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18.03.2019, Jamal Tuschick

Am Anfang einer faszinierenden Laufbahn holzt er in Unkenntnis jeder Kunst. Seine Schläge und Tritte ziehen ihre Wirkung aus der Lebenswut eines Straßenkindes. Doch bald begreift Liborio sein Schicksal. Viele fühlen sich aufgerufen, aber Liborio ist auserwählt die geistigen und körperlichen Grundlagen der Selbstverteidigung auf der Höhe seiner Zeit zu kodifizieren. Er weiß, wie man Druck an der Schmerzgrenze des Gegners aufbaut.

Aura Xilonen erzählt in ihrem ersten Roman „Gringo Champ“ vom Glück einer Doppelbegabung

Liborios Karriere beginnt mit einer Grenzverletzung. Im ersten Jahr seiner vermuteten Volljährigkeit verlässt er Mexiko in einem Heer der Chancensucher*innen. Liborio lernt das Einmaleins der prekären Migration. Er übernachtet in Parks, sofern man ihn da in Ruhe lässt. Er ist immer auf der Hut. Selbst im Schlaf behält er eine Vorkampfstellung.  

Aura Xilonen, „Gringo Champ“, aus dem Spanischen von Susanne Lange, Hanser, 335 Seiten, 23,-

Trotzdem bezieht auch er Dresche. Eine (für jeden anderen) tödliche Abreibung steckt er weg: als sei er in Stein gehauen. Eine Aufzeichnung der Szene findet auf Facebook und Twitter millionenfache Aufmerksamkeit. Alle wollen wissen, aus welchem Stoff Liborio gemacht ist.   

Kenner der Gegend halten ihn sogar für einen Wiederauferstandenen.

„Wenn du wüsstest, wie viele Knochen hier verstreut liegen von Typen wie dir.“

„Ein Toter, dazu verdonnert, von Neuem zu leben.“

Man beachte die Doppelkonnotation. Die Melodie wird mehrmals angespielt, in einem Stil, der mich an den frühen Feridun Zaimoglu erinnert. Xilonen kultiviert eine Kunstsprache, die als Slang durchgeht. Sie liefert der Introspektion des Helden das Vokabular.

Die Angleichungen an das Phonetische machen den Roman geräumig, sie suggerieren Weite, Luft und Wehmut da, wo in Wahrheit Enge, Atemlosigkeit und Hader herrscht. Liborio erscheint unirdisch in seiner Resilienz. Auch die Aufstiegsdynamik ist märchenhaft-verrückt. Liborio beweist weiterhin Stehvermögen als beinharter Punching Ball. Er arbeitet außerdem in einer Buchhandlung, dessen Besitzer ein libidinöses Verhältnis zu Büchern hat.  Jener will gar nichts verkaufen. Dem Bildungsbegehren des Gehilfen setzt der Chef nichts Mäßigendes entgegen.  

Liborio entdeckt die eigene Autorenschaft nicht zuletzt als eine Möglichkeit zu leben, ohne ständig in Gefahr zu sein. 

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