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26.03.2019, Jamal Tuschick

Bemerkungen zu Philipp Ruchs „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“ - 5. Folge - Man verliert die Ehre auf dem Weg nach unten. Der Verbeugungsgrad zeigt den Status an.

Kaskade von Kniefällen

Der Schmalkaldische Krieg endete im Frühjahr 1547 mit einer Niederlage der Evangelischen. Karl V. nahm die fußfällige Abbitte der Besiegten entgegen. Barbara Stollberg-Rilinger spricht von einer „Kaskade von Kniefällen vor dem Kaiser“. Im Gegenzug gewährte Karl Gnade. Ruchs „Ehre und Rache“ zeigt Landgraf Philipp von Hessen im Augenblick der Unterwerfung nach einer gestochenen Schilderung. Auch Philipps stärkster Bündnisgenosse, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, war bei Mühlberg an der Elbe in Gefangenschaft geraten.

Philipp Ruch, „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“, Campus, 437 Seiten, 39,95 Euro

Der Kaiser setzte die Staatsräson im Rahmen der Reichsordnung durch.

Er brauchte die Renegaten, das heißt, ihre Ehrenhaftigkeit lag in seinem Interesse. Er musste wohl in manchen sauren Apfel beißen und gute Miene zum bösen Spiel der Abtrünnigen machen, deren Dissens in der neuen Religion sich manifestierte.

Das war ein Aushandlungsprozess nach Maßgabe der Rechtsfolgen, wie Ruch nicht müde wird festzustellen. Ich gehe soweit zu sagen, dass Philipp am Boden mehr gewann als im Sattel. Seine Abbitte war ein verkappter Forderungskatalog. Er wollte aus der Reichsacht entlassen werden und weiter über Hessen herrschen, so als ergäbe sich dieser Anspruch aus einer anderen Legitimation als Gewalt.

Hatte er die Gewalt über Hessen nicht im Sattel verloren?

Karl hob die Acht auf und wahrte die Integrität Hessens, obwohl er das Territorium jedem anderen als Lehen hätte zuerkennen können. Immerhin ließ er Philipp nicht gleich nach Hause reiten. Erst 1552 kehrte der Graf aus niederländischer Kaiserhaft nach Kassel zurück.

Philipps Fußfälligkeit markiert einen Schlusspunkt der Gnadenpolitik, sagt Stollberg-Rilinger. Karl untergrub den strikten Zusammenhang von Unterwerfung und Gnade, der darin gipfelte, dem Gedemütigten entweder alles zu nehmen oder nichts. Philipp stellte im Gegenzug seine Demütigung als Farce hin. Er verweigerte Karl die Genugtuung demonstrativer Ergebenheit.

Ruch interessiert vor allem der Abstand der Protagonisten zum Boden. Man verliert die Ehre auf dem Weg nach unten. Der Verbeugungsgrad zeigt den Status an.

Ruch untersucht Spielarten der Selbstdemütigung von Gruppen und Personen, die an vorauseilende Unterwerfung gewöhnt sind und sich im direkten Umgang mit anders Sozialisierten zusätzlicher Häme aussetzen. Athener verhöhnten die persische Manie, sich vor Herrschern hemmungslos zu demütigen. Die Kriecherei erschien den Griechen barbarisch. Folgt man Ruch, ergaben sich die Verstimmungen aus einer Kollision „sozialer Konstrukte“.

Die Ehre, so Ruch, ergibt sich nicht aus einer Kultur in ihrer Besonderheit, sondern allein aus den (sich als normative Kraft des Faktischen aufspielenden) Rechtsfolgen. Ehre dient der Abwehr und Vermeidung sozialer Verschlechterungen. Sie dient als Aufstiegsvehikel. Tritt sie in den Verfall der Ästhetisierung, erschöpft sie sich im Prestige. Ihre volle Funktion erfüllt sie nur in archaisch-heroischen Gesellschaften. Da ist sie die Pfeife, nach der Krieger tanzen. Als sich Landgraf Philipp im Sommer 1547 bußfertig der Krone zu Halle an der Saale präsentiert, wird die Ehre bereits in den Prozessen der Zivilisation kompostiert.  De jure ist Philipp so mittellos wie ein Sklave. Nach seinem Selbstverständnis ist er aber Fürst geblieben. Das heißt, er wirft sich zwar vor den Kaiser auf den Boden (wie) in absoluter Nichtswürdigkeit, erwartet aber die augenblickliche Wiederaufnahme in den engsten Kreis der Macht.

Die Fußfälligkeit soll das nicht bedeuten, was sie historisch bedeutet.

Philipp hat sich dem Kaiser auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Während er seine Unterwerfung wenigstens bis zu einem bestimmten Punkt inszeniert, soll Karl mit seiner Gnade ernstmachen.

Die Frage ist: Wie verhält sich echte Gnade zu falscher Demut?  

Wird fortgesetzt.

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