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13.06.2018, Jamal Tuschick

Mariam Dessaive - Das Tuch

Das Tuch

mit dem großen Muster in Braun und Orange vorm Fenster: Damals mochten wir laute Muster und unverschämte Farben. Dann mochten wir diese Tücher nicht mehr: Weg damit! Einige überdauerten, verborgen in unseren Habseligkeiten, sammelten Falten, Flecke, Geschichten, die jetzt gelesen werden wollen. Dieses Tuch erinnert mich an selige Sommerabende mit Freunden im Park, an Gitarren und Korbflaschen mit Rotwein, bella ciao. Wir haben Erinnerungen. Sind nicht geworden, was wir werden wollten oder sollten. Sind Haben und Sein Gegensätze?

Am Anfang bestand die Welt aus wenigen Dingen. Hand, Fuß, Mund, Mutterbrust. Dann kamen die Schätze der Kindheit, das selbstgezogene Gras im eigenen Blumentopf, über das ich streichelte: Meins! Die papierene Krone und die königliche Würde. Dann wurde ich eine Frau, ein süßes Ding im goldenen Kleid, ich fror. Ich stellte mich vor einen Mann, ging durch ihn hindurch, und er ging durch mich hindurch. Ich wurde erwachsen, sammelte das meine, nahm auch, was kam. So mancher und so manches blieb hängen.

Inmitten von Dingen und Gedanken, im Licht des Tuches vorm Fenster, rede ich mit meinen Büchern und Rechnern und auch mit der Frau von nebenan. Was wir haben, was wir wissen, was wir erinnern: Wohin damit? Gedanken vergehen mit uns, meistens. Aber die Dinge leben oft länger als wir. Auch die, die wir machen nach unseren kurzlebigen Bedürfnissen. Was werden kommende Generationen über unsere Zeit sagen, unsere gebrochenen Versprechen, unsere Abfallberge, unseren atomaren Müll, unsere Kriege und Flüchtlingsströme, unseren Klimawandel? Wird es Frager noch geben?

Zugfahren, Arbeiten, Heimkommen

Es riecht fies, anfangs immer. Ich versinke im Sessel eines ICEs nach D. Von den Mitreisenden sehe ich einen überstehenden Arm, ein herausragendes Bein, manchmal ein Profil. Die regendurchweichte Landschaft gewinnt an Fahrt, Tannenwälder, Herbstgelb, grellgrüne Wiesen verschwimmen am trägen Bewusstseinsrand.

Bis eine Frau beginnt, ihren Kindern eine Geschichte vorzulesen. Einzelne Reisende ziehen ins Nachbarabteil.  Die anderen packen ihr Proviant aus, es riecht nach Wurst und Schwarzbrot und dann nach Mandarinen. Guten Tag, Personalwechsel. Der jungen Schaffnerin mit Schirmmütze baumelt an der Seite eine schwarze Maschine. Jetzt liest eines der Kinder der Frau etwas vor, die kleine Stimme bohrt sich durch die Sitze zu mir. Ein Zug rast in Gegenrichtung vorbei wie eine Katastrophe. Eine Frau, die aus dem Fenster sieht und jetzt in den Scheiben uns, zuckt kurz zurück vor der Wucht. Der Zug bebt in seinen Gleisen, rollt dann ruhig weiter durch die Gegend, vorbei an Siedlungen, Industriegebieten, Kleingärten, bebauter Natur.

Dann Endstation, ums Taxi herum Rushhour, das Hotel so Mittelklasse wie überall. Wo bin ich? Die Straßenbahn in die Stadt, Schalensitze, harte Bremsen, die Gesichter grau, der Fluss grau.  Am Theaterplatz verschlingt die geblähte Oper Busladungen von japanischen Touristen. Im Schauspiel nebenan gibt es noch Karten. Ich bin allein, im Dunklen wandert ein Arm über den leeren Sitz zu mir her, ich beuge mich weg. Nach kurzem Verharren zieht sich der Arm wieder zurück. Mutti hat nichts gemerkt.

Am nächsten Tag die Arbeit. Kameramann, Assistent, ich, wir fahren von Termin zu Termin, die Kunden haben wenig Ahnung, aber große Erwartungen, und keiner, der uns einen Kaffee anbietet. Aus dem Wagen sehe ich, wie an einem Gemüsestand eine Frau mit schrägen Augen im leuchtend runden Gesicht einem missmutig guckenden Alten seine Waren in den bereitgehaltenen Stoffbeutel schichtet. Dankt er? Fühlt sie sich in D. zuhause?

Abends erwische ich den letzten Zug zurück, keuchend, erleichtert, geschafft! Der Zug rollt dumpf grollend seine Stationen ab, in den schwarzen Scheiben spiegeln sich dösende Reisende. Mitten in der Nacht erscheint die glitzernde Skyline von F. aus dem Dunkel, dann der Hauptbahnhof. Ich recke meine Glieder, greife meine Tasche, laufe los. Aber: Bin ich noch hier zuhause?

 

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