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27.03.2019, Jamal Tuschick

Nachwuchsstimmen - Was willst du? Von wo kommst du? Young Migrants-Autorin Sanna Hübsch beschäftigt sich mit einer wahrscheinlich nicht böse gemeinten, trotzdem nervigen Frage.

Interesse an fremden Heimaten - Eine poetische Erkundung

Ach, das wird wieder einer dieser Standard-Texte, mit diesen Standard-Fragen, auf die ich selber keiner Lust mehr habe. Und doch, bestimmen sie so oft unser Leben. Gewollt oder ungewollt.

Wie oft kriegen People Of Color diese Frage gestellt „Von wo kommst du?“. Direkt wird dir ein Platz zugewiesen, du wirst deines hiesigen Platzes „Deutschlands“ verwiesen, aber nur aus „Interesse“. Und wie bei einer Wand, einer weißen Wand, der du stumm gegenüber sitzt, und die du anstarrst, gibst du wieder und wieder zu, welche Identität du hast, haben musst, weil du, du irgendwo herkommst, irgendein Ort der nicht hier ist, sondern irgendwo anders.

Schade, wenn ich dieses Irgendwo nicht kenne, wenn ich froh bin, einmal da gewesen zu sein, um zu wissen wie diese Heimat, die nicht meine ist, sein muss, damit ich weiß, wo ich eigentlich hingehöre. Und was ist, wenn ich die Grenzen nicht anerkenne? Deine Verortung, die dir Sicherheit gibt, in diesem Gespräch mit mir, in deiner Identität als Deutscher, wenn ich die Grenzen in deinem Kopf, wenn ich die menschengeschaffenen Ländergrenzen, nicht akzeptiere?

Hinwegschauen und Ignoranz gegen Rassismus

Was ist, wenn ich dich, weiße Wand, einfach nur anstarre, weil ich sie nicht hören kann, weil sie nur ein Blatt ist, mit immer denselben Fragen, und immer denselben Gesprächen, mit immer denselben Ausreden, mit immer denselben Grenzen, was ist, wenn ich diese Wand bei der nächsten Zuschreibung, bei der nächsten Verortung meiner Selbst, einfach ignoriere, denn ich spreche ja nicht deine Sprache.

Aber egal, wir sollten weniger sensibel sein, und einfach über diese Ignoranz hinwegschauen. Wer mich kennt, weiß, dass ich das mache. Fast immer. Drüber hinwegschauen. Gut von Menschen denken. Beschwichtigen. Relativieren. Nicht, dass es nicht auch durchaus gut sein kann, denn ist das nicht auch ein Stück weit eine materialistische Analyse, weil wir irgendwo, ohne irgendjemandem die Verantwortung seines Handelns zu nehmen, alle Produkte unserer Verhältnisse, unserer Sozialisation sind? Und dennoch, haben wir alle die Verantwortung, unseren Kopf zu benutzen und uns unserer Privilegien bewusst zu werden. Ja, natürlich kannst du mich fragen, von wo ich komme, und okay, ich weiß vielleicht, dass es oftmals nicht böse gemeint ist, aber wann ist schon etwas böse gemeint? Meistens ist es einfach nur nicht durchdacht, nicht gut durchdacht. Denn ein Nachdenken darüber, was „von wo kommst du“ impliziert, und warum du gerade mich fragst und nicht meine Nachbarin zum Beispiel, nur weil ich ein Kopftuch trage, würde dir vielleicht zu denken geben, warum diese Frage etwas mit Macht und Dominanzstrukturen der Mehrheitsgesellschaft zu tun hat, mit weißer Hegemonie, ja, tatsächlich, jetzt bitte nicht böse sein, mit Rassismus.

Doch nicht so böse gemeint?

