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19.03.2019, Jamal Tuschick

Eine kurze Geschichte faschistischer Squats in Italien - Ein Beitrag von Heiko Koch - 2. Folge

Cen­tri Socia­li di des­tra

Faschis­ti­sche Sozi­al­zen­tren — Cen­tri Socia­li di des­tra

Zu einem Novum in der Rech­ten — und das nicht nur in Ita­li­en — zäh­len die soge­nann­ten „Cen­tri Socia­li di Des­tra“ (dt. Rech­te Sozi­al­zen­tren). Die­se rech­ten Haus­be­set­zun­gen ent­stan­den Anfang des Jahr­tau­sends in Ita­li­en und fan­den ihren Akti­ons­schwer­punkt in Rom. Einer der Haupt­prot­ago­nis­ten war die Bewe­gung Casa­Po­und.

Bis zur Jahr­tau­send­wen­de waren Haus­be­set­zun­gen als rebel­li­sche Form des Pro­tests und wider­stän­di­ge Raum­nah­me ein Pri­mat der lin­ken, sub­kul­tu­rel­len und pro­gres­si­ven sozia­len Bewe­gun­gen gewe­sen. Jetzt prak­ti­zier­te sie auch die radi­ka­le Rech­te. Die­se Beset­zun­gen fan­den euro­pa­weit viel Beach­tung und Auf­merk­sam­keit: Nicht nur in der bür­ger­li­chen Pres­se, die sich am ille­ga­len Novum erfreu­te, und bei der poli­ti­schen Lin­ken, die sich um ein Allein­stel­lungs­merk­mal beraubt sah. Auch bei den rech­ten Par­tei­en und Bewe­gun­gen sorg­ten die Beset­zun­gen für Furo­re. Heu­te gehört es für bewe­gungs­ori­en­tier­te Rech­te unter­schied­lichs­ter Strö­mun­gen und Par­tei­en zum „guten Ton“ ein­mal im Haupt­sitz der Casa­Po­und Ita­lia — in der Via Napo­leo­ne III Num­mer 8 — gewe­sen zu sein. Dafür rei­sen sie aus allen euro­päi­schen Län­dern, aber auch aus Kana­da, den USA, Argen­ti­ni­en usw. an. Ein Foto auf der Dach­ter­ras­se des Casa­Po­und-Haupt­sit­zes kommt einer Tro­phäe, ein Foto mit dem „Füh­rer“ Gian­lu­ca Ianon­ne einem Adels­schlag gleich. Denn Casa­Po­und Ita­lia hat es geschafft, sich welt­weit als natio­nal-revo­lu­tio­nä­re Avant­gar­de zu pro­fi­lie­ren. Und dies auch über den Ruf, die „Haus­be­set­zer von Rechts“ zu sein. Ein Ruf, der so nicht den Tat­sa­chen ent­spricht. Gibt es doch jen­seits der Casa­Po­und Ita­lia faschis­ti­sche Beset­zun­gen, die, anders als Casa­Po­und Ita­lia, auch heu­te noch Wohn­raum aus poli­ti­schen Moti­ven beset­zen. Für die­se rech­ten Strö­mun­gen und Par­tei­en gehö­ren Beset­zun­gen aber nicht zu ihrem zen­tra­len Selbst­ver­ständ­nis und/oder Grün­dungs­my­thos. So nutzt z.B. die faschis­ti­sche Kleinst­par­tei „For­za Nuo­va“ (dt.: Neue Kraft) unter Rober­to Fio­re Haus­be­set­zun­gen rein optio­nal in ihrer ras­sist­si­chen Kam­pa­gnen­po­li­tik. Und die Faschis­ten des römi­schen Cen­tro di Des­tra „Foro 753“ nut­zen ihre Immo­bi­lie als sozi­al-poli­ti­schen Treff­punkt, ohne dar­in mehr als einen wich­ti­gen Fak­tor ihrer Infra­struk­tur zu ver­ste­hen. Um eine Ver­mark­tung in Form eines Images haben sie sich nie bemüht. Des­we­gen sind die­se rech­ten Beset­zun­gen und ihre Protagonist*innen jen­seits Ita­li­ens auch nicht wei­ter bekannt. 

Casa­Po­und hin­ge­gen hat sei­ne Beset­zun­gen als Image in einer Ver­mark­tungs­stra­te­gie opti­mal auf dem Feld der rech­ten Poli­t­in­sze­nie­run­gen plat­ziert. Die­ses Image soll, neben der Pro­pa­gan­da im Hei­mat­land, für einen trans­na­tio­na­len Bekannt­heits­grad sor­gen und dem Export ihres natio­nal-revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gungs­an­sat­zes die­nen. Dabei fällt die Bilanz nach fast zwei Deka­den faschis­ti­scher Beset­zun­gen durch Casa­Po­und äußerst mager aus. Kein Wun­der also, wenn der schma­le Out­put ihrer Beset­zun­gen um so mehr ver­klärt und mytho­lo­gi­siert wird. Dass bei den städ­ti­schen Ankün­di­gun­gen, den Haupt­sitz der Casa­Po­und Ita­lia in Rom räu­men zu wol­len, die Emo­tio­nen der Faschist*innen Ende Janu­ar hoch­koch­ten, kann also nicht ver­wun­dern.1

