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19.03.2019, Jamal Tuschick

Notizen zum 4. Bundeskongress der Neuen Deutschen Organisationen von Anna Gyapjas

Kein Wir ohne uns

Ferda Artamann (c) Judith Affolter

Zum 4.Bundeskongress luden neue deutsche organisationen zahlreiche Verbände, Institute und Projekte ein – diesmal als Raum für Netzwerk und Austausch. Und weil gesellschaftlicher Wandel am besten mit guter Laune vollzogen wird, begann das große Wiedersehen bei dem BuKo mit Warmtanzen. Unter der charmanten Anleitung von Moderatorin Thelma Buabeng ließen die Gäste unerschrocken die Hüften kreisen, ihre Arme fliegen und lachten frei, sodass auch dem Letzten im Raum klar wurde: Das sind Leute, die was bewegen wollen.

Kein Wir ohne Uns 

Sun-ju Choi von den ndo sorgte mit ihrer Begrüßungsrede dafür, dass niemand die Motivation angesichts der vielen Baustellen auf dem Weg zu mehr Teilhabe und Gleichstellung verlieren würde: „Wir, die für den Plural und eine inklusive Gesellschaft stehen, sind schon in power!“, betonte die Mitgründerin vom Verein Korientation e.V. Dann holte Choi tief Luft und lenkte die Aufmerksamkeit auf das Wort Heimat: „Es war immer schon so, dass dieser Begriff eine Chimäre ist von etwas, was es nie gegeben hat und nicht gibt: Idylle, Einheit, Homogenität.“ Zustimmender Jubel aus dem Publikum. Doch auch wenn Angriffe auf Unterkünfte von Asylsuchenden und vermeintliche Ausländer*innen kein Ende nehmen, dürfte man den Heimatbegriff nicht vernachlässigen, im Gegenteil: „Wir dürfen dieses Bedeutungskonglomerat nicht denjenigen überlassen, die es Richtung Blut und Boden treiben wollen. Es gibt kein Wir ohne uns, keine Heimat ohne uns.“

Globale Verhältnisse dekolonisieren

Die Art, wie wir Geschichte schreiben, zementiert Herrschaftsstrukturen oder bricht sie auf. Darum ging es auch im Talk zur „Internationalen Dekade für Menschen Afrikanischer Abstammung“, die die UN ausrief, um die Benachteiligung Schwarzer Menschen anzugehen. Das Fazit von Marianne Ballés Moudoumbou, u.a. Sprecherin der Pan-Afrikanischen Frauenorganisation Pawlo, fiel nüchtern aus: „Es wäre schön, wenn die Maßnahmen systematisch umgesetzt würden. Aber viel ist nicht passiert.“ Mehr Vernetzung in Sachen Diskriminierungsschutz im Bildungsbereich – darum ging es nebenan im Gespräch mit Akteur*innen vom Berliner Netzwerk gegen Diskriminierung in Schule und Kita, Aktionsbündnis muslimischer Frauen e.V., dem Roma Antidiscrimination Network sowie der Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen (ADAS). Den Anfang machten die Teilnehmenden im Rahmen des BuKo, wo sie sich im Networking Space mehrere Runden diesem Themenkomplex widmeten. Die Gäste, die sich im Voraus dafür angemeldet hatten, trugen ihre Anliegen vor, zum Schluss nutzten sie die Zeit, sich miteinander zu unterhalten und zu vernetzen. Wie notwendig solche Räume des Austausches sind, verdeutlichte die Wortmeldung einer Lehrkraft aus NRW, der seine Schüler anvertrauten, dass ein Sportlehrer ihnen Wörter wie Mashallah und Yallah abgewöhnen wollte: „Ich habe das Gefühl, dass ich in einer Ohnmacht stecke, weil ich meine Handlungsmöglichkeiten nicht kenne“, erzählte der Gast. Dass er einer der zwei POCs im Lehrerkollegium sei, mache es nicht leichter.

Nach Antipasti, Curry und Gulasch am Abend, begeisterte einmal mehr die Jugendgruppe J.A.M. mit Sketchen und mitreißenden Liedern. Die Tanzfläche füllte sich, als Hakan Vreskala seinen Sound Of Resistance zum Besten gab.

Kein Sprachrohr der Mehrheitsgesellschaft sein

Den Auftakt des zweiten Tages des ndo-Bundeskongresses machten Journalistin Hatice Akyün und Künstler*in Adrian Marie Blount. Das Gespräch mit dem Titel Strong Women – me t(w)oo moderierte ndo-Geschäftsleiterin Gün Tank. Akyün erzählte von ihren #metwo-Erlebnissen; dass sie auf einem Kleinanzeigenportal Johanna heißt, denn „bei Hatice meldet sich niemand und kauft mir die Sachen ab“. Eine Erfahrung, die im Publikum Anklang fand.

Hatice Akyün erzählt davon, dass sie sich einen deutschen Namen für eBay Kleinanzeigen gibt und ich denke laut: ich heiße an vielen Stellen 'Veronika'. Meine Sitznachbarin denkt auch laut und sagt: Kenn ich.  Darüber hinaus erzählte Hatice, wie Auftraggeber sie im Sinne eines „Sprachrohrs für die Mehrheitsgesellschaft“ instrumentalisierten: Der SPIEGEL brachte ihre Reportage über Zwangsverheiratungen als Titelstory unter der Überschrift ‚Allahs rechtlose Töchter’. „Da bin ich fast in Ohnmacht gefallen, weil ich zum ersten Mal gemerkt habe, wie mein Türkischsein missbraucht wurde von den Medien.“ Dass sich manches Medienhaus in Konkurrenz zu sozialen Medien sieht und Angst habe, „den Anschluss zu verpassen“, verhindere außerdem oftmals differenzierten Journalismus. Blount, die u.a. das Performance-Kollektiv House Of Living Colours für queere und trans black POC gründete, weiß selbst, wie leichtfertig viele mit Deutungen umgehen. Damit „die Erzählungen missbrauchter Leute nicht ausradiert werden“, achte sie bei ihren Events stets auf ein inklusives Umfeld und die internen Regeln, die ein solches ermöglichen. „Wenn wir das ernst meinen mit der Solidarität, müssen wir die Geschichten dieser Menschen anerkennen,“ sagt Blount, und schloss sich damit Hatice Akyüns Verständnis von feministischer Solidarität an: „Trotz unterschiedlicher Meinungen den Weg gemeinsam gehen.“

Noch so vieles mehr war los am 1. und 2. Februar 2018: Ein international besetztes Panel debattierte den Umgang mit Antidiskriminierungsdaten, Journalist*innen of Colour tauschten sich aus, Max Czollek und Aladin El-Mafaalani diskutierten - ausgehend von ihren Büchern - welche falschen Versprechen der Begriff „Integration“ weckt und ob es nicht zielführender wäre, den Weg der „Desintegration“ zu gehen. Angesichts Debatten wie der um Mesut Özil im vergangenen Sommer habe Czollek den Eindruck, dass sich Forderungen nach Integration auf eine Zugehörigkeitsvorstellung mit langer Tradition beziehe. „Die jüdische Erfahrung zeigt, dass man sich nicht integrieren muss.“ Im Hinblick auf die Zukunft findet er: „Es reicht nicht, nur inhaltlich zu denken und etwas zu verkörpern – es braucht Konzepte. Und es ist sinnvoll, in Allianzen zu denken: Sonst kommen wir nicht voran.“

Der Beitrag erschien zuerst hier

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