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24.03.2019, Jamal Tuschick

Eine kurze Geschichte faschistischer Squats in Italien von Heiko Koch - 6. Folge

Cen­tri Socia­li di Des­tra

Wann wird der Hauptsitz der Casa Pound Italia geräumt?

Von 2003 bis 2008 wur­den die rech­ten Beset­zun­gen in Rom von dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Bür­ger­meis­ter tole­riert, von 2008 bis 2013 von dem (post-)faschistischen Bür­ger­meis­ter beschirmt und von 2013 bis 2016 igno­rier­ten die Stadt­obe­ren sie ein­fach. Seit Mit­te 2016 hat Rom mit der 40jährigen Vir­gi­nia Rag­gi von der Par­tei „Movi­men­to 5 Stel­le“ eine neue Bür­ger­meis­te­rin. Und seit Mit­te 2018 hat Ita­li­en einen neu­en Innen­mi­nis­ter, Matteo Sal­vi­ni. Sal­vi­ni drängt seit Beginn sei­ner Amts­zeit dar­auf, besetz­te Häu­ser und Fabri­ken zu räu­men. Und wenn es nach ihm geht sol­len min­des­tens 22 von den fast 100 Beset­zun­gen in Rom bis Ende des Jah­res geräumt wer­den. Zwei­fels­oh­ne ste­hen den lin­ken Beset­zun­gen in Rom und ganz Ita­li­en sehr har­te Zei­ten bevor. Was heißt die­ser Räu­mungs­wil­le aber für die „Cen­tri Socia­li di Des­tra“ und Casa­Po­und Ita­lia?

Schon im Novem­ber 2017 ließ die amtie­ren­de Bür­ger­meis­te­rin von Rom eine lan­ge von der Ver­wal­tung ver­ges­se­ne Räum­lich­keit der „Fratel­li d‚Italia – Alle­an­za Nazio­na­le“ in der Col­le Oppio räu­men.71 Seit 1972 hat­te zunächst die MSI, dann alle fol­gen­den faschis­ti­schen Nut­zer kei­ne Mie­te gezahlt. Und zu Beginn des letz­ten Jah­res war seit lan­gem das ers­te Mal in der Pres­se die Rede davon, dass das inter­na­tio­na­le Aus­hän­ge­schild der Casa­Po­und Ita­lia, die Via Napo­leo­ne III, geräumt wer­den sol­le. Die Füh­rer der Casa­Po­und Ita­lia schäum­ten vor Wut. Gian­lu­ca Ianon­ne sprach davon, dass eine Räu­mung ein Kriegs­akt wäre und sie bereit sei­en bei der Ver­tei­di­gung des Hau­ses zu ster­ben: „Sarebbe [un] atto di guer­ra. [Sia­mo] Pron­ti a mor­i­re per difen­der­la.”72 Und Simo­ne di Ste­fa­no pro­phe­zei­te, dass sie die Via Napo­leo­ne III mit Zäh­nen und Klau­en ver­tei­di­gen wür­den: „Resis­te­remo con ung­hie e den­ti“.73

