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23.03.2019, Jamal Tuschick

Ein Wolfsrudel, so menschlich wie die Natur, macht sich bereit für die Nacht. Jede Nacht ist Party im Wald. Der Wald sieht aus wie eine Rammstein-Kulisse in „Blue Moon“, einem zurzeit im Berliner Ballhaus Ost gezeigten Stück über das Glück der Wölfinnen in einer Gemeinschaft ohne Lüge.

Wolfsfeminismus

Zwischen Schiffsbauch und Folterkammer

Der Anfang spielt auf eine europäische Großerzählung an. Doch anders als in den konventionell antagonistischen Auffassungen des Märchens vom arglistigen Wolf und der rot markierten Arglosigkeit fraternisiert Rotkäppchen in „Blue Moon“.  

Das Bühnenbild schafft der Phantasie einen Raum zwischen den Assoziationsarenen Folterkammer und Segelschiffsbauch. Das Publikum bildet einen schmalen Saum. Keine Barriere trennt es vom Geschehen. Das Randfigurenensemble lagert im Aktionsradius der Schauspielerinnen. In einem frühen Bild verschmelzen Rachell Bo Clark, Anca Huma, Sarah Lasaki, Lisa Rykena und Ursina Tossi zu einer Skulptur. Deren ambulanter Charakter zeigt sich dann, wenn der Aufbau zerfällt und sich die Protagonistinnen elementar neu zusammensetzen. Die Fünf präsentieren sich als Kopulations-, Jagd- und Kampfgemeinschaft. Mit gefletschten Zähnen rennen sie gegen das Publikum an.

Aus der Ankündigung

Die Werwölfin hat animalische Kraft. Sie frisst, sie greift an, sie rebelliert. Sie verführt, sie jagt. Sie ist Anti-Heldin und Phantasma. Genauso wie Hexen gehörten Werwölf*innen im Mittelalter zu den Figuren, die herbeifantasiert wurden, um alleinstehende Frauen, Häretiker*innen, Streuner*innen oder Menschen mit non-konformen Verhalten und abweichender Sexualität als gefährlich zu stigmatisieren und zu bestrafen. Seitdem ist der Werwolf ein Archetyp, mit dem in der Kulturgeschichte die Grenze zwischen »zivilisiertem« und »wildem«, dem Menschlichen und Tierischen, der Norm und dem Anderen markiert wird.In BLUE MOON wird der meist männlich konnotierte Werwolf angeeignet und in Zustände weiblicher Monstrosität überführt. In einem Setting zwischen Folterkammer und Schlachthaus geht die »Gang« der 5 Performer*innen durch verschiedene Stadien: sie werden exzessiv sexuell und bestialisch, sie erzählen scheinbar unschuldige Märchen oder werden zu Richter*innen über die Menschheit. Mal performen sie einen Cat Walk, mal hooliganistische Energie, mal morphen sie in einen subjektlosen Organismus – dabei entweichen sie jeder Eindeutigkeit und changieren ambivalent zwischen post-humanem Menschen-Tier und Weiblichkeitsklischees, zwischen Opfer und Täter*innen. Die Bühne wird zu einem unheimlichen Biotop, in dem Filmzitate aus Horror- und Science-Fiction-Filmen, Repräsentationen von Weiblichkeit und feministisch-orgiastische Körper allgegenwärtig sind. In deutscher und englischer Sprache.

Performance: Rachell Bo Clark, Anca Huma, Sarah Lasaki, Lisa Rykena, Ursina Tossi. Choreografie: Ursina Tossi. Dramaturgie: Margarita Tsomou. Bühne: Hanna Lenz  

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