Ja, ich weiß, eigentlich ist es dir egal, von wo ich komme, und du siehst keine Farben, und kein Geschlecht, und ja, wir sind alle für Frieden. Aber gleichzeitig tun wir nichts gegen Abschiebung und das Kopftuchverbot, gleichzeitig werden Bomben auf Afghanistan geschmissen, gleichzeitig finden rechte Gruppen Anklang und ziehen ins Parlament, aber eigentlich sind ja alle Menschen gleich und eigentlich kämpfen wir immer nur gegen das Böse, denn wir sind die Guten, und eigentlich findest du andere Nationen und Länder auch viel interessanter als Deutschland, aber eigentlich sollten wir alle auch dankbar dafür sein, dass wir in Deutschland leben dürfen, denn hier gibt es Chancen für alle, und Freiheit für jeden und wir dürfen hier ja alles sagen und fragen was wir wollen, also „Von wo kommst du?“ Aber ich will nicht, dass du das fragst, viel interessanter scheint mir nämlich die Frage zu sein, wo wir hinwollen. Denn darauf haben wir einen weit größeren Einfluss, als auf unseren „Ursprung“. Und wo will ich hin?

Es geht nur um Erwartungen?!

Schon beginne ich zu stottern. Hingehen, hinwollen. Als ich noch zur Schule ging, habe ich mir das Leben sehr geradlinig vorgestellt. Schule, Studium schnell durchziehen, Auslandsaufenthalte, dann arbeiten, heiraten, Familie gründen, arbeiten, reisen, lesen, paar Hobbys hier und da, ehrenamtlich arbeiten, dies das, Ananas. Thats it. Kleinbürgerlicher geht es nicht. Nicht, dass die Vorstellung nicht immer noch attraktiv erscheint, nicht dass ich ein kleinbürgerliches Leben abwerten will, was ist schon verkehrt daran? Nur, trifft es eben häufig nicht die Realität und schon gar nicht die Realität aller. „Hast du mal über deine Privilegien nachgedacht?“ Ja, hast du mal? Wer kann studieren, wer ins Ausland? Wie soll das Ganze überhaupt finanziert werden? Wo ist die schöne Chancengleichheit?

Und warum das Studium einfach schnell „durchziehen“? Um was geht’s denn beim Studieren überhaupt noch? Wissen? Erkenntnis? Bildung? Oder eher die möglichst schnelle Abfertigung von Arbeitskräften für den Arbeitsmarkt für das Bruttoinlandsprodukt… Wo bleibt das kritische Denken?

Dann stelle ich mir die Frage, ob man sich eigentlich in dieses fragwürdige vorherrschende System „integrieren“ will. Kann ich aber Strukturen der Mehrheitsgesellschaft, das Verhalten und die Normen des Kleinbürgertums, an sich gut finden, und dennoch gegen eine (männlich) weiße Hegemonie, gegen eine per se zu akzeptierenden Heteronormativität sein? Kann ich meine Privilegien nutzen, und zeitgleich solidarisch sein?

Das Gegenteil zu wollen, nur aus Trotz, als Rebellion, scheint mir auch irgendwie falsch und zu kurz gegriffen zu sein. Die Privilegien nicht zum Guten zu nutzen und im Bewusstsein dessen, scheint mir auch undankbar und verschwenderisch. Warum sie nicht nutzen, um anderen dieselben Privilegien gewähren zu können? Warum nicht „richtig“ studieren, um ein kritisches Bewusstsein zu erlangen, es weiterzutragen, neue Strategien zu überlegen, sich zu organisieren, zu kollektivieren, neue Möglichkeiten zu schaffen, für den Erhalt tausend neuer Lebenswirklichkeiten? Warum nicht eigene Ideale anstreben, egal wie kleinbürgerlich sie sind, zeitgleich aber nicht den Blick für die Zusammenhänge vergessen, nicht den Blick abwenden, Menschen zu unterstützen, die andere Ziele anstreben?

Aber hey, stop! Moment! Das ist viel zu viel, gerade für diesen Text! Du weichst gerade vom Thema ab. Das hat dann nichts mehr mit Rassismus zu tun, denn nur dazu können MigrantInnen etwas sagen! Also, von wo kommst du nun her?

Der Beitrag erschien zuerst hier  

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