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25.03.2019, Jamal Tuschick

Angeregt von einer Dokumentation, vergleicht er die Karrieren von Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler, die alle auch im Kontext des bewaffneten Kampfs gegen „eine verunsicherte Republik“ in Erinnerung geblieben sind. Schirach gelingt psychologische Genauigkeit in wenigen Zeilen. Er arbeitet Ströbeles Farblosigkeit heraus und erkennt in einer Rechtsstaatsversessenheit Schilys stärksten Antrieb. Den „rechtsradikale Holocaustleugner“ und Raf-Gründer Mahler schildert Schirach als einen in Hegels nichteuklidischer Gedankengeometrie Verhedderten. Er beschreibt das Hegel’sche Gedankengebäude als geschlossene Anstalt ohne die Exkulpationskuren der Psychiatrie.

Nichteuklidische Gedankengeometrie

Ferdinand von Schirach

Der Tod des Vaters berührt ihn kaum. Die Teilnahme an der Beerdigung ist ein solistisches Ereignis für den fünfzehnjährigen Zögling Schirach. In der ersten Reihe der Münchner Aussegnungshalle sitzt eine „fremde Frau“ als Nachfolgerin jener, der es obliegt, dem in einem schattigen Schwarzwaldtal internierten Spross eines sorbischen Geschlechts eine Erziehung im Geist jener Elite angedeihen zu lassen, deren Ideal der preußische Offiziersadel in Friedrichs Diensten war. Ihnen nach kam der unglückliche Kleist, auf den Schirach sich bei einer suizidalen Anwandlung beruft.  

Ferdinand von Schirach, „Kaffee und Zigaretten“, Geschichten und Bemerkungen, Luchterhand, 190 Seiten, 20,-

Der Selbstmord misslingt im Vollrausch, Schirach erzählt davon in der dritten Person. Er distanziert sich von der Empfindsamkeit seiner Jugend. Der Illeismus wirkt sonderbar; er treibt das unausgesprochene Ich die Wände hoch. In groben Zügen ergibt der autobiografische Abriss folgendes Bild. Schirach erlebt eine lieblose Kindheit und unfrohe Internatsjugend. Eine Synästhesie steigert seine Wahrnehmung und isoliert ihn. Mit achtzehn will er sterben, bald darauf hat er Sex. Thanatos und … nach dem erotischen Aufschwung wechselt der Erzähler das grammatische Geschlecht und kehrt aufgemöbelt wieder in seiner Jugend ein. Als Siebzehnjähriger genoss er in Yorkshire die Gesellschaft eines exzentrisch verarmten Adligen, der Königin Elisabeth von England „very middle class“ fand und einen dreißig Jahre alten Rolls Royce fuhr. In einem Kino begegnete Schirach Mick Jagger, seit zwei Jahren „regierte Margaret Thatcher mit eiserner Hand“. Fünfunddreißig Impressionen später erscheint die Eiserne Lady in einer privaten Travestieshow als Lustobjekt eines greisen Bankiers, der so mächtig ist, dass amerikanische Präsidenten in seiner Aura subaltern sind. Der „weltweit geschätzte Mäzen und Philanthrop“ degradiert seine fünfzig Jahre jüngere, sechste Ehefrau in einem Arrangement so, dass er es passend finden kann zu sagen: „Sehr brav, meine kleine Mrs. Margaret Thatcher“.

Schirach treibt ein Vergnügen auf die Aussichtsplattformen über den menschlichen Abgründen. Seine Vergleiche und Zusammenstellungen fokussieren stets ein maßloses Scheitern. Angeregt von einer Dokumentation, vergleicht er die Karrieren von Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler, die alle auch im Kontext des bewaffneten Kampfs gegen „eine verunsicherte Republik“ in Erinnerung geblieben sind. Schirach gelingt psychologische Genauigkeit in wenigen Zeilen. Er arbeitet Ströbeles Farblosigkeit heraus und erkennt in einer Rechtsstaatsversessenheit Schilys stärksten Antrieb. Den „rechtsradikale Holocaustleugner“ und Raf-Gründer Mahler schildert Schirach als einen in Hegels nicht-euklidischer Gedankengeometrie Verhedderten. Er beschreibt das Hegel’sche Gedankengebäude als geschlossene Anstalt ohne die Exkulpationskuren der Psychiatrie.

Ich kann mich dem Schirach’schen Sog nicht entziehen. Nach einem Termin in einem heruntergekühlten Prestigebau in Jordanien mietet sich der Autor einen Landrover und brettert ins Wadi Rum, um einen historischen Filmschauplatz bei dreißig Grad im Schatten in Augenschein zu nehmen. Er macht keine Bilder, „die Wüste lässt sich nicht fotografieren … hier gibt es kein Ziel, keine Vergangenheit, keine Erzählung. Die Wüste ist nicht für die Menschen gemacht“.

In der gleißenden Stille geht Schirach Camus durch den Kopf. Er erinnert an das Manuskript, das Camus‘ Unfalltod überlebte – ein Roman, der als Brief an die Mutter deklariert ist. Zum Schluss erfährt man, dass die Mutter nicht lesen kann. Schirach sucht diese Perfektion, Kreise, die sich magisch schließen. Er schreibt: „Vielleicht hat Camus nie besser (als zum Schluss) geschrieben, seine Bilder sind hart und karg, abgezirkelte Schatten. Sie sind wie der Sand in diesem Wüstental, der in die Haut schneidet.“

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