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17.03.2019, Jamal Tuschick

Familiengeschichte als Zuflucht - „Ich habe Wasser aus dem Brunnen meines (bosnischen) Urgroßvaters getrunken und schreibe darüber auf Deutsch.“ - Der Urenkel eines Flößers, der nicht schwimmen konnte, erzählt die bewegte Geschichte seiner bosnisch-serbischen Familie.

Risse im Fundament

„Im jugoslawischen Wappen brannten … sechs Flammen für sechs Völker … 1991 waren Zugehörigkeiten ein Zündstoff geworden. Jede Herkunft konnte die falsche sein.“

„Müssten wir jetzt fliehen, wären … die Zustände an den Grenzen … so restriktiv wie an den EU-Außengrenzen …, (wir) würden … Heidelberg nie erreichen.“

Saša Stanišić erzählt in „Herkunft“ die eigene Geschichte auf der Folie eines föderalen Desasters. Er wurde 1978 als Fan von Roter Stern Belgrad in Višegrad geboren und migrierte 1992 (dem Jahr der Auflösung aller jugoslawischen Nationalmannschaften) im Tross der Eltern von der Drina an den Neckar auf der Höhe von Heidelberg. Heute lebt der Schriftsteller mit seiner eigenen Familie als HSV-Anhänger in Hamburg und läuft zweimal in der Woche an der Elbe. Sein Herkunftsbegriff erfasst die Ahnen bis zu den Urgroßeltern auf einer biografischen Bahn, die in Montpellier nicht endet. Da lebt eine Cousine, deren jüngste Tochter zur Platzhalterin des vorläufigen Endpunkts der familiären Verzweigungen avanciert.

Saša Stanišić, „Herkunft“, Luchterhand, 360 Seiten, 22,-   

Stanišić, dessen Namenshaken als Schmuck und Stigma gelesen werden, macht dem Leser schnell klar, dass er kein im Jugoslawienkrieg von stabilen Verhältnissen getrennter Nachkomme ist, sondern die Vorläufigkeit der Zuschreibungen lange vor der jugoslawischen Phase seiner Ursprungsumgebung ein Herkunftsmerkmal war. So wie man in Oskoruša (zu Deutsch Speierling), dem Zentrum des Stanišić Klans, das Silbensilber in alltäglicher Missachtung verscherbelt, feilscht man auch um den Klang der Worte weit weg in einer Gegend von Montenegro.

Herkunft ist für Stanišić ein weites Feld, vom Titel herbeigeholt und auf einen Markt zeitgenössischer Betrachtungen gezupft. Der irgendwie mit den Stanišić verwandte Gavrilo setzt eine Marke ab, indem er den Erzähler nötigt ein Ferkel nach Deutschland mitzunehmen. Eine Urgroßmutter lockte als Sirene an einem Ufer der Drina ihren Bräutigam mit Gesang an.  

Streiflichter des Krieges illuminieren die Scheinsage. Wieder und wieder erinnert sich Stanišić an die Föderative Republik Jugoslawien, doch sind sämtliche Wege einer Rückkehr in das Stadion des Roten Sterns verstellt. Nichts nahm den alten Idealen ihren Reiz. Sogar der Pionierschwur blieb geläufig.

Der einzige Gläubige in der Familie war Sozialist. Als Kind hielt der Erzähler das muslimische Erbe für eine Diät. Die mit einem arabischen Namen vergatterte Mutter fragt nicht, was ihr Sohn sie fragen lässt:

„Wer hat entschieden, dass ich eine Muslima bin?“

Stanišić erfindet sich das Fehlende.

Er überlebte um den Preis eines Lebens. Er distanziert sich mit Ironie von einer Vulnerabilität. Die Preisgabe Jugoslawiens und des von Tito aufgesprengten sozialistischen Sonderwegs nagen. Der Erzähler dreht das um und entdeckt „Lücken in der multiperspektivischen Erzählung … und Risse im Fundament der Föderation“.

Das ethnische Ressentiment im Präbellum Stadium war, so erklärt es Stanišić, eine populistische Abwehr der „reicheren Republiken“. Ökonomischer Egoismus ließ den Motor der „Abspaltungsbestrebungen“ anspringen. „Der Kitt der multiethnischen Idee“ zersprang „auf der Kreuzung zwischen Orient und Okzident.“

Das memoriert der Autor in der Gegenwart von Chemnitz – „Heute ist der 29. August 2018. Wäre am nächsten Sonntag Bundestagwahl, käme die AfD auf 18% der Stimmen.“

Stanišić führt aus: „Welten vergehen, stellt man sich denen, die sie vergehen lassen wollen, nicht früh und entschieden in den Weg.“

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