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29.03.2019, Jamal Tuschick

Protokolle der Gegenwart - Die Mainlabor- und Textland-Autorin Sandra Gugić debütiert als Lyrikerin

Reversibles Versehen

Sandra Gugić

Die Sache fängt gut an. Sofort baut sich Spannung auf. Aus Doublebind wird Doubleblind. Die „Beobachterin“ erfährt nicht, wer ihre Prüfleserin ist, siehe Wikipedia. Sie befindet sich in durchgezogener Kleinschreibung „unter aufsicht in quarantäne“.

Sandra Gugić, „Protokolle der Gegenwart“, Gedichte, mit Illustrationen von Oliver Hummel, Verlagshaus Berlin, 125 Seiten

In ihrem Arrest fertigt sie „to-do-listen der Ohnmacht“ an. Sie sucht da „nach alltäglichen beweisen moralischer insolvenz“.

Die Zitate stammen aus einem Gedicht. Es ist den anderen vorgesetzt und weist noch mehr schöne Stellen auf.

Das zweite Gedicht klingt wie eine Trompete der Empörung. Ich horche auf. Die Rede ist von „eingezogenen köpfen (die sich) vor den kommentarspalten wegducken größere konflikte vermeiden zugunsten einer exklusiven identitätsvorstellung“.

Gibt es eine größere Exklusivität als das ein lyrisches Ich?

Ich vernehme den politischen Drive der Dichterin, eine aufgeraut-abgeklärte Attitüde, und finde meinen Mainlabor-Titel im „reversible(n) versehen“.

Ein reklamierendes Ich schlägt vor, „den ganzen körper als hirn (zu) benutzen“.

Tun wir das nicht? Ist nicht der Stoffwechsel ein Resultat unserer geistigen Verfassung? Der Notabwurf bei Angst ließe sich als Hirnschiss beschreiben.

„wenn ich ein mann wäre würde ich abwarten frei nach den gesetzen/von folgerichtigkeit“.

Das Vorauseilende und Mitjubelnde kommt daher, dass niemand zu spät kommen will, denke ich. Wer die Schwelle zur Notwendigkeit sieht, überschreitet sie auch; sich selbst vorauseilend.

Gugićs Gedichte sind Inspirationen, sind irrlichtende Geistesblitze, sind Einladungen zum Weiter- und Wiederlesen.

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