Dies war zu Zei­ten des ita­lie­ni­schen Wahl­kampfs und die Ankün­di­gun­gen erschie­nen als ein Wahl­ma­nö­ver der Par­ti­to Demo­cra­ti­co. Als dann aber am 22. Okto­ber 2018 eine ange­kün­dig­te Abord­nung der Finanz­po­li­zei das Haus für eine Inspek­ti­on des Rech­nungs­hofs auf Zustand, Män­gel, Nut­zung und Anzahl der Bewohner*innen unter­su­chen und betre­ten woll­te, stell­ten sich ihr Casa­Po­und Mit­glie­der in den Weg und bedroh­ten die Beam­ten mit einem „Blut­bad“. Sie ver­kün­de­ten „Se ent­ra­te finis­ce nel san­gue“ (dt.: Wenn ihr ein­tre­tet, endet das im Blut).74 Die Inspek­ti­on der Immo­bi­lie und ihres Sta­tus wur­de abge­bro­chen. Nach außen hin ver­kün­de­te Casa­Po­und, ihre Ver­wei­ge­rung einer Inspek­ti­on wäre zum Schutz der Wür­de der dort leben­den Fami­li­en erfolgt.75 Bedro­hun­gen und Belei­di­gun­gen hät­ten Mili­tan­te der Casa­Po­und Ita­lia nicht aus­ge­spro­chen. Für den 27. Okto­ber lud Simo­ne di Ste­fa­no, der Par­tei­se­kre­tär der Casa­Po­und Ita­lia, zum „Tag der offe­nen Tür“. An die­sem Tag prä­sen­tier­ten sich angeb­lich in dem Haus leben­de Fami­li­en der Pres­se. Am 28. Okto­ber konn­ten die Finanz­be­am­ten das Gebäu­de betre­ten und eine Inspek­ti­on vor­neh­men. Wäh­rend­des­sen tru­del­ten die Soli­da­ri­täts­adres­sen unter­schied­li­cher faschis­ti­scher Grup­pen aus Kana­da, den USA, Por­tu­gal, Spa­ni­en, Frank­reich, Kor­si­ka, Ser­bi­en, der Schweiz und ande­ren Län­dern in Rom ein und ver­kün­de­ten das unzer­trenn­li­che Band der Kame­rad­schaft mit den von Räu­mung bedroh­ten ita­lie­ni­schen Kamerad*innen. Seit­dem schwelt der Kon­flikt um eine anste­hen­de Räu­mung. Im Novem­ber letz­ten Jah­res äußer­te die Bür­ger­meis­te­rin Vir­gi­nia Rag­gi: „Casa­po­und? Sia­mo pron­ti, con­to su un sosteg­no del gover­no“ (dt.: Casa­po­und? Wir sind bereit, ich zäh­le auf die Unter­stüt­zung der Regie­rung).76

Ende Janu­ar 2019 haben „Movi­men­to 5 Stel­le“ und „Par­ti­do Demo­cra­ti­co“ im Gemein­de­rat der Stadt Rom mehr­heit­lich für eine umge­hen­de Räu­mung der Via Napo­leo­ne III Num­mer 8 gestimmt.77 Damit exis­tiert auf der loka­len Ebe­ne ein kla­rer Ent­scheid des Stadt­rats zur Räu­mung der faschis­ti­schen Zen­tra­le. Nun liegt die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung bei Matteo Sal­vi­ni, dem rechts­po­pu­lis­ti­schen Innen­mi­nis­ter Ita­li­ens. Sal­vi­ni wur­de befragt und äußer­te, dass die Räu­mung von Casa­Po­und nicht drin­gend sei. Der­zeit stän­den ande­re Pro­jek­te zur Räu­mung an.78 

Es ist zu bezwei­feln, dass der Innen­mi­nis­ter sei­ne Mei­nung ändern wird. Casa­Po­und Ita­lia war in dem Wahl­bünd­nis “Sov­ra­ni­tà — Pri­ma gli Ita­lia­ni” im Jahr 2015 sein Bünd­nis­part­ner. Damals traf sich Sal­vi­ni zum Essen mit der Füh­rungs­spit­ze Casa­Po­und Ita­li­as in der “Oste­ria Ange­li­no dal 1899”, dem Restau­rant Gian­lu­ca Ianon­nes in Rom.79 Gemein­sam trat man in Lis­ten zu diver­sen Kom­mu­nal­wah­len an und bestritt in Mai­land und Rom gemein­sa­me Kund­ge­bun­gen und Demons­tra­tio­nen. 

Im Mai 2018 zeig­te sich der ange­hen­de Innen­mi­nis­ter dann beim End­spiel Juven­tus gegen Milan im römi­schen Olym­pia­sta­di­on in einer Jacke der faschis­ti­schen Mode­mar­ke Pivert, die von Casa­Po­und-Mit­glie­dern betrie­ben wird. 80 Und erst Mit­te Dezem­ber 2018 bewarb Sal­vi­ni das Buch „Come la Sab­bia di Herat“ (dt.: Wie der Sand von Herat) von Chia­ra Gian­ni­ni, das im Casa­Po­und Ver­lag „Altaf­or­te Edi­zio­ni“81 erschien. Aber auch jen­seits die­ser all­täg­li­chen Distanz­lo­sig­keit des neu­en Innen­mi­nis­ters Ita­li­ens zu Apo­lo­ge­ten der faschis­ti­schen Dik­ta­tur unter Beni­to Mus­so­li­ni, funk­tio­niert die Arbeits­tei­lung zwi­schen den Faschist*innen der Casa­Po­und Ita­lia und der Lega her­vor­ra­gend. So war es die Casa­Po­und Ita­lia, die wochen­lang gegen die migran­ti­sche Beset­zung der ehe­ma­li­gen Peni­cil­lin-Fabrik LEO Roma in der Via Tibur­ti­na im Stadt­teil hetz­te und Kund­ge­bun­gen vor dem besetz­ten Gelän­de abhielt, bevor das Gebäu­de im Dezem­ber 2018 von den Sicher­heits­be­hör­den unter Anwe­sen­heit des Innen­mi­nis­ters Sal­vi­ni geräumt wur­de. Die For­de­rung der rech­ten Hausbesetzer*innen gegen die Beset­zung der migran­ti­schen Hausbesetzer*innen war „Bas­ta Deg­ra­do: Scom­be­ria­mo­li!“ (dt.: Schluss mit der Ver­wahr­lo­sung: Räu­men wir sie!) 

