zu bringen.“

Wer sich mit den Steilheiten in Zaimoglus rabiaten Wortspielen aufhielt, war schon vorher bei Überflüssigem ertappt worden. Zaimoglu passte es in den Kram, die neuen Deutschen als eine Legion undurchsichtiger Verlierer mit Risikovisagen zu stylen. Alle liefen ihm immer genau da ins Meinungsmesser, wo er sie erwartete. Er und ich wussten, dass Rassismus nicht unbedingt auf der Kehrichtschaufel rechter Anschauung zum nächsten Misthaufen getragen wurde. Die Rote Armee Fraktion hatte 1976 auf dem Flughafen von Entebbe selektiert wie ihre „rechten“ Väter auf der Rampe von Auschwitz.

Nächste Woche mehr.

 

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