Casa­Po­und Ita­lia – eine Bewe­gungs­par­tei im Kon­flikt

Gene­rell neh­men die „Cen­tri Socia­li di Des­tra“ für die Bewe­gungs­par­tei Casa­Po­und Ita­lia eine beson­de­re Rol­le ein. Beset­zun­gen waren die expo­nier­te Pra­xis zum Anfang ihrer Bewe­gung und gehö­ren zwin­gend zu ihrer Vita, ihrem Selbst­ver­ständ­nis und ihrer Selbst­dar­stel­lung. Die Beset­zun­gen stel­len ein Kern­ele­ment ihres Anti-Sys­tem-Nar­ra­tivs und natio­nal-revo­lu­tio­nä­ren Mythos dar, den sie immer­fort pro­pa­gie­ren. Schaut man sich die Geschichts­schrei­bung der Casa­Po­und auf ihrer Inter­net­sei­te an 2 [2], so ver­gleicht sie ihre Ent­ste­hungs- und Beset­zungs­ge­schich­te sogar mit dem Oster­auf­stand in Dub­lin von 1916. Casa­Po­und schreibt sich aus Wil­liam But­ler Yeats Gedicht über den Auf­stand „Eas­ter, 1916“ die Zei­le „Eine schreck­li­che Schön­heit wur­de gebo­ren“ zu. Und was wäre die repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung Irlands ohne die Beset­zung und den Kampf um das Gene­ral Post Office (GPO) auf der O‚Connell Street im Zuge die­ses Auf­stan­des? Mit den Beset­zun­gen und vor allem mit ihrer römi­schen Zen­tra­le in der Via Napo­leo­ne III hat sich die Casa­Po­und Ita­lia ein Label ver­passt, posi­tio­niert sich mit dem Haus­be­set­zer-Image stra­te­gisch auf dem Markt der rech­ten Uto­pi­en und ver­kauft so trans­na­tio­nal ihr natio­nal-revo­lu­tio­nä­res Bewe­gungs­mo­dell. Der Sitz des „Hogar Soci­al Madrid“ in der ehe­ma­li­gen Ban­ca Priva­da de Andor­ra in Madrid (screen­shot)

Kein Wun­der also, dass sich auch die Apo­lo­ge­ten Casa­Pounds in Haus­be­set­zun­gen üben. So das „Hogar Soci­al Madrid“, das seit rund vier Jah­ren grö­ße­re Objek­te in der spa­ni­schen Haupt­stadt besetzt. Oder die „Bas­ti­on Soci­al“, die der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Emma­nu­el Mar­con neben „Blood and Honour“ und „Com­bat 18“ zur Zeit ver­bie­ten will. So besetz­te die Bas­ti­on Soci­al zum Auf­takt ihrer Bewe­gung im Mai 2017 ein Gebäu­de in Lyon. 

Und seit dem 16. Febru­ar 2019 hält ihr Straß­bur­ger Able­ger unter dem Namen „L‚Arcadia“ in der elsäs­si­schen Gemein­de Ent­z­heim ein Gehöft besetzt und reno­viert es. Und das rechts­ra­di­ka­le ukrai­ni­sche Azov-Regi­ment bau­te in den letz­ten Jah­ren nicht nur sei­ne mili­tä­ri­sche Infra­struk­tur aus, son­dern gab sich nach Casa­Po­und Ita­lia-Vor­bild einen Zivil­ver­band, eine Par­tei und im Her­zen Kiews ein „Kosa­ken­haus“.

Für die Bewe­gung Casa­Po­und haben ihre Beset­zun­gen, ins­be­son­de­re die via Napo­leo­ne III, einen hohen ideo­lo­gi­schen, pro­pa­gan­dis­ti­schen und stra­te­gi­schen Wert. Zeit­gleich bil­den die Beset­zun­gen und ihr ille­ga­ler Sta­tus aber auch eine Achil­les­fer­se für die auf Lega­li­tät ange­wie­se­ne Wahl­par­tei Casa­Po­und Ita­lia. Ein Wider­spruch, der ange­sichts einer dro­hen­den Räu­mung eine gro­ße inter­ne Spreng­kraft für Casa­Po­und Ita­lia bedeu­tet. Wie soll, darf, kann eine Wahl­par­tei reagie­ren? Wie muss eine natio­nal-revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung das Herz­stück ihres Mythos ver­tei­di­gen? Casa­Po­und Ita­lia steht vor einem Dilem­ma. Wie sie bei einer Räu­mung auch han­deln wür­de, in der einen oder ande­ren Rich­tung wür­de sie einen Ver­lust hin­neh­men müs­sen: Ent­we­der als Par­tei oder als Bewe­gung.

Der Beitrag erschien zuerst hier

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