Ein wei­te­res Akti­ons­feld, das sich Lega und Casa­Po­und Ita­lia im letz­ten Jahr teil­ten war der Vigi­lan­tis­mus. Im ver­gan­ge­nen Som­mer patrouil­lier­ten Grup­pen von Casa­Po­und- und Lega-Mit­glie­dern an ita­lie­ni­schen Strän­den, um migran­ti­sche Kleinst­händ­ler an ihrem Mini-Erwerb — dem Ver­kauf von Decken, Son­nen­creme, Was­ser­eis, Melo­nen etc. — zu hin­dern und sie von den Strän­den zu ver­trei­ben. Die selbst­er­nann­ten “pas­seg­gia­te per la sicu­rez­za” (dt: Sicher­heits­spa­zier­gän­ge), die nichts wei­ter sind als faschis­ti­scher Vigi­lan­tis­mus 82 zur ras­sis­ti­schen Ein­schüch­te­rung, Bedro­hung und Ver­trei­bung, set­zen Sal­vi­nis Sicher­heits­ge­set­ze und sei­ne ras­sis­ti­sche Ver­trei­bungs­po­li­tik fak­tisch um. Qua­si ein faschis­ti­sches Vor­ex­er­zie­ren, wie sich die Lega und Casa­Po­und Ita­lia den ita­lie­ni­schen All­tag vor­stel­len.

Geht es nach Sal­vi­ni, so hat das Vor­ge­hen gegen die von Lin­ken besetz­ten Sozi­al­zen­tren Vor­rang. Laut Anga­ben des Innen­mi­nis­te­ri­ums gibt es in Ita­li­en 165 selbst­ver­wal­te­te Sozi­al­zen­tren, von denen sich 87 in einem lega­len und 78 in einem ille­ga­len recht­li­chen Sta­tus befin­den. 33 besetz­te Zen­tren befin­den sich in der Lom­bar­dei, davon 24 Beset­zun­gen in Mai­land. In Lati­um gibt es 28 selbst­ver­wal­te­te Sozi­al­zen­tren. Mit einer Aus­nah­me befin­den sich alle in Rom. In Kam­pa­ni­en gibt es 15 Stand­or­ten, davon 7 in Nea­pel. In der Emi­lia Roma­gna gibt es 14 Beset­zun­gen, davon 5 in Bolo­gna. Und in der Tos­ka­na gibt es laut Innen­mi­nis­te­ri­um der­zeit 12 sozia­le Zen­tren, von denen sich sie­ben in Flo­renz befin­den. Ande­re Zen­tren fol­gen in ande­ren Regio­nen der Halb­in­sel.83 So zeig­te sich Matteo Sal­vi­ni am 13. Febru­ar erfreut, dass im letz­ten hal­ben Jahr fünf Beset­zun­gen in Flo­renz geräumt wur­den. Laut der Nach­rich­ten­agen­tur Aska äußer­te der Innen­mi­nis­ter: „Die Maß­nah­men zur Räu­mung der besetz­ten Gebäu­de hat­ten eine umge­hen­de Prio­ri­tät. … Zuerst mit der Ad-hoc-Richt­li­nie und dann mit dem Sicher­heits­de­kret haben wir effek­ti­ve Instru­men­te zur Bekämp­fung miss­bräuch­li­cher Beset­zun­gen geschaf­fen. Von Wor­ten zu Fak­ten.„84

