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14.06.2018, Jamal Tuschick

Meine Kindheit war gelb – Eine Kollaboration von Maryna Markova und Jamal Tuschick

Die weiße Stadt (in Tel Aviv)

Die Kriegszeit wurde ausgespart. Sie fühlte sich wie eine Kellerecke an, kühl und schartig. Ich habe den Winkel in einem Untergrund nie gesehen. Er ist trotzdem nicht aus Imagination gebaut. Er dient keiner Metaphorik. Bestimmt gab es ihn in der Welt meiner Großeltern, die jiddisch sprachen, wenn ich die Gegenstände ihrer Verhandlungen nicht verstehen sollte. Ich sollte jüdisch sein, ohne den Schmerz der Juden in der Ukraine fühlen zu müssen. Die Überschreitungen im Geleit des deutschen Rassenwahns während des Krieges hatten dem Judenhass und der Verachtung keine Schamhemden angezogen. Das Jüdischsein machte mich, meine Eltern und die Großeltern zu Rehen. Wir lebten sprungbereit wie ein flüchtig äsendes Rudel.

In der Jägersprache heißt eine Gruppe Rehe nicht Rudel, sondern Sprung.

Wir waren ein Sprung der Wehrlosigkeit. Meine Großmutter, eine gebürtige Esther Schalom, nahm den neutralen Namen Markova auf dem Hochzeitsweg an. Meine Mutter behielt den Namen in der Ehe mit meinem Vater, der einen verräterischen Familiennamen hat. Das war eine Vorsichtsmaßnahme, für die es keinen Rahmen gab. Es gab keinen erlaubten Grund für Vorsicht. Es gab nur Beschimpfungen. Weiche Formen der Stigmatisierung, die aus einem hohlen Selbstverständnis kamen, das in meinen Übersetzungen von Empfindungen in Gerüche säuerlich roch. So wie es in Häusern riecht, unter denen Wasseradern verlaufen. In denen Libellen über Badewannen tanzen.  

Mich beschimpfte niemand. Meine Lehrerinnen mochten das brave Mädchen.

Vielleicht war meine Nase zu lang für eine perfekte Anpassung. Meine Schuluniform unterschied sich von den Uniformen meiner Freundinnen in Applikationen der Liebe. Großmutter benähte die offiziellen Stücke mit Schutzfetischen. So begleitete mich ihre Obhut.

Ich hatte keine Angst und konnte doch nicht denken vor Angst. Dafür konnte ich sehr gut alles Mögliche auswendig lernen.

Ich war ein glückliches Kind. Meine Kindheit war gelb. Nicht landschaftlich gelb wie ein Rapsfeld. Sondern städtisch gelb. Sie roch nach Plattenbau. In Marzahn finde ich sie wieder.

Ich bin in Dnepropetrovsk geboren. Ich habe die Stadt in der Nase. Das Weichbild zeichnet Industriekolossale an den Horizont. In meiner Erinnerung wird Dnepropetrovsk von herzlichen Promenaden zerschnitten. Der Dnepr erlaubt die Belagerung seiner Ufer. Ich erinnere Angler in ihrer Gemütlichkeit. (In meiner Erinnerung ist alles positiv abgebildet.)  

Dnepropetrovsk war osmanischen Einflüssen ausgesetzt. Die Goldene Horde überrannte den Siedlungsgrund. Tataren errichteten darauf ihr Regime. Das bedeutete nichts.

Was riechst du?

Ich rieche Bouletten und Kartoffelbrei: eine alltägliche Mahlzeit, die mir Großmutter vorsetzte. Ihr Mann war Fotograf. Ich sehe meine Mutter wie sie als junge Frau Schwarzweißbilder in der Küche koloriert; es gab eine Zeit gemeinsamen Wohnens. Ihr Vater war im Krieg verletzt worden. Er hatte schwarze Beine davongetragen. Das war die Familienversion. Vielleicht waren die schwarzen Beine auch einer prosaischen Krankheit geschuldet.

Der Vater meines Vaters war Künstler. Ich erhielt Privatunterricht in bildender Kunst.

Ich war ein zeichnendes Geschöpf und ein Objekt des Wohlgefallens. Ich verstand es als meine Aufgabe/Verpflichtung, angenehm zu erscheinen.

Totem & Tabu

Der engste Gefährte meiner Kindheit war ein Wellensittich, der sich bei meinen Großeltern aus eigenem Entschluss niedergelassen hatte. Er begleitete mich fünfzehn Jahre und lebte auch noch in Deutschland mit mir/uns zusammen. Er ist mein Totemtier. Deutsch hat er nie gesprochen.   

Deutsch sagt mir nichts. Ich kann in dieser Sprache nichts fühlen. Deshalb erlaubt sie mir, Sprachtabus zu brechen. Aber selbst auf Deutsch kann ich dir nicht sagen, mit welchen Anteilen meiner Persönlichkeit ich Jüdin bin.

Es ist etwas dem Körper Eingeschriebenes. Eine Druckversion …

Es könnte von einem großen Zeh repräsentiert werden oder im linken Knie inkubiert sein.

Die Großmutter verlangte im Bukett der Bitte, einen jüdischen Mann zu heiraten. Ich gehorchte ihr zu meinem Gefallen.  

Was hat das zu bedeuten?

Wir betrachten Zeichnungen, die Maryna mit einem Skalpell gemacht hat. Sie schneiden die Weiße Stadt in Tel Aviv auf. Bauhausarchitekten, die nach der nationalsozialistischen Machtergreifung aus Deutschland in das gelobte Land kamen und da die europäische Moderne einführten, nahmen mit ihrer kulturellen Okkupation die israelische Staatsgründung vorweg. Sie schufen Fakten.

Meine Eltern sind Ingenieure. Meines Wissens haben sie nie in ihren Berufen gearbeitet. Mutter hatte eine Baufirma. Vater restaurierte und verlegte Böden.  

Die Eltern beweisen Tüchtigkeit. Sie blicken nicht zurück. Als stünde ihre Vergangenheit in Flammen. Als ginge es nur darum, die Sache Leben hinter sich zu bringen, ohne einen Pogrom zu erleben.

Ich war fünfzehn, als die Familie sich 1999 in Berlin niederließ. Ich riss mir die Sprache unter den Nagel und machte Abitur. In der Zwischenzeit gingen meine Eltern durch die Schule einer Deklassierung, wie sie für Migranten normal ist. Vater konkurrierte mit Ungelernten auf dem Bau, Mutter putzte. Ich war das „Opfer“ anderer Schülerinnen. Sie nannten mich so. Ich fiel in den Keller einer Depression. Es war für mich neu, nicht gemocht zu werden. Meine Methoden der Anpassung funktionierten nicht mehr. Unterwerfung half nicht. Deshalb fing ich an zu denken. Ich gab meinen gelben Tagtraum auf und überschritt die Grenzen der Intuition.

Ich zog Aufnahmen von Menschenmassen aus dem Internet und zeichnete sie ab. Die Massen kamen gesichtslos bei mir an. Ihre Leiber empfing ich wie Baumaterial für einen Raum, den ich in meinen Bildern ausbaue. Ich habe den Raum nie gesehen und doch weiß ich, dass es ihn gab. Er ist so konkret wie die Kellerecke, in der sich die Kriegs- und Verfolgungserlebnisse meiner Großeltern stapeln. Vielleicht zittert in meinem Knie eine Erinnerung an ihn.  

Wird fortgesetzt.  

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