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Haupt­sitz der Casa­Po­und Ita­lia in der Via Napo­leo­ne III in der nächs­ten Zeit nicht geräumt wird. Somit wird Gian­lu­ca Ianon­ne, der “schwar­ze Her­bergs­va­ter” der Via Napo­leo­ne, wie ihn der deut­sche Neu­rech­te Mar­tin Licht­mesz nann­te, nicht in die Ver­le­gen­heit kom­men und sich auf dem Altar der Nati­on für das faschis­ti­sche Haupt­quar­tier im Stadt­teil Esqui­li­no opfern müs­sen. Das Gebäu­de wird ver­mut­lich noch eine Zeit­lang als inter­na­tio­na­les Aus­hän­ge­schild und zur Mythen­bil­dung der “fascis­ti del ter­zo mil­le­nio” die­nen. Und wie um ihre dau­er­haf­te Prä­senz zu unter­strei­chen, kün­dig­te der Par­tei­se­kre­tär Simo­ne di Ste­fa­no einen Tag nach dem Räu­mungs­be­schluss aus dem Stadt­rat die Kan­di­da­tur der Casa­Po­und Ita­lia für das EU-Par­la­ment an.

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71 „Il Cam­pi­do­glio M5S sfrat­ta Fratel­li d’Italia da Col­le Oppio“ (Next Quo­ti­dia­no, 01.11.2017)

72 „Roma, pron­to lo sgom­be­ro di Casa­Po­und, Ian­no­ne: “Sarebbe atto di guer­ra. Pron­ti a mor­i­re per difen­der­la”“ (Caglia­ri­pad., 25.01.2018)

73 „Casa­Po­und, Di Ste­fa­no: „Resis­te­remo con ung­hie e den­ti““ (Il giorna­le, 23.01.2018)

74 „Blitz a Casa­Po­und, minac­ce ai finan­zie­ri: «Se pro­va­te ad ent­ra­re finis­ce nel san­gue»“ (Il Mess­ag­ge­ro, 23.10.2018); „Casa­po­und, blitz Finan­za nel­la sede di Roma respin­to: ‚Se ent­ra­te finis­ce nel san­gue‘“ (Blas­ting News, 23.10.2018)

75 „Casa­Po­und bloc­ca la per­qui­si­zio­ne e ‚cac­cia‘ la Finan­za: „Trop­pe tele­ca­me­re, non garan­ti­ta digni­tà dei resi­den­ti““ (Roma Today, 23.10.2018)

76 „Sgom­be­ri, Rag­gi: «Casa­po­und? Sia­mo pron­ti, con­to su un sosteg­no del gover­no»“ (Il Mess­ag­ge­ro, 23.11.2018)

77 „Cam­pi­do­glio, ok a mozio­ne sgom­be­ro edi­fi­cio occup­a­to da Casa­Po­und“ (La Repubbli­ca, 29.01.2019)

78 „Sal­vi­ni sullo sgom­be­ro di Casa­Po­und: «Pri­ma ci occup­er­e­mo degli edi­fi­ci per­i­co­l­a­n­ti»“ (Giorna­l­et­tis­mo, 29.01.2019); „Sgom­be­ro Casa­po­und, Sal­vi­ni fre­na Rag­gi: „Pri­ma edi­fi­ci insta­bi­li e sot­to seque­s­tro““ (Roma Today, 30.01.2019)

79 „Esqui­li­no, cacio pepe e Casa­Po­und Da capo a oste, l’altra vita di Ian­no­ne“ (Cor­rie­re del­la Ser­ra, 05.08.2012); „Quan­do Matteo Sal­vi­ni anda­va a cena con Casa­Po­und“ (Next Quo­ti­dia­nio, 12.05.2018)

80 „Sal­vi­ni ver­sio­ne ultrà allo sta­dio: tra i vip con il ‚giub­bet­to sim­bo­lo di Casa­Po­und‘“ (La Rep­pu­bli­ca, 11.05.2018)

81 Foto: Matteo Sal­vi­ni und Chia­ra Gian­ni­ni (Face­book-Site: Altaf­or­te Edi­zio­ni, 17.12.2018)

82 Wiki­pe­dia: Vigi­lan­tis­mus

83 „Sal­vi­ni dichia­ra guer­ra ai cen­tri socia­li: sono per­i­co­lo­si“ (aska­news, 19.02.2019)

84 „Firen­ze, Sal­vi­ni: bene quin­to sgom­be­ro in sei mesi“ (aska­news, 13.02.